Fr., 02.05.2008

Die Vorgeschichte: Wie Münster Rickey lieben lernte

Münster . Ein gescheiterter Kauf, ein großherziges Geschenk und ein gewitzter Kunstexperte bescherten Münster eine produktive Dauerdebatte mit internationalem Ruhm. Und das kam so . . .
Bis Mitte der 70er Jahre findet das 20. Jahrhundert in Münster kaum statt – rein optisch versteht sich. Also überlegt sich eine eigens zum Zwecke der ästhetischen Aufholjagd eingesetzte Kunstkommission, wie die Bürger zwischen Aa und Werse vorsichtig darauf vorbereitet werden können, wie die Kunst außerhalb ihrer historischen „Festung“ inzwischen aussieht.

„Fangen wir doch mit was Spielerischem an“, sagen sich Kommission und Kulturausschuss. In der Berliner Nationalgalerie steht als Leihgabe eine „kinetische Skulptur“ von George Rickey – damals fast schon ein Klassiker der modernen Skulptur. Gesagt, entschieden: Durch ihre Entscheidung im November 1974 für das Rickey-Windspiel hoffen die Verantwortlichen, dass das spielerische Element dieser Arbeit den Zugang zur Moderne erleichtert.

Doch in Sachen Kunst und Geld hört für viele Münsteraner der Spaß auf. Der damalige Fuhrparkleiter Ferdi Stolle wünscht sich eine „realistische Plastik“ Und fragt, was dieser Rickey sein solle: „Leben, das sich dreht? Oder das Dreiparteiensystem in schillernden Farben? Da muss man schon ziemlich auf dem falschen Bahnsteig sein, wenn man das als Kunst ansieht.“ Polizeidirektor Franz Josef Pape zeigt sich völlig kompromisslos: „Die gefällt mir unter gar keinen Umständen.“ Selbst der evangelische Studentenpfarrer Dr. Friedrich Hufendiek lehnt dankend ab: „Für Münster nein, fürs Ruhrgebiet ja. Münster hat so viele schöne Kunstwerke, dass es genügend Abwechslung gibt.“ Als dann ein Angelmodder Kegelverein einen Rickey im Do-it-yourself-Verfahren aufstellt, kippt die Stimmung. Schließlich werden noch Kindergärten gegen die Kunst in Stellung gebracht. Das Geld könne man woanders besser einsetzen.

Dabei ist der international renommierte Künstler der Stadt beim Preis von 130 000 Mark schon mit einem Rabatt entgegengekommen.
Es half nichts. Volkes Stimme hat über heftige Leserbrief-Äußerungen die Ratsvertreter erreicht, und diese Stimme liegt ihnen am Herzen. Man fürchtet inzwischen um das Ansehen der Stadt. Die modernen Skulpturen würden einige Münsteraner sicher „erschauern“ lassen, und die avantgardistische überregionale Kunst-Kritik hätte dann eine willkommene Gelegenheit, die entsetzten Bürger-Reaktionen als „Provinzialismus“ und „Banausentum“ zu brandmarken. Der Kauf wird abgelehnt.

Doch dann kommt der 22. Januar 1975. Der Vorstand der Westdeutschen Landesbank unter Vorsitz von Dr. Ludwig Poullain beschließt: „Wir schenken der Stadt den Rickey.“ So werden die drei rotierenden Quadrate von George Rickey die erste moderne freistehende Plastik in Münster.

Da in Münster bekanntlich alles Gute von oben kommt, verstummt die Kritik. Da aber Verdrängung und Vermeidung nicht der Mentalität von Dr. Klaus Bußmann entspricht, geht für den späteren Direktor des Landesmuseums die Reise erst richtig los. Aus der leidenschaftlichen Diskussion schließt er, dass es ein Informationsdefizit in Sachen moderner Plastik in der Bürgerschaft gibt. Die Skulptur-Projekte sind geboren.

„Es geht um die Kenntnisnahme, nicht unbedingt um das Akzeptieren“, skizziert Bußmann den bescheidenen Ansatz. Er weiß, dass seine Kunstauffassung weit über das allgemeine Verständnis hinausgeht: „Diese neue Kunst steht für nichts mehr. Sie hat keine symbolische Bedeutung. Das ist ein neues Phänomen, das unsere Vorstellung von Kunst erweitert.“

Die „neue Kunst“ von damals ist inzwischen alte Kunst von gestern. 2007 wird die aktuelle „neue Kunst“ in Münster entstehen. Von den Skulptur-Projekten 1977, 1987 und 1997 ist einiges in der Stadt geblieben, von diesen Relikten sind ein paar Ruinen, andere werden wie Reliquien verehrt.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

kfzmarkt.ms Anzeigen

Autos, Motorräder, Wohnmobile und Nutzfahrzeuge aus Ihrer Region

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/564115?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F35537%2F596740%2F596976%2F