Psychologie
„Echte Freundschaft braucht Zeit“

Münster -

Die erste Vorlesung für die Erstsemester ist für Mitja Back in Forschungsdingen ein Geschenk: Wenn die neuen Studierenden der Psychologie in die Veranstaltung strömen, sind sie zugleich Gegenstand der Wissenschaft. Denn sie haben eine große Gemeinsamkeit: Der Start an der Universität bedeutet für sie viele neue Kontakte, aus denen etwas werden kann. Aber was? Bekanntschaft? Freundschaft? Nichts von alldem?

Sonntag, 20.05.2018, 15:05 Uhr

Psychologie: „Echte Freundschaft braucht Zeit“
Fünf Menschen in ihrem Umfeld bezeichnen Befragte laut Studien im Mittel als ihre Freunde. Foto: Colourbox.de

Mitja Back lässt seine Studierenden sich gegenseitig beobachten und befragt sie nach ersten Eindrücken, aufkeimenden Sympathien und Antipathien. Und er hat wiederum festgestellt: In den ersten Tagen, sogar in den ersten Stunden, in denen die Studienanfänger aufeinandertreffen, prasseln die Rückmeldungen, die via App erfasst werden, auf den Server ein. Auch die folgenden Tage sind noch ereignisreich. Doch dann – nach ungefähr zwei Wochen – haben sich Gruppen gefunden. Und dann?

„Echte Freundschaft braucht Zeit“, erklärt der Psychologie-Professor der Universität Münster. Denn der erste Eindruck sei zwar entscheidend für die Kontaktaufnahme, aber persönliche Faktoren wie Vertrauenswürdigkeit würden erst mit der Zeit für beide Seiten spürbar und erst aus dieser Konfrontation von typischen Eigenheiten könne mehr als eine Bekanntschaft entstehen.

Das Geheimnis langer Freundschaften

Neben der Zeit seien gemeinsame Erlebnisse ein weiteres gutes Fundament – und das Geheimnis langer, manchmal lebenslang währender Schulfreundschaften. Professor Mitja Back: „Das Schreiben einer gemeinsamen Geschichte scheint sehr tragfähig zu sein.“ Aber auch die schönsten Erinnerungen bräuchten mit der Zeit neue Impulse und neue Themen. Dann bleibe auch die gemeinsame Basis von Vertrauen und Verständnis bestehen.

Mitja Back ist Professor für Psychologie an der WWU.

Mitja Back ist Professor für Psychologie an der WWU. Foto: privat

Kann man sich vornehmen, Freunde zu finden? „Es gibt in bestimmten Lebenskontexten eine besondere psychologische Bereitschaft dazu“, formuliert es Mitja Back vorsichtig. Situationen, in denen viele Menschen mit dem gleichen Hintergrund zusammentreffen – beispielsweise seine Studenten beim Studienstart – zeichneten sich dadurch aus, dass viele Menschen gleichzeitig in einer vergleichbaren Motivationslage steckten. Ein klassisches Muster, das dem Beginn von Freundschaften zugrunde liegt – genauso wie der Schulstart oder der Wechsel zur weiterführenden Schule.

Der erste Eindruck

Das Kennenlernen in diesen Zusammenhängen geschieht meist sehr intuitiv und schnell. Denn: Den ersten Eindruck zu verändern, so Back, habe seine Grenzen. „Personen, die aus sich herausgehen, machen hierbei häufig einen besseren Eindruck.“ Und wer grundsätzlich eher introvertiert sei, falle auch in dieser Situation wenig auf und sei unter Umständen dankbar für solche, „die das Eis brechen“.

Aber auch zurückhaltende Menschen könnten Kontakte finden – wenn die Einstellung zu sich selbst stimmt: „Eine positive Einstellung strahlt eine Freundschaftsbereitschaft aus. Lächeln hat immer einen positiven Effekt.“ Das gelte auch für Menschen, die beispielsweise nach einer Trennung oder einem einschneidenden Erlebnis das Gefühl verspüren, neue Freunde zu brauchen. Selbstbewusstsein auszustrahlen sei dann besonders in einer Umgebung möglich, in der man sich wohlfühlt.

Und so sei die Kulisse, vor der Freundschaften entstehen, oft schon ein Filter: „Wir suchen Freunde da, wo wir sind. Und beispielsweise treffen sich Menschen mit ähnlichem Bildungshintergrund an den gleichen Orten.“ Diese ganz natürliche Differenzierung sei oft entscheidender als persönliche Eigenschaften oder Temperamente.

Im Schnitt fünf echte Freunde

Im Mittel fünf Menschen in ihrem Umfeld, so zeigen es die meisten internationalen Studien, zeichnen Befragte als ihre Freunde aus. Die Zahl der Bekannten liegt durchweg weitaus höher. Die Exklusivität des Freundschaftsstatus sei ein Indiz für ihren Wert. Der allerdings ist auch für die Wissenschaft kaum messbar. „Man kann objektiv nur schwer Grenzen ziehen“, erklärt der Psychologe.

Was für den einen schon Freundschaft sei, sei für den anderen manchmal noch eine Bekanntschaft. Und doch könnten beide mit ihrer Beziehung zueinander gut leben. Auch weil Freundschaft keine Hierarchie kenne: Gleichberechtigung sei eines ihrer zentralen Merkmale. Und: „Die Beziehung selbst ist die Funktion.“ In einer Freundschaft gehe es weniger um Statusdenken oder andere nach außen wirkende Faktoren. Wohl aber gebe sie das Gefühl, sozial eingebunden zu sein.

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