Lausitzer Seenland
Vom Bergmann zum Seemann

Hallo? Bin ich hier auf Schalke? Mit einem herzlichen „Glück auf“ begrüßt Heinz Müller seine Gäste, die sich ­gerade aufs Rad schwingen. Wir staunen nicht schlecht und antworteten mit einem norddeutschen „Moin“. Passt auch nicht wirklich, denn wir befinden uns im tiefen Osten der Republik. Es steht eine Radtour durch das Lausitzer Seenland an, 30 Kilometer sind angesetzt, exakt fünf Höhenmeter müssen überwunden werden. Es geht durch Brandenburg und Sachsen.

Samstag, 14.07.2018, 04:00 Uhr

Die neu entstehende Lausitzer Seenlandschaftbietet Radfahrern aller Altersstufen hervorragende Bedingungen. TV Lausitzer Seenland/N. Quenzel Heinz Müllerwar einst Bergmann und ist heute Gästeführer. msch
Die neu entstehende Lausitzer Seenlandschaftbietet Radfahrern aller Altersstufen hervorragende Bedingungen. TV Lausitzer Seenland/N. Quenzel Heinz Müllerwar einst Bergmann und ist heute Gästeführer. msch

Platt wie eine Flunder ist das Land, da kommt Freude auf. Erst recht, wenn man sich die erstklassig ausgebauten Wege anschaut. Und der Blick über Wasser und Wälder ist einmalig. Despektierlich sprach man einst von „Dunkel-Deutschland“, wenn es um die Region (etwas vereinfacht) zwischen Berlin und Dresden, nahe der polnischen und tschechischen Grenze ging. Dabei ist es hier taghell, nicht nur im Sommer.

Müller ist Gästeführer, und das seit 16 Jahren. „Solange ich körperlich fit bin und auch im Kopf klar bleibe, werde ich das machen“, verrät der 70-Jährige. „Ich habe hier alles miterlebt und möchte das gerne weitergeben.“ Den Beweis wird er antreten, auch während er in die Pedalen tritt. Ab sofort sollte jeder nur noch zuhören.

Müller doziert: „Der Bergbau und die Kohleproduktion haben die Lausitz seit der Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt. Im Lausitzer Revier wurden über zwei Milliarden Tonnen Braunkohle aus bis zu 60 Metern Tiefe geholt. Zurück blieb eine zerstörte Landschaft, die aufwendig saniert und wieder nutzbar gemacht wird.“ Durch Wasser.

Elbe, Spree und Elster werden angezapft, um den früheren Tagebau zu fluten und insgesamt 26 künstliche Seen entstehen zu lassen. Beeindruckend. Und weil man hier „auf Zack“ ist, hat man die Verbindungskanäle zwischen den Seen bereits fertiggestellt, als das Wasser noch gar nicht da war. „Kommt billiger“, schmunzelt Kathrin Winkler, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Lausitzer Seenland.

Während die Landschaft längst Gestalt angenommen hat, hinkt die Infrastruktur noch hinterher. Es fehlt an Hotels und Restaurants, es mangelt an Attraktionen rund um den Wassersport. „Aber es wird besser“, freut sich Winkler über jeden Investor, der mit Ideen kommt, Ideale hat und auch über das nötige Kleingeld verfügt.

So wie Gerold Schellstede, der das ehemalige „Ledigenheim“, das kurz vor dem Abriss stand, zum Vier-Sterne-Seehotel am Großräschener See umgebaut hat. „Eigentlich wollte ich mich zur Ruhe setzen, als ich mein Möbelhaus in Oldenburg abgegeben habe. Aber dann ließ man mir hier keine Ruhe, und ich bin schwach geworden.“ So schwach, dass er einen Prachtbau an ein Sandloch setzte, das mal ein See werden sollte. Inzwischen hat der See sogar schon einen kleinen Hafen und Schellstede keine Schulden mehr. Und weil der Mann einfach nicht tatenlos sein kann, hat er sein Hotel mit Gemälden geschmückt, die er in Berlin anfertigen ließ und „echte Fälschungen“ berühmter Meister sind. Auch darauf ist der Norddeutsche stolz.

Auch Heike Struthoff hat die Zeichen der Zeit erkannt, als die Zeit noch gar nicht gekommen war. Gemeinsam mit ihrem Mann Klaus-Dieter trennte sie sich vom Autohaus in Hoyerswerda und setzte auf die Hotellerie. In ihrem geschmackvollen Leuchtturm am Geierswalder See beherbergten die zwei schon Gäste, als von einer Seenlandschaft noch keine Rede sein konnte. Heute sieht das anders aus. Das Personal wächst, die Zahl der Auszubildenden auch; und wer nicht reserviert, der braucht gar nicht erst zu kommen. „Ja, es läuft“, freut sich Frau Direktor.

Und Heinz Müller freut das auch. Er kennt sie alle, die mit anpacken. So wie den Landwirt Andreas Wobar, der sich erfolgreich als Winzer versucht. Wie Armin Hoffmann, der am Bärwalder See den Schiffsverkehr anschieben will. Und wie Klaus Renner, der zu DDR-Zeiten seine Liebe zum Surfen entdeckte und heute mit Stand-up-Paddling den Geierswalder See unsicher macht.

Weithin sichtbar ragt die ehemalige Abraumförderbrücke F 60 in den Lausitzer Himmel. Der Stahlkoloss wirkt, als hätte jemand den Eiffelturm an den Bergheider See gelegt. Das monumentale Besucherbergwerk empfängt seit Mai 2002 Touristen. „Inzwischen kommen 80 000 Besucher im Jahr“, weiß Geschäftsführer Michael Nadebohr um die Attraktivität dieses 502 Meter langen und gut 70 Meter hohen Ungetüms. „Ein Muss für jeden Besucher“, ergänzt Heinz Müller.

Ja, der Wandel ist in vollem Gang. Und auch die Menschen haben sich verändert. Heinz Müller ist der lebende Beweis: Vom Bergmann zum Seemann. Da passt dann das „Glückauf“.

Region: Das Lausitzer Seenland ist ein künstlich angelegtes Seengebiet im äußersten Osten Deutschlands. Es liegt zwischen Cottbus in Brandenburg und Bautzen in Sachsen.

Unterkunft: Von Hotels über Pensionen bis hin zu Bett & Bike-Unterkünften ist alles im Angebot. Aber die Kapazität ist noch begrenzt.

www.reisleland-brandenburg.de

www.lausitzerseenland.de

Aktivitäten: Alles rund um den Wassersport, dazu lässt sich jeder der 26 Seen mit dem Rad umrunden. Wer die gesamte Seenlandschaft auf dem Fahrrad erleben möchte, hat 191 Kilometer vor sich.

www.seenland-route.de

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