Sa., 19.08.2017

Litauen Schatz in den Wellen

Das Kurische Haff– hier ist ein Boot unterwegs von Nida nach Minija im Memeldelta – ist auch ein Paradies für Wassersportler. Josef Thesing Bernsteingibt es in verschiedenen Farben. Diese Steine hat Igoris Osnac alle aus der Ostsee gefischt. Josef Thesing

Das Kurische Haff– hier ist ein Boot unterwegs von Nida nach Minija im Memeldelta – ist auch ein Paradies für Wassersportler. Josef Thesing Bernsteingibt es in verschiedenen Farben. Diese Steine hat Igoris Osnac alle aus der Ostsee gefischt. Josef Thesing

Hohe Schnürschuhe, Tarnanzug mit einem robusten Gürtel und ein Schlapphut mit Lederband: Der Mann sieht aus, als sei er auf der Jagd nach Elchen, von denen es auch im Nationalpark Pajurio noch einige geben könnte. Das lassen zumindest Schilder vermuten, die Autofahrer zur Vorsicht ermahnen. Doch Igoris Osnac ist hier in Karkle unweit der litauischen Ostseeküste kein Jäger, sondern Fischer.

Von Josef Thesing

Das Outfit ist ein bisschen Show, und Igoris Osnac ist ein unterhaltsamer Kerl. Der Tag ist wie gemacht für einen wie ihn. Der raue Wind treibt beträchtliche Wellen an den Strand. Und so steigt der „Fischer“ alsbald in wasserdichtes Ölzeug, um sich, mit einem großen Kescher ausgestattet, in die Wellen zu begeben. Dabei hat er es nicht auf Dorsch oder Sprotten abgesehen, sondern auf 50 Millionen Jahre alte Harzklumpen, die zusammen mit kleinem Treibholz und Steinen an Land gespült werden. Vielleicht. Igoris Osnac ist seit seiner Kindheit Bernsteinfischer. Und das bei jedem Wetter, auch wenn es eisig kalt ist. Hauptsache, es bläst ordentlich. „Ich brauche dunkle Wellen. Die enthalten Treibholz und manchmal auch Bernstein“, sagt Osnac. Beides ist leicht und wird von den Wellen nach oben gespült.

Fotostrecke: Unterwegs in Litauen

Bernstein, den es in einer Fülle von Farbschattierungen gibt, ist begehrt und deshalb teuer. „Ein Gramm kostet etwa so viel wie ein Gramm Gold“, behauptet Osnac – was derzeit etwa 35 Euro wären. Und weil das so ist, erklärt der „Fischer“ erst einmal, wie man echte „Steinchen“ von industriell gefertigtem Plastik unterscheiden kann, um am Stand am Straßenrand nicht übers Ohr gehauen zu werden. Igoris Osnac macht das auf seine Weise. „Echter Bernstein brennt. Aber dann ist er weg.“ Und schon erzeugt sein Bernsteinstaub eine gehörige Stichflamme. Echt. Und verbrannt.

Aber es geht auch einfacher. Wer die kleinen, echten Klümpchen – große gibt es im Wasser selten – in der warmen Hand reibt, erzeugt damit auf der Haut einen deutlich zu vernehmenden ölig-ätherischen Geruch. Und der „Stein“ bleibt ein halbwegs wertvolles Souvenir.

Trotz des Tarnanzugs gehört Igoris Osnac nicht zu denen, die sich auf die „Jagd“ nach Bernstein machen, um zum Beispiel das Durchschnittseinkommen von 860 Euro mit dem Verkauf des „Fangs“ an den Buden in der Stadt aufzubessern und sich ein paar Mal mehr einen deftigen Cepelinai mit Specksauce und Schmand – das litauische Nationalgericht – gönnen zu können. „Wenn es zur Sucht wird, ist es vorbei“, sagt er. „Ich mache das aus Spaß.“ Er hat eine beträchtliche Sammlung beisammen, aus der er nur manchmal etwas verkauft. Ihm geht es darum, die traditionelle Bernstein-Fischerei, die vor allem an diesem Strand erfolgreich sein kann, weiterzugeben. Dennoch stemmt auch er sich fast täglich gegen die Wellen und kriecht auf allen Vieren im Sand herum, um den Inhalt seines Keschers genau unter die Lupe zu nehmen. Auch diesmal hat er dank des vorangegangenen Sturmes einen kleinen Erfolg.

Igoris Osnac ist fleißig und flexibel, wie viele seiner Landsleute, die ihr Land lieben und deshalb derzeit mit Unbehagen nach Russland schauen. Sie legen sich für Litauens Unabhängigkeit und die Zugehörigkeit zur EU mächtig ins Zeug. „Wir wussten, dass der Euro teuer wird. Aber seit dem Beitritt zur EU im Jahr 2004 wird es wirtschaftlich mit jedem Jahr besser“, meint Nijole Jankauskiene, die während der Beitrittsverhandlungen als Dolmetscherin für Ministerien gearbeitet hat und Dozentin an der Uni in Vilnius war. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt die heutige Präsidentin des Litauischen Fremdenführerverbandes. Aber „123 Jahre zaristisches Russland und 50 Jahre Sowjetregime“ machten das Land sensibel, wenn die rund 2,9 Millionen Einwohner heute auf Wladimir Putin und die Ukraine blicken. Schließlich sind es von dem schönen Städtchen Nida an der Kurischen Nehrung, die deshalb auch „das geteilte Paradies“ genannt wird, nur fünf Kilometer bis zur russischen Enklave Kaliningrad. „Wir haben unsere Erfahrungen“, meint Nijole Jankauskiene vielsagend.

Die vielen gläubigen Litauer genießen, dass ihre prachtvollen Kirchen nach der Sowjet-Zeit wieder geöffnet und ihre Sprache, die als eine der ältesten der Welt gilt, natürlich nicht mehr verboten ist, erzählt Nijole Jankauskiene. „Die Unabhängigkeit wird heute immer noch als Wunder gefeiert. Damit hat niemand gerechnet“, sagt sie.

Passend zu diesem ernsten Gespräch in der weltoffenen und von malerischen Vierteln geprägten Hauptstadt Vilnius setzt der Regen ein. Das sollte aber im Prinzip nicht allzu sehr wundern, heißt Litauen mit seinen 3000 Seen und 700 Flüssen übersetzt doch „Land des Regens“. „Es regnet tatsächlich viel, und im Sommer sind mehr als 30 Grad eher die Ausnahme“, erklärt Nijole Jankauskiene. Natürlich gibt es auch viele Sonnentage, aber das Wetter sei schwer kalkulierbar. Und wenn es dann doch mal gießt, biegen sich im „Land der Störche“ halt drinnen die mit vielen kulinarischen Köstlichkeiten gefüllten Tischplatten. „Wir feiern üppig und großzügig.“

Reisezeit: Die beste Reisezeit ist der Sommer. Aber auch dann muss mit Regen gerechnet werden.

An- und Einreise: Von deutschen Flughäfen gibt es Direktflüge zum Beispiel nach Vilnius. Das Straßennetz ist gut ausgebaut. Litauen ist Mitglied der Schengen-Zone.

Bernsteinfischer: Wer mit Igoris Osnac auf Tour gehen will, kann ihn im Internet unter www.amberguide.lt oder per Mail unter igoris@amberguide.lt kontaktieren.

Sprache ist kein Pro­blem: Viele Litauer sprechen Englisch, und auch Deutsch ist vertreten.

Informationen gibt es unter www.lithuania.travel und www.visitlithuania.net, im Reisebüro oder beim Staatlichen Tourismusdepartement beim Wirtschaftsministerium in Vilnius: www.tourism.lt

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