Do., 28.01.2010

Peter Maffay Peter Maffay: „Ich gehe andauernd an Limits“

Als Kind, lange vor der ersten Gitarre, hatte Peter Maffay Geigenunterricht . Mit Wonne hing er das filigrane Instrument irgendwann an den Haken. Jetzt, 40 Jahre später, holte den Rockmusiker seine Klassik-Vergangenheit wieder ein. Zum 40. Bühnenjubiläum spielte er seine größten Hits neu ein - mit Orchester und Band. „Tattoos“ heißt sein neues Album. Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Orchester? Unser Redaktionsmitglied Gunnar A. Pier besuchte Peter Maffay in seinem Studio in Tutzing und fragte nach.

Haben Sie die Geigen selbst eingespielt?

Peter Maffay: (lacht laut)

Also nicht.

Maffay: Schön wärs.

Haben Sie mal wieder eine Geige in die Hand genommen?

Maffay: Nee, das geht gar nicht. Eine Geige ist so filigran - wenn ich die anfasse, habe ich das Gefühl, dass sie zerbricht. Ich war neulich bei einer Veranstaltung, da hat die erste Geigerin des Stuttgarter Sinfonieorchesters gespielt. Das war so unfassbar! Da stehe ich fünf Meter daneben und denke: Gott sei Dank habe ich aufgehört.

Hat es Ihnen bei der Arbeit mit dem Orchester geholfen, dass Sie der klassischen Musik schon einmal begegnet sind?

Maffay: Ja, ich habe schon eine hohe Affinität. Ich habe immerhin sieben Jahre lang gespielt! In sieben Jahren lernt man nicht, wies geht, aber wie es klingt. Ich habe selber ziemlich viele Scheiben, alle Haydn-Werke zum Beispiel. Die lege ich auch manchmal auf. Mein Mädel verlässt dann allerdings fluchtartig den Raum. Durch den Unterricht, den ich damals als Kind bekommen habe, ist bei mir eine Offenheit entstanden für diese Form, zu musizieren. Und deshalb ist diese Symbiose so interessant. Wir machen ja sehr einfach gestrickte Sachen. Und wenn Sie jetzt die Tracks hören - das ist schon richtig amtlicher Tobak.

Wie haben Sie sich auf diese Arbeit vorbereitet - Partituren geblättert?

Maffay: Ich kann die gar nicht lesen. Ganz langsam geht es vielleicht, aber eine ganze Partitur zu erfassen - nee.

Wie sind Sie an die Arrangements herangegangen?

Maffay: Naja, du fragst dich: Wie stelle ich mir den Song vor? Und was will ich alles in dem Song haben? Soll mich das Orchester plattspielen, oder bleibt es dabei, dass die Band im Vordergrund steht? Das ist bei uns natürlich so. Wenn die Band nicht mehr das Sagen hat, verlieren wir unsere Kontur. Die Band gibt den Ton an, und das Orchester ist komplementär. Dann überlegst du: Wieviel von dieser komplementären Kraft willst du zulassen?

Und?

Maffay: Wir haben bestimmt ein Drittel rausgeschmissen. Wir haben das einem Arrangeur gegeben, und der hat uns richtig gezeigt, was er draufhat. Ich habe dann gesagt: Ich möchte das alles ein bisschen einfacher haben, offener, nicht so zugekleistert mit figurativen Elementen, wo du eigentlich lieber Ruhe haben möchtest. Also sitzt du im Studio und sagst: Die Spur brauche ich nicht, die nicht und die nicht. Plötzlich bist du bei einem Viertel angekommen, und es ist immer noch ausreichend.

Sind Sie mal im Studio an einen Punkt gekommen, an dem Sie gedacht haben: Was haben wir uns da bloß eingebrockt?

Maffay: Na klar.

Brauchen Sie manchmal dieses Gefühl, sich ein wenig übernommen zu haben?

Maffay: Brauchte Reinhold Messner den Beweis, dass er es ohne Sauerstoff auf den Mount Everest schaffen kann?

Ich denke schon.

Maffay: Im Grunde gehe ich andauernd an die Limits. Aber wenn du es dann irgendwie packst, bist du einen Schritt weiter. Mein Leben würde mir keinen Spaß machen, wenn ich nicht ein wenig gegen die Wand liefe.

Zurück zum Album: „Du“ klingt in der neuen Version sehr vertraut.

Maffay: Das ist auch das originale Arrangement. Leider existiert die Partitur nicht mehr. Wenn wir die noch hätten - das wär ein Hammer. Also musste unser Arrangeur hingehen und das raushören. Aber die Kompetenz von guten Arrangeuren ist immens, das habe ich jetzt gelernt.

Wie schwer ist Ihnen die Auswahl der Songs gefallen? Oder anders: Hätten Sie vielleicht gerne mal unbekanntere Sachen gespielt?

Maffay: Es ging schon darum, ein Best-of-Album zu machen. Das sind unsere bekanntesten Songs. Deshalb sind die Gassenhauer dabei.

Über „Wir verschwinden“ bin ich gestolpert. Das konnte ich nicht kennen, oder?

Maffay: Nein, das ist der einzige neue Songs. Das Album sollte von Null bis heute gehen.

„Nessaja“ fand ich auch spannend, weil es sich gegen Ende so extrem steigert.

Maffay: Das ist sowieso ein geiler Song. Ich bin ja befangen, deshalb darf man das nicht so ernst nehmen, wenn ich das sage. Aber das verrückte ist, dass einige Songs wie auch „Und es war Sommer“ sehr frisch sind. Die Komposition ist bis heute gültig.

Wie präsentieren Sie die neuen Lieder bei den Konzerten im Herbst?

Maffay: Es wird eine dreieckige Bühne geben, die ins Publikum ragt. Das Orchester sitzt hinten in einer Wand. Das Konzert beginnt wie die CD mit einer Ouvertüre. Die wird etwas länger sein. Dann geht ein Anouncer raus und kündigt die Band an. Die Band wird da stehen, und niemand hat gemerkt, dass die auf die Bühne gekommen sind. Wir fangen an mit „Schatten in die Haut tätowiert“. Denn das ist ja eigentlich die Aussage: Die Tattoos, die uns über all die Jahre kennzeichnen. Die Songs sind auch Tattoos. Mit den Songs verbindest du Erinnerungen, Storys. Es sind akustische Tattoos.

Sie scheinen die Konzerte schon vor Augen zu haben, wenn Sie eine Platte produzieren.

Maffay: Ich fand es von Anfang an angenehm und wohltuend, zu wissen, wie sich der Kreis nach hinten hin schließt. Das erste, was ich bei „Begegnungen“ wusste, war: So sieht die Bühne aus. Daraus ist das Logo entstanden, daraus ist die Musik entstanden. Jetzt kam uns die Idee mit der dreieckigen Bühne. Das ist eine Speerspitze, das hat eine Dynamik. Dann denkst du das weiter.

Sie haben jetzt 18 Songs aufgenommen - das reicht nicht für einen ganzen Abend.

Maffay: Ich schätze, dass wir auf der Tour so 25, 26 Lieder spielen.

Alle mit Orchester?

Maffay: Nicht zwingend. Ich stelle mir auch Songs vor, die ich ganz alleine spiele. Damit schaffen wir auch wieder ein ganz anderes Bild. Ich liebe das, es ist ein Luxus, manchmal ganz alleine zu spielen. Das hat eine sehr schöne Kraft.

Ich war letztens auf einem Konzert, das Bryan Adams ganz alleine gespielt hat.

Maffay: Das werde ich sicherlich auch mal machen. So habe ich angefangen, so höre ich auf. Das wird mein letztes Album sein.

Warum schieben Sie das so weit nach hinten?

Maffay: Weil es danach keine weitere Produktion mehr gibt. Es ist für mich ein logischer Bogen: So habe ich angefangen, so höre ich auf.

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