So., 06.04.2014

Frische für alte Räume Homestager verschönern Wohnungen für den Verkauf

Der erste Eindruck: Ein Haus aus den 1980er Jahren, solide gebaut, wie es scheint, mit weißer Haustür und weißen Kunststofffenstern. Davor ein gewundener Pfad aus Natursteinen, gesäumt von bunten Beeten. Auf den ersten Blick: Alles adrett und gut.

Von Annegret Schwegmann

Wäre da nicht das, was spröde als „Pflegedefizit“ bezeichnet werden kann: Zwischen den Steinen lugt vorwitzig Gras hervor. In den Beeten konkurrieren Kulturpflanzen und Unkraut miteinander, noch unentschieden, doch wenn weiter nichts geschieht, gewinnt das Unkraut das Rennen. Christiane Westhues räumt Zeitschriften und Prospekte aus dem Briefschlitz. Ein Automatismus, berufsbedingt für eine Frau, die ihr Geld mit dem Aufhübschen von Immobilien verdient.

Aufhübschen – Christiane Westhues dürfte dieses Wort problematisch finden, weil es die schnellen Urteile nährt, die in Deutschland hartnäckig an ihrem Beruf haften. Home­staging steht für Menschen, die zum ersten Mal von dieser Dienstleistung hören, im Ruf, Mängel an Häusern zu kaschieren, die partout keine Käufer finden wollen. Hier ein bisschen Farbe auf den feuchten Fleck an der Wand, dort ein Teppich über den hässlichen Riss im Parkett – das verbinden nicht wenige Menschen mit dem, was die 50-Jährige aus Münster zu ihrem Beruf gemacht hat. Christiane Westhues sieht das ganz anders: „Homestaging ist Verkaufsförderung und kein Hokuspokus.“ Nach ihrer Ausbildung in der Deutschen Gesellschaft für Homestaging hat sich die Münsteranerin verpflichtet, unter keinen Umständen Mängel zu verdecken. Und im Übrigen: „Wer das täte, würde sich selbst das Wasser abgraben.“ Eine Art Dolchstoß für die Auftragslage.

Chance für Immobilienbranche

Nun also ein erster Ortstermin in einem Haus, das die Maklerin Ursula Rüsing verkaufen soll. Die beiden Frauen sind überzeugt von dem Potenzial, das Homestaging für die Immobilienbranche hat. „Ich habe es zum ersten Mal in Münster-Coerde erlebt. Eine Wohnung der früheren Mannschaftsunterkünfte für Soldaten ist als Musterwohnung gestaltet worden.“ Etliche Interessenten waren beeindruckt, weil die Frische der Vorhänge und sparsam platzierten Möbel zeigten, was sich aus den Wohnungen machen lässt. Einige hätten gern das gesamte Mobiliar gekauft.

Das hat auch Christiane Westhues schon erlebt. Im Moment allerdings muss sie noch Visionen entwickeln, wie dieses Haus im Kreis Warendorf, das sie gerade zum ersten Mal sieht, verkaufsfördernd dargestellt werden kann.

Schon der Flur ist problematisch. Ein Schlauch gewissermaßen, mit eng beieinanderliegenden Türen zu Küche, Wohnzimmer, Bad und Schlafraum. Möbliert derzeit noch mit einer niedrigen Truhe, einem bauchigen Schirmständer aus Messing, Garderobe und Telefontischchen in einem Winkel. „Das muss raus“, sagt die Homestagerin eher zu sich selbst als zur Maklerin. Gut vorstellen kann sie sich einen Farbstreifen in einem frischen Grün und innerhalb dieser Farblinie drei runde Spiegel, die nicht zu groß sein sollten. „Spiegel sind wichtig“, sagt Christiane Westhues. „Sie reflektieren Licht.“ Gerade in dunklen Räumen ist dieser Effekt nicht zu unterschätzen.

Für das Wohnzimmer möchte sich die 50-Jährige in dem Möbellager bedienen, das sie im Laufe der Zeit zusammengestellt hat. Tische, Stühle, Sofas – sie alle sind möglichst neutral, freundlich und zeitgemäß gestaltet. „Die Teppichbrücken müssen raus“, sagt Christiane Westhues gerade und bückt sich, um das zu beurteilen, was sich unter den Brücken befindet. „Und der Teppichboden, der muss auf jeden Fall gereinigt werden.“ Wenn sie sich einer Immobilie annimmt, „dann muss sie blitzen vor Sauberkeit“.

Frische Farben, helle Möbel

Dort, wo momentan noch ein dunkler Schrank mit Butzenscheiben steht, möchte sie ein niedriges Sideboard stellen. Gleich daneben ein helles Sofa, ein Tischchen und Accessoires wie Kerzen und Kissen, die sie sich allesamt in einem frischen Grün vorstellen kann. Christiane Westhues schaut sich weiter um. Auf der Terrasse sieht sie – wenn sie ihre Arbeit erledigt hat – einen Bistrotisch mit zwei Stühlen. Im Essraum einen weißen Tisch mit vier Stühlen und möglichst nichts Mediterranes, weil dunkle Hölzer das kleine Zimmer wie gestaucht wirken lassen würden.

Ein bis drei Prozent des Verkaufspreises verlangt die Homestagerin je nach Aufwand des Auftrags für ihre Dienstleistung. Viele Kunden schreckt das derzeit noch ab. „In Deutschland steckt Homestaging noch in den Kinderschuhen. In den USA ist es seit 30 Jahren fest etabliert.“ Christiane Westhues setzt auf die Zeit. Irgendwann, so glaubt sie, werden die Verkäufer sich davon überzeugen lassen, dass sich eine Immobilie deutlich schneller verkaufen lässt, wenn sie zuvor wie aus einem Guss gestaltet worden ist. „Möbelhäuser inszenieren ja auch ihre Wohnwelten.“ Das hilft dem Vorstellungsvermögen der Käufer auf die Sprünge.

Notfalls geht das auch mit Möbeln, die gar keine sind. Auf die Betten der Homestagerin jedenfalls sollte sich keiner setzen. Sie verwendet Kartons und drapiert sie mit Tagesdecken und Kissen. Homestager betreiben schließlich kein Möbelgeschäft.

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