Tschechien
Made in Czechoslovakia

Halt! Stünde er nicht auf einem schon leicht vergilbten Zeitungsausschnitt mit bekanntem Sportlerkonterfei, würde man den strahlend weißen Glaskörper schlicht und einfach ignorieren. Zu dicht stehen die funkelnden Kunstwerke im Dämmerlicht auf dem Dachspeicher des altehrwürdigen Landhauses, als dass ein einzelnes Stück besonders ins Auge fiele. Und das, obwohl es sich bei besagtem Exponat um eine der wohl berühmtesten Sporttrophäen der Welt handelt: den Glaspokal der Tour de France.

Dienstag, 17.04.2018, 11:04 Uhr

Kennerblick und kontrollierter Atem:Am rund 600 Grad heißen Ofen der Glashütte Ajeto formen die besten Glasbläser des Landes Kunstwerke und begehrte Trophäen. Und das bei ganzjährig tropischen Arbeitsbedingungen. Dietmar Jeschke Von der Dampflok bis zum Jagdflieger:Im Technischen Nationalmuseum gibt es manches alte Schätzchen zu entdecken. Dietmar Jeschke
Kennerblick und kontrollierter Atem:Am rund 600 Grad heißen Ofen der Glashütte Ajeto formen die besten Glasbläser des Landes Kunstwerke und begehrte Trophäen. Und das bei ganzjährig tropischen Arbeitsbedingungen. Dietmar Jeschke Von der Dampflok bis zum Jagdflieger:Im Technischen Nationalmuseum gibt es manches alte Schätzchen zu entdecken. Dietmar Jeschke

Eingerahmt vom Prager Bühnenpreis und von einem etwas ausgefallenen Geschenk für die Rolling Stones ist er hier halt nicht mehr als Hunderte weitere filigrane und zerbrechliche Kunstwerke auch: ein schlichtes Musterstück. Und doch eben ein ganz besonderes. „Die besten Glasbläser der Welt gibt es hier“, erzählt Miroslav Šzeps nicht ohne Stolz. Und das, so der Fachmann, bereits seit über 800 Jahren, denn so weit reicht die Handwerkstradition in den Bergen Nordböhmens schon zurück.

Tschechien entdecken

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  • Historische Schmuckstücke: Im Škoda-Museum in Mladá Boleslav sind über 100 liebevoll restaurierte Oldtimer zu bestaunen.

    Foto: Dietmar Jeschke
  • Eisiger Riese: Der Ještěd ist mit 1012 Metern die höchste Erhebung im Jeschkengebirge in Nordböhmen.

    Foto: Dietmar Jeschke
  • Nostalgie im Alltag: Die praktischen Straßenbahnen gehören nach wie vor fest zum Prager Stadtbild.

    Foto: Dietmar Jeschke
  • Deutsche Geschichte: Das einstige Reichenberg mit seinen schmucken Bürgerhäusern heißt heute Liberec.

    Foto: Dietmar Jeschke
  • Bewegte Geschichte: Im Technischen Nationalmuseum in Prag gibt es allerlei historische Fahrzeuge zu bewundern.

    Foto: Dietmar Jeschke
  • Tropische Arbeitsbedingungen: Die Schmelzöfen in der Ajeto-Glashütte haben eine Temperatur von stolzen 600 Grad.

    Foto: Dietmar Jeschke
  • Ausprobiert: Wer möchte, darf sich selbst einmal im Glasblasen probieren.

    Foto: Dietmar Jeschke
  • Gewaltige Hallen: In den Barrandov-Studios am Prager Stadtrand gingen bereits Jason Bourne, Ethan Hunt und James Bond auf Gangster-Jagd.

    Foto: Dietmar Jeschke
  • Farbenfrohes Häusermeer: Der Prager Fernsehturm bietet eine faszinierende Aussicht.

    Foto: Dietmar Jeschke

Dass sich die hohe Kunst der Glasfertigung ausgerechnet hier entwickelt hat, hat einen ganz praktischen Grund, gab und gibt es die wichtigsten Rohstoffe doch direkt vor der Tür: Buchenholz und Quarzsand. Das harte Holz spielte dabei von Beginn an nicht nur als Heizmaterial eine wichtige Rolle. Es dient vielmehr bis in die Gegenwart zur Herstellung der verschiedenen Formen, die in der Ajeto-Hütte nach wie vor in eigener Werkstatt gefertigt werden. In Kleinserie, wie auch der Rest, der das Haus verlässt. „Wir sind das Flaggschiff der Handproduktion“, erklärt Šzeps.

Zwei Stockwerke tiefer brodelt es derweil. Selbst im kühlen böhmischen Frühling fallen die Temperaturen in der Schmelzhalle selten unter 35 Grad. Kein Wunder: Denn um das aus Quarzsand „bester Qualität“ sowie aus Scherben, Kalk, Eisenoxid, Soda, Pottasche und – für einen schönen giftgrünen Farbton – manchmal auch Uran bestehende Pulvergemisch in flüssiges Glas zu verwandeln, bedarf es eines achtstündigen Schmelzprozesses bei stolzen 600 Grad. Erst danach können die Glasbläser ans Werk gehen, um die glühenden Klumpen mithilfe von Luft, Formen, Scheren, Zangen, Wasser und Schleifgeräten in Schalen, Vasen, Gläser und eben in besondere Siegestrophäen zu verwandeln. „Made in Czech Republic“.

Oder besser: „Hergestellt in der Tschechoslowakei“. Ja, richtig: 100 Jahre nach der Gründung der ersten gemeinsamen Republik und 25 Jahre nach der Abspaltung der Slowakei ist man noch immer stolz auf das gemeinsam Erreichte. Und so ist das touristische Motto des Jahres 2018 – „Made in Czechoslovakia“ – eben auch beiden heute selbstständigen Staaten gewidmet. Verbunden mit einer Vielzahl von Aktion, deren Fäden im Technischen Nationalmuseum der Hauptstadt Prag zusammenlaufen. „Unsere Industrie hat einst die Welt beherrscht“, erklärt Direktor Hynek Stríteský. Was er damit meint, verbirgt sich in den Hallen seines Museums, dessen Inventarliste von den ersten Fotogerätschaften bis hin zur modernen Digitalkamera und von der Dampflok bis hin zum ausgemusterten Jagdflugzeug reicht. Thematisch nach Epochen sortiert, erwartet die Besucher zum 100-jährigen Gründungsjubiläum der Republik ein Rundgang, der auch einige ganz besondere Stücke umfasst. Wie etwa das aus einem simplen Technikbaukasten und einem Grammophon-Motor getüftelte Gerät, mit dem Otto Wichterle den Weg zur industriellen Fertigung von Kontaktlinsen geebnet hat.

Begleitet wird die Sonderschau von zahlreichen weiteren Aktionen. So wird im Sommer der einstige Präsidentenzug mit historischen Waggons zwischen Prag und Bratislava pendeln. Mit im Boot sind zum „100-Jährigen“ zudem mehr als 20 namhafte Unternehmen, die sich mit Sonderschauen und Ausstellungen beteiligen werden. Unter ihnen natürlich auch der heimische Autoproduzent Nummer eins: Hersteller Škoda, der übrigens neben Trophäen auch echte Siegerfahrzeuge präsentiert. Und das nicht nur im Prager Nationalmuseum, sondern auch im nur gut eine Stunde entfernten Stammsitz in Mladá Boleslav. Das dortige Firmen-Museum beherbergt mehr als 400 liebevoll restaurierte Oldtimer, von denen jeweils rund 100 in modernen Räumen zu besichtigen sind. Alle Fahrzeuge „Made in Czech Republik “, versteht sich. Wie die 2500 Neuwagen, die heute tagtäglich gleich nebenan im größten Werk des Landes vom Band laufen, natürlich auch . . .

Einreise: Tschechien ist ein „Schengen-Staat“. Für die Einreise reicht der Personalausweis.

Währung: Trotz EU-Mitgliedschaft ist Tschechien kein Euro-Land. Währung ist die tschechische Krone. Der Wechselkurs liegt in etwa bei 25 Kronen für einen Euro.

Besichtigungen: Das Technische Nationalmuseum in Prag hat dienstags bis sonntags von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Einzel-Eintritt kostet 220 Kronen. Das Jahresprogramm mit dem Motto „Made in Czechoslovakia“ findet sich im Internet.

www.prageu.eu/tschechoslowakei

Die Glashütte Ajeto bietet geführte Besichtigungen an. Die Teilnahme kostet 50 Kronen, für Familien 120 Kronen. Im rustikalen Scheunenrestaurant gibt es landestypische Gerichte und dazu die Gelegenheit, sich selbst einmal im Glasblasen zu probieren.

www.ajetoglass.com/en

Das Skoda-Automuseum in Mladá Boleslav hat täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt samt Führung kostet 130 Kronen pro Person – mit Besichtigung der modernen Produktion 200 Kronen. www.museum.skoda-auto.com

Info: www.czechtourism.com

Literatur: Michael Bussmann und Gabriele Tröger: Prag, City-Reiseführer, Michael-Müller-Verlage, 16,90 Euro.

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