Di., 15.07.2014

Urlaub vor der Haustür Münsterland-Reitroute verbindet Münster und fünf Landkreise auf 1000 Kilometern

Zur Mittagspause liefert ein Hof aus der Umgebung hausgemachte Spezialitäten direkt an die Reitroute. Foto: Jürgen Peperhowe

Zur Mittagspause liefert ein Hof aus der Umgebung hausgemachte Spezialitäten direkt an die Reitroute. Foto: Jürgen Peperhowe

Hjorvar fasst sich ein Herz und stakt hinein ins seichte Wasser. Tropfen spritzen hoch und glänzen silbrig in der Sommersonnenluft. Und nach einem „platsch platsch platsch“ stemmt das Islandpferd sich flugs den steilen Uferpass hinauf. Im Wald riecht es nach Erde, nach Glück. Der schwarz-weiße Wallach schnaubt: So macht Reiten Spaß. Wer die Münsterland-Reitroute nutzt, lässt den Alltag schnell hinter sich.

Von Andrea Bracht

Im April wurde die 1000 Kilometer lange Strecke freigegeben. Sie verbindet die Stadt Münster mit den Kreisen Warendorf, Steinfurt, Coesfeld, Borken und Recklinghausen. Der Münsterland e.V. hat das 2,4 Millionen Euro teure Projekt auf den Weg gebracht. Nach vier Jahren Bauzeit ist die Strecke fertig, die Hjorvar , seine vierbeinigen Kollegen und die Reiter an zwei Tagen in Teilabschnitten testen.

Blutige Anfänger und eingefleischte Profis wollen sich von der Tauglichkeit der Strecke überzeugen. Schließlich soll das Angebot für jedermann gelten.

Rauf aufs Pferd

Die Reiter treffen sich morgens um 10 Uhr an den Rieselfeldern, wo die Islandpferde des Hofes Vertherland bereits warten. Die Neulinge brauchen eine kurze Anleitung – oben angekommen steckt nämlich so mancher prompt die Füße bis zum Anschlag in die Steigbügel, während das Pferd eines anderen sich plötzlich in Bewegung setzt. Die Hof-Chefin Angelika Uekötter eilt immer zur Hilfe, gibt Tipps und reitet voran.

Wer möchte, startet an einem beliebigen Punkt der Route und folgt ihr stunden- oder auch tagelang. Übernachten kann man in den angeschlossenen Hotels, die Ställe für die Pferde bereithalten. Je nach Interesse liegt der Fokus der Reise auf Natur oder Kultur, auf Vogelschutz und Heckrinderherden oder Schlössern und Wasserburgen.

Verpflegung für Ross und Reiter

Die Route eignet sich für jeden Reiter. Sie ist gespickt von Anbinde-Balken oder Paddocks und Picknickplätzen, sodass man bei Bedarf viele Pausen einlegen kann. Wer keine Verpflegung mitnehmen möchte oder mehrere Tage unterwegs ist, lässt sich das Mittagessen von den beteiligten Restaurants und Geschäften direkt an die Route liefern. Sie eignet sich somit auch bestens für den erholsamen Kurztrip ins örtliche Grün.

Um die Organisation des Testritts hat sich Marion Pleie, Projektmanagerin Pferderegion im Münsterland e.V., gekümmert. Sie hat die Strecke ausgesucht, Mittagessen und Snacks direkt an die Route bestellt und Zimmer für die Reiter gebucht – ein Service, den der Verein zur Förderung des Münsterlandes allen Interessierten anbietet.

Eine Pause muss man sich jedoch erst einmal verdienen. Hjorvar setzt sich in Bewegung, und die Welt beginnt zu schaukeln „wie auf einem Segelschiff bei Windstärke 6“, staunt ein Ungeübter. Doch schnell gewöhnt man sich daran. Genießt die Umgebung, den Duft der Wälder und der Blumen, das satte Grün der Gräser und Blätter ringsum. Die Route führt durch malerisches Gebiet, vorbei an einer Herde von Heckrindern, an einem Wildpferde-Gebiet und an Burgen und Schlössern.

Im Urlaub angekommen

„Kaum zu fassen, dass wir so nah an Münster sind“, wundert sich einer der Teilnehmer. Es fühlt sich an, als hätten die Pferde ihre Reiter ganz weit weg getragen. Stress und Lärm gibt es hier nicht. Und Hjorvars ruhige Art springt auf die anderen über. Ein gutes Pferd, so scheint Hjorvar zu denken, springt nicht höher als es muss. Hjorvar erweist sich als ausgesprochen gutes Pferd. Die Gelassenheit auf vier Beinen trottet gemächlich am Dortmund-Ems-Kanal entlang und sieht über die Versuche des Reiters, ihn anzutreiben, großmütig hinweg. Reitlehrerin Jutta Plötz gibt derweil Tipps und überzeugt Hjorvar mit lautem Schnalzen von einem etwas flotteren Schritt.

Der Alltag ist für die Reiter längst passé. Statt Kohlenmonoxid atmen die Stadtpflanzen Wildblumenduft, sie riechen, dass es bald regnen wird. Selbst alteingesessene Münsteraner zeigen sich überrascht: „Wie Urlaub direkt vor der Haustür!“

Am Rieselfelder Halt ist Pause. Dort ist schon aufgetischt: Hausgemachte Würste, Käse und selbst gebackenes Brot locken die Reiter aus den Sätteln. Die Erdbeeren mit sahnig-süßer Stippmilch sind „der Knaller“, lobt ein hungriger Reiter – und hat sie im Nu verputzt. Gute Grundlage für Teil zwei der Etappe: Die Gruppe folgt den Reitrouten-Schildern, es geht an Gelmer vorbei, am Kanal entlang bis in die Bockholter Berge.

Plötzlich wird's ein bisschen magisch

Der Rundweg durch das Gebiet ist der Höhepunkt des Tages. Da ist der Wald dichter, stehen die Sträucher wild durcheinander. Die Pferde reiten über Waldwege, die von Hecken gesäumt sind und sich durch die dichte Fauna schlängeln. Ab und zu muss man den Kopf einziehen und tief hängenden Ästen ausweichen. Das Blätterdach schimmert wie ein Kaleidoskop aus satten moos-, kiwi- und lindgrünen Nuancen und taucht den Wald in ein eigentümliches Licht. Sogar die Luft sieht irgendwie grün aus. Zur Durchquerung einer kleinen Furt muss der tapfere Hjorvar dann doch überredet werden. Nach der 20 Kilometer langen Reise endet der erste Tag. Vorläufiges Fazit: Das Münsterland ist wunderschön und, so der Tenor der Neulinge: „Vom langen Reiten tut der Hintern weh.“

Am nächsten Tag geht es richtig zur Sache. Jutta Plötz erklärt, wie man Tölt reitet. „Bauch nach hinten, Brust raus. Seid stolz! Sagt euch: Ich bin eine Königin!“ Von Berührungsängsten ist bei den Anfängern nix mehr zu spüren. Die Truppe erweist sich trotz lädierter Gesäßknochen als gelehrig und unersättlich – nicht nur am Buffet, das am Mittag direkt an einen Rastplatz an der Route geliefert wird. Als sich der Ritt abends dem Ende zuneigt, machen Ross und Reiter lange Gesichter. Dabei haben sie durch geschickte Verhandlungen bereits satte fünf Stunden mehr herausgeschlagen. Aber es dämmert bereits, und die Pferde müssen in den Stall. Irgendwann muss schließlich auch mal Schluss sein.

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