Di., 14.06.2011

Kritiker vermuten PR-Aktion Erdgassuche: Fachleute wollen Grundlagenforschung betreiben

Von Elmar Ries

Münsterland - Der unabhängige Expertenkreis in Sachen Erdgassuche in NRW: „Ist nur ein Feigenblatt für Exxonmobil, da vom US-Öl-Giganten finanziert“, höhnen die Kritiker der Bürgerinitiativen.

„Falsch“, kontert der Konzern. Der Kreis sei autonom. Zwar aus der Firmenkasse mit einer Million Euro finanziert, in erster Linie aber ausgestattet mit Autorität. „Wir werden uns dem Votum der Fachleute beugen, unabhängig davon, ob sie sich für oder ge­gen die Erdgassuche aussprechen.“ Sagt niemand Geringeres als Exxon-Europa-Chef Gernot Kalkoffen.

Die Experten selber sehen natürlich ihr Image-Problem und das Dilemma, in dem sie stecken. „ Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ oder die viel zitierte Unabhängigkeit der Wissenschaft: Prof. Dietrich Borchardt , der Leiter des Kreises, reklamiert Letzteres für sich und sein Team. Und vermittelt durchaus den Eindruck, sich auch von einem Weltkonzern da nicht beeindrucken zu lassen.

Sein Maßstab: „Was würde ich machen, wenn vor meiner Haustür nach Erdgas gesucht werden würde?“ Meint auf der einen Seite: Die Befürchtungen der Bürger ernst nehmen. „Aber auch, Fakten zu sammeln und am Ende „Grundlage für eine fundierte Entscheidung zu liefern“. Prof. Borchardt, Abteilungsleiter am Helmholtz-Zen­trum für Umweltforschung in Leipzig und Professor für Hydro- und Geowissenschaften an der TU Dresden , ist die Diskussionskultur in dieser Sache „zu alarmistisch“.

Ein Jahr lang will sich das Gremium Zeit nehmen - und transparent arbeiten. Was am Ende herauskommt, „ist völlig offen“. Ein Entweder-Oder werde es jedenfalls nicht geben. „Eine gute Entscheidung hat immer mehrere Alternativen“, sagt Borchardt. Natürlich kennt auch er den Feigenblatt-Verdacht. Aber: „Was wäre denn die Alternative?“

Erst im Nachhinein bekannt gewordene Schwierigkeiten bei der Gas-Förderung in Niedersachsen, bergrechtliche Probleme, Risiken fürs Grundwasser. Grundlagenforschung ist nötig, meint der Fachmann. „Und ich sehe nicht ein, dass das aus Steuermitteln finanziert werden soll.“

Grundlagen schaffen, das möchte auch die Landesregierung in Düsseldorf. Prinzipiell begrüßt sie den Erdgas-Hype im Land, will aber eine Gefährdung des Grund- und Trinkwassers ausschließen. Gemeinsam haben Umwelt- und Wirtschaftsministerium darum ein Gutachten angekündigt - und das laufende Genehmigungsverfahren vorerst gestoppt. Der Austausch zwischen Ex­xons Experten und den in Kürze vom Land bestellten Gutachtern sei auf der Arbeitsebene natürlich okay. „Maßgeblich für die Entscheidung wird aber die ei­gene Expertise sein“, sagt ein Sprecher des federführenden Umweltministeriums.

Wozu dient dann letztlich der unabhängige Expertenkreis und wem nützten seine Ergebnisse? In beiden Fällen dem Initiator.

Der Konzern rief den Kreis ins Leben, weil er vom öffentlichen Proteststurm kalt erwischt wurde. „Es war eine Reaktion auf den Widerstand“, sagt auch Borchardt. Die Experten würden, so das mutmaßliche Kalkül, den Kritikern kraft ihrer Kompetenz den Wind aus den Segeln nehmen. Auf die Macht des Arguments und die Kraft rationaler Entscheidungen vertraut auch Dietrich Borchardt.

Nur tickt die öffentliche Wahrnehmung anders. Hier regiert auch das Bauchgefühl. Und wie sensibel, zur Not auch wetterwendisch die Politik auf Sorgen und Vorbehalte reagiert, zeigte jüngst das deutsche Atomkraft-Aus.

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