Mi., 05.01.2011

Lädchen "Myregalbrett" Singles und Talente erzählen ihre Geschichten in Regalen

Von Julia Gottschick

Münster - Die schlechte Nachricht vorweg: Eine Frau hat er nicht gefunden. Die gute formuliert Ben Gründel so: „Ich hab´ eine Menge Leute kennengelernt. Darunter ein Mädel, das jetzt schon so was ist wie meine beste Freundin.“ Außerdem ist der 27-Jährige nun in seiner Nachbarschaft bekannt wie ein bunter Hund und hat viele, viele Interviews gegeben. Das alles bloß, weil er und sein Leben zwei Wochen lang auf einem 90 mal 45 Zentimeter großen Holzbrett ausgestellt waren: einem Single-Regal in Marc Raschkes Lädchen myregalbrett.

Direkt an Münsters Hansaring gelegen, mutet der Raum an wie irgendeine Szene-Location in Berlin-Mitte . Wer hier eins der schlichten Regale mietet, kann drauftun, was er präsentieren mag. Ob sich selbst, ein Talent, seine Ar­beitskraft. Auf den ersten Blick ist allerlei Krimskrams zu finden, von selbst gebastelten Ohrringen über Filz-Accessoires bis hin zu Secondhand-Klamotten. „Nur müffeln darf es nicht“, betont der 34-jährige Inhaber.

Auf den zweiten Blick ist klar: Wer alte Hüte sucht, ist bei myregalbrett falsch. Gefragt ist Skurril-Innovatives. Zum Beispiel der Service, sich sein Domizil als Vogelhaus nachbauen oder Ketten aus dem Fell seines Lieblingshundes machen zu lassen. „Das mit dem Hundehaar war das Verrückteste bisher und hat sich nicht so lange gehalten“, meint Raschke.

Wohl aber hat das Anfang September eröffnete Geschäft durchaus die eine oder andere Erfolgsgeschichte zu erzählen. Von jener jungen Frau mit ihren recht eigenen Tuschezeichnungen etwa - ob auf Buttons für den kleinen Preis oder in kostspieligerem Format auf Tassen oder Karten. Jeden Monat geht sie mit einem Gewinn von 300 Euro heim, der sie wohl selbst überrascht hat. „Die kam hier an mit so einem Selbstbewusstsein“, sagt Raschke und hält Daumen und Zeigefinger ganz dicht zusammen. Nun sei sie der Renner.

Selbst wenn man mal nur einen Tag nicht hier war, ist hinterher wieder alles anders.

Wie auch das Brett voll kleiner Apfelwein- und Limonade-Flaschen, umwickelt mit farbenfrohem Filz, das seinen Mietern zum eigenen Laden verholfen hat. „Die haben hier getestet, wie gut es läuft, und dann Mut gefasst“, sagt der 34-Jährige, der sich freut über derlei Begegnungen und selbst voller Ideen für Kommendes steckt.

Arbeitssuchende zum Beispiel könnten sich auf ihrem Brett von ihrer besten Seite zeigen, Schüler erste Schritte in Sachen Wirtschaftsdenken erproben. Bis Silvester gab es ein Wichtelregal. Außerdem denkt Raschke darüber nach, Single-Männer per Auktion zu versteigern. „Alles ist möglich“, ist so ein Satz, der aus seinem Munde gar nicht so unrealistisch klingt. Verbissen Geld verdienen wollte er, der von Hauptberuf Journalist ist, mit seiner Geschäftsidee übrigens nicht: Ab 4,99 Euro pro Woche gibt´s ein Regal. Außerdem bekommt er zehn Prozent von dem Erlös, den Neues und Selbstgebasteltes einbringt, sowie ebenfalls zehn Prozent von verkauften Secondhand-Artikeln - allerdings ab ei­nem erzielten Preis von 30 Euro.

Gemietet hat er den Laden für ein Jahr, ob der sich danach hält? Man wird sehen. „Die Nachbarn sagen: Ihr passt super ins Viertel, ohne euch wäre´s langweilig.“ Auch Ben Gründel lümmelt regelmäßig auf dem schwarzen Ledersofa am Eingang und klönt mit Marc Raschke oder seinen drei Kompagnons. Ihm gefällt das Wabernde, Kindlich-Experimentelle an dem Geschäft, das irgendwie sowas ist wie eine lebende Installation. „Selbst wenn man mal nur einen Tag nicht hier war,“ sagt der bekannteste Single Münsters, „ist hinterher wieder alles anders.“

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