Mo., 19.11.2012

Experte zur Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft „Bio ist auch keine Lösung“

Experte zur Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft : „Bio ist auch keine Lösung“

Schweinemäster und andere Tiererzeuger in der konventionellen Landwirtschaft haben ein schlechtes Image – zu Unrecht, meint Experte Prof. Dr. Wolfgang Branscheid, Foto: -dpa

Westerkappeln - 

Die konventionelle Landwirtschaft hat ein gewaltiges Imageproblem. Tierquäler, Brunnenvergifter, Luftverschmutzer – was müssen sich Bauern nicht alles anhören, wenn es um ihre Arbeit geht. „Der Ruf der Fleischerzeuger ist sogar schlechter als der der Banken“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Branscheid. Aber hat die Landwirtschaft das verdient? Nein, meint der Experte. Bio ist für ihn jedenfalls keine Lösung.

Von Frank Klausmeyer

Branscheid ist Wissenschaftler. Und so kommt er bei seinem Vortrag während des Landwirteforums 2012 der Volksbank Westerkappeln-Wersen an der einen oder anderen Stelle auch schon mal ziemlich akademisch rüber. Allerdings sind seine Daten und Fakten zur Frage nach der Nachhaltigkeit konventioneller Fleischproduktion erhellend und dürften manch strengem Verfechter von Biokost nicht sonderlich schmecken.

Wurde von den Bauern früher verlangt, das Volk satt zu machen, sollen sie heute in Zeiten des Überflusses umweltgerecht wirtschaften und Lebensmittelsicherheit garantieren. Was heißt dabei Nachhaltigkeit ? Branscheid zitiert an dieser Stelle Carl von Carlowitz (1645 bis 1714), der als Begründer dieses Prinzips gilt: „Man soll keine alten Kleider wegwerfen, bis man neue hat.“

Das klingt erst mal einfach, ist aber in der Praxis eine Gratwanderung. Es gehe um den Ausgleich zwischen den Bedürfnissen der Gegenwart und dem Risiko, dass künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können, erklärte Branscheid. Um Generationengerechtigkeit zu erzielen, bedürfe es des Dreiklangs von Ökonomie, Ökologie und sozialen Zielen.

Mit diesem theoretischen Unterbau legt der Wissenschaftler los in seinem Bemühen, den konventionell tätigen Landwirten „mehr Selbstbewusstsein“ einzutrichtern. Der Bio-Anteil der deutschen Landwirtschaft liege heute bei vier Prozent. Das langfristige Ziel laute 20 Prozent. „Das ist aber gar nicht erreichbar“, gibt Branscheid zu bedenken.

Fraglich sei dabei, ob Bio überhaupt nachhaltig ist. Beispiel: Rinder lassen jede Menge klimaschädliches Methan in die Luft. In Deutschland seien die Emissionen trotz gleichgebliebener Tierbestände gesunken. „Das ist ein Ergebnis der intensiveren Bewirtschaftung“, betont Branscheid.

In den USA ist die Rindfleischproduktion nach Angaben von Wolfgang Branscheid innerhalb von 30 Jahren gestiegen, obwohl die Bestände reduziert wurden. Erreicht worden sei dies durch andere Rassen, andere Fütterung, naturidentische und für den Menschen unschädliche Hormon-Implantate, aber auch durch in Europa zu Recht verbotene Leistungsförderer wie Antibiotika. Folge: weniger Landnutzung, weniger Emissionen, weniger Energieverbrauch.

Die Büffel vor Kolumbus hätten genauso viel Methan produziert wie die Rinderherden heute. „Insofern haben die Amerikaner über Jahrhunderte nachhaltig gewirtschaftet“, meint Branscheid.

Dass Bio-Tiere die Umwelt schonen, bestreitet der Ernährungsfachmann: Bei Schweinen sei der Flächenverbrauch um knapp ein Viertel größer, und bei der Hähnchenmast sei dieser doppelt so groß wie bei konventionellen Betrieben. Tierschutzprobleme gebe es aber genauso. Bis zu 30 Prozent der Hähnchen verendeten in Bio-Betrieben vor der Schlachtung. „Hinter Bio steckt viel heiße Luft“, findet Branscheid

Bio-Fleischerzeuger hätten auch immer wieder behauptet, kein Tiermehl zu verfüttern. „Sie produzieren es aber“, gibt der Experte zu bedenken.

Biofleisch sei nicht nachhaltig. „Das ist gefühlte Ökologie mit begrenzter Zukunftsfähigkeit“, glaubt Branscheid. Für ihn gilt die Formel: „Je größer die Betriebe, desto besser die Ökologie.“ Nur sie – und nicht kleine „atomisierte Höfe“ – seien in der Lage, nachhaltig zu wirtschaften.

Die Politik handele allzu oft nicht nach den Regeln der Vernunft, sondern nach starrer Ideologie. Der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel habe vor einigen Jahren als Umweltminister erklärt, 2020 sollten hierzulande 25 Prozent des benötigten Kraftstoffs und zehn Prozent der elektrischen Energie aus Biorohstoffen gewonnen werden. „Dafür braucht man 16,4 Millionen Hektar Nutzfläche in Deutschland. Es gibt aber nur 16 Millionen Hektar“, rechnet Branscheid vor. Die Landwirtschaft müsste demzufolge voll auf die Biorohstoffe umstellen. Dieser Irrweg werde weiter verfolgt. Landwirte müssten aber Lebensmittelproduzenten bleiben, fordert Branscheid vor allem mit Blick auf die globale Lange: „Wir werden alle Ressourcen zusammenkratzen müssen, um in 40 Jahren die dann neun Milliarden Menschen zu ernähren.“ Die Umstellung der Landwirtschaft auf Biofleisch „ist eine Idiotie“, meint Branscheid. Die bessere Lösung für die Bauern sei eine integrierte Produktion unter Einbeziehung des Tier- und Umweltschutzes – und ein besseres Marketing.

Mit dem Ruf nach Fleischverzicht mache der Wirt die Rechnung ohne den Gast. „Die Verbraucher wollen Fleisch. Der Anteil der Vegetarier liegt bei vier Prozent und ändert sich kaum“, sagt Wolfgang Branscheid.

Überdies stelle sich die Frage, was aus den „Mitessern“ würde. Ein Dackel fresse 131 Kilogramm Fleisch im Jahr, eine Katze 44 Kilo. Für Deutschland summiert entspreche dies der Bruttofleischerzeugung von Österreich.

► Prof. Dr. Wolfgang Branscheid war von 1985 bis August 2012 Leiter der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel (BFEL) am Max-Rubner-Institut für Sicherheit und Qualität bei Fleisch, Kulmbach. Er ist Autor zahlreicher Fachartikel und Mitherausgeber eines zweibändigen Handbuchs zur Qualität von Fleisch und Fleischwaren.

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