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Mi., 19.09.2012

Interview mit Nagel Dringlichkeit und Energie mit anderen Mitteln

Interview mit Nagel : Dringlichkeit und Energie mit anderen Mitteln

Nagel ist nicht nur ein Sänger: Der gebürtige Rheinenser ist ein Allroundkünstler. Er spielt Gitarre, ist Buchautor und Grafiker. Jetzt hat er eine neue nach ihm benannte Band zusammengestellt und ist unterwegs auf Tournee. Foto: Nikolai Potthoff

Münster - Zwei Bücher hat der ehemalige Muff-Potter-Frontmann Thorsten Nagelschmidt – kurz Nagel genannt – seit der Trennung der Band veröffentlicht. Zudem stellt er Linoldrucke  in Köln und Berlin aus. Nach kleineren Musik-Projekten kommt er jetzt mit seiner neuen Band „Nagel“ auf Tour. Unser Redakteur Carsten Vogel mit ihm gesprochen.

Von Carsten Vogel

In Berlin ist gerade eine Ausstellung von dir...
Nagel: Ja, die “Raucher” hängen seit Anfang August im FluxBau. Das ist ein temporärer Laden des Radiosenders FluxFM (früher MotorFM). Parallel hängt auch noch eine Delegation - also zwölf Stück - in einem kleinen Schaufenster in Köln . Die Linoldrucke in Köln sind nicht gerahmt, deswegen war das parallel möglich. So kann ich an zwei Orten gleichzeitig sein: mein alter Traum (lacht).

Gelangweilt hast du dich offenbar nach der Trennung von Muff Potter nicht...
Nagel: Doch, auch (lacht). Aber ich weiß, worauf du hinauswillst. Ich habe viel gemacht, aber auch einige Sachen begonnen - wie ein neues Buch - und wieder abgebrochen. Musikalisch war das eine Zäsur. Einiges ist nebenher passiert. Ich habe einen Song mit Oliver Koletzki aufgenommen, mal bei Kreator mitgesungen, dann gab es diese Band namens Blood Robots, die aber auch weit weniger Zeit und Energie beansprucht hat, als es Muff Potter getan haben oder jetzt die neue Band tut.

Tourdaten

18.9. Köln, Werkstatt
19.9. Wiesbaden, Schlachthof
20.9. Münster, Gleis 22
21.9. Hamburg, Reeperbahnfestival
22.9. Berlin, Berlin Independent Night

Kunst, Literatur, Musik: Gibt es irgendetwas, was du bevorzugst?
Nagel: Ich bin ziemlich schnell gelangweilt, deshalb brauche ich Abwechslung. Aber während der relativen Pause jetzt habe ich mehr und mehr festgestellt: Musik ist für mich doch immer doch das Größte. Weil sich dort alles verdichtet. Wenn ein toller Akkordwechsel mit einer bestimmten Textzeile zusammenkommt: Das sind Momente, die ich in keiner anderen Kunstform wiederfinde. Und eben auch die Physis des Musikmachens an sich.

Wer spielt alles in deiner neuen Band?
Nagel: Shredder, der ehemalige Bassist von Muff Potter. Dann der Keyboarder von Missouri und Fink. Ein umtriebiger Mensch, der schon sehr lange Musik macht. Und zwei Mitglieder von Trip Fontaine, die ich gerne die “Pink Floyds der Hardcore-Szene” genannt habe. Die haben beeindruckend viel ausprobiert.

Welche Musikrichtung haben wir denn zu erwarten?
Nagel: Sich auf Genres zu limitieren, macht man natürlich recht ungern, weil man das Gefühl hat, nie richtig zu liegen. Am liebsten würde ich dazu gar nichts sagen, sondern die Musik und die Texte für sich sprechen lassen. Was aber schwierig ist, weil wir ja noch keine Musik und keine Texte veröffentlicht haben (lacht). Es ist kein Punk, hat aber die Energie von Punk oder Hardcore. Es gibt noch Gitarren, aber nicht mehr so, wie eine Punkband das machen würde. Es ist aber auch nicht dieses "Eigentlich alles wie früher, bloß erwachsener/langsamer/gesetzter"-Ding. Das Bestreben ist eher, Dringlichkeit und Energie mit anderen Mitteln herzustellen. Das klingt natürlich alles recht theoretisch, man muss es wohl doch einfach hören.

Die Band trägt deinen Namen: Ist das eine zusätzliche Belastung?
Nagel: Diese Entscheidung war ein großer Schritt...

… dass es noch keine andere Band dieses Namens gibt...
Nagel: … doch, gibt es, aus Austin, Texas. Eine Powerpopband, die sich auf ihrer Myspace-Seite für den komischen Namen sogar entschuldigt (lacht). Ich war aber tatsächlich Verfechter eines Bandnamens und habe dann angefangen, die in Frage kommenden Bandnamen zu googlen. Sie waren alle vergeben. Ich wurde dann von den Leuten in meiner Band überzeugt, die Band “Nagel” zu nennen. Anfangs habe ich mich damit schwer getan. Zum einen aber liegt in den Außenwahrnehmung sowieso das Meiste auf meinen Schultern. Das war bei Muff Potter tendenziell so, bei der neuen Band wird es noch viel mehr der Fall sein. Das ist mir durchaus bewusst. Zum anderen ist der Mythos “Band” auch ein romantisierendes Konstrukt. Dieses Ding, dass vier Kids aus einer Kleinstadt eine Band gründen und mal gucken, wie weit sie damit kommen, das hatte ich bei Muff Potter, das kann und ich will ich nicht auf Biegen und Brechen nachbauen. Diese vermeintliche Schicksalsgemeinschaft, die wir 16 Jahre lang hatten, trotz Besetzungswechseln. Bei der neuen Band ist das anders. Die habe ich zusammengestellt. Die Songs wurden größtenteils geschrieben, bevor die anderen Musiker dazugekommen sind. Im Studio werden eventuell auch mal ganz andere Leute dabei sein, es ist alles etwas offener, musikalischer angelegt. Es geht nicht mehr in erster Linie darum, eine feste Gruppe zu beschwören, sondern darum, Musik zu machen. So ähnlich funktionieren vielleicht auch Bands wie Twilight Singers oder Bright Eyes.

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Aber ich will nichts mehr veröffentlichen, von dem ich nicht hundertprozentig überzeugt bin.

Nagel

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Bestimmt ändern sich die Songs, die du im Kopf hast, dann durch den Einfluss der jeweiligen Musiker im Studio auch, oder?

Nagel: Ja, da hat sich einiges verändert. Deshalb betone ich auch, dass es eben kein reines Soloprojekt ist. Und das ist genau das, was mir seit der Auflösung von Muff Potter gefehlt hat, was mir viel mehr gefehlt hat, als ich anfangs angenommen hatte: Mit anderen Leute etwas zusammen machen. Natürlich können andere Leute auch mal nerven, wenn man sich zu dicht auf der Pelle hängt. Das kann bei einer Band, mit der man 16 Jahre zusammen gespielt hat, auch mal extremere Ausmaße annehmen. Aber ich habe jetzt sehr viel alleine gemacht. Das Schreiben von Büchern ist eine einsame Angelegenheit. Dann haben die über 100 Lesungen natürlich sehr viel Spaß gemacht, aber man sitzt eben allein vorne auf der Bühne. Und nächtelang Linolschnitte in der Küche zu ritzen oder in der Druckwerkstatt oder bei Ausstellungen zu stehen ... Das macht alles Spaß, aber was mich momentan am meisten euphorisiert, ist wieder mit anderen Leuten Musik zu machen.

Du könntest auch wie Paul McCartney ein Album im Alleingang aufnehmen.
Nagel: Dazu bin ich nicht Musiker genug. Mindestens einen Schlagzeuger oder einen Pianisten brauche ich dazu schon. Ich habe zwar zwei oder drei der neuen Lieder am Klavier geschrieben, aber die Spuren, die ich da aufgenommen habe, die dürfen nur zwei Leute hören. Die ahnen dann ungefähr, was ich meine, weil ich das eigentlich gar nicht kann (lacht).

Auch wenn du in Münster ein Heimspiel hast: Du musst doch mit neuen Songs, die noch keiner gehört hat, wieder bei Null anfangen und richtig Überzeugungsarbeit leisten.
Nagel: Ja, darüber habe ich viel nachgedacht und ich werde sehen, wie schwierig das ist oder nicht. Es gibt natürlich Demos, die ich vorher hätte veröffentlichen können. Aber ich will nichts mehr veröffentlichen, von dem ich nicht hundertprozentig überzeugt bin. Die Idee ist, dass es ja auch mal wieder ganz spannend sein kann, zu einem Konzert zu gehen, ohne vorher bei Soundcloud oder Myspace in irgendwelche Lieder reinhören zu können.

Reicht euer Material für eine Spielzeit von einer Stunde?
Nagel: Ja, wir haben sogar mehr, als wir spielen werden. Aber höchstens eine Stunde. Ich habe ja zum Buch “Was kostet die Welt” eine Platte bei Audiolith gemacht, davon werden sich auch ein oder zwei Lieder ins Set rein verirren.

Songs von Muff Potter wirst du nicht spielen?
Nagel: Auf keinen Fall.

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