Sa., 17.11.2012

Familien aus dem Münsterland tauschen ihr Heim gegen Unterkünfte in der ganzen Welt Urlaub im fremden Zuhause

Familien aus dem Münsterland tauschen ihr Heim gegen Unterkünfte in der ganzen Welt : Urlaub im fremden Zuhause

Ein offenes Haushaben Dino und Andrea Niemann in Münster. Sie tauschten ihre Wohnung im Erpho-Viertel seit 2009 mit Familien aus Dänemark, Holland, Frankreich und Deutschland. Wilfried Gerharz Foto:

In Sigrid und Ekkehard Krefts Wohnzimmer spiegelt sich ihre große Reiselust wider: Lampen aus Mexiko und Indien, Bilder aus Italien, ein Kronleuchter aus Norwegen und Vasen, Wandkonsolen und Karaffen aus Spanien und Bali. Sogar die Art, wie Holländer eine Tasse auf eine Untertasse legen, hat das pensionierte Paar aus Dülmen übernommen. Die Einrichtungsideen stammen von Krefts Haustausch-Urlauben. Statt in Ferienwohnungen, Hotels oder auf Kreuzfahrtschiffen abzusteigen, übernachten sie in den Häusern fremder Menschen, die sie mit Hilfe einer Haustauschbörse im Internet finden.

Von Anne Koslowski

„Das ist die interessanteste Art von Urlaub“, schwärmt die ehemalige Verwaltungsangestellte. Sie und ihr Mann sind so in den vergangenen 13 Jahren bereits in mehr als 30 Länder gereist, manchmal mehrere Monate am Stück. „Normalerweise könnte man sich keine zwei Monate im Hotel erlauben“, so die 71-Jährige.

Sigrid Kreft aus Dülmen fährt in New Smyrna Beach/Florida mit dem Motorboot ihrer Gastgeber.

Sigrid Kreft aus Dülmen fährt in New Smyrna Beach/Florida mit dem Motorboot ihrer Gastgeber.

Einen achtwöchigen Aufenthalt in Neuseeland organisierte sie gänzlich über ihre Tausch-Agentur. Während sie ihr Dauerlager in einem Tauschhaus im nördlichen Whangarei aufschlugen, stellten sie von dort per E-Mail Gastfreundschaftsanfragen an neuseeländische Familie in Orten, wo sie überdies auf ihrer Rundreise nur zwei oder drei Nächte übernachten wollten. Auf diese Weise mussten sie nicht immer wieder in den Norden zurückkehren und lernten insgesamt zehn Städte sowie viele neue Gesichter kennen.

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Man hat das Gefühl, mitten unter den Einheimischen zu sein.

Sigrid Kreft

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Während die Krefts in Kanada sogar einmal den Schlüssel der Gastgeber zum Tauschhaus unter einem Blumentopf auf der Veranda vorfanden, sind die Deutschen beim Haustausch sehr viel zurückhaltender. „Deutsche interessieren sich nicht so sehr für Häusertausch“, sagt die Betreiberin der Haustauschbörse „Home For Exchange“, Ans Lammers. So stünden 250 deutsche Mitglieder beispielsweise 3500 Mitgliedern aus Frankreich gegenüber, obwohl beide moderne, westliche Länder mit einer ähnlich hohen Bevölkerungszahl und wenig Englischkenntnissen seien. „Es muss kulturelle Unterschiede geben.“

Dieses Haus in Rincon de Guavabitos/Mexiko haben die Krefts gegen ihr Heim in Dülmen getauscht.

Dieses Haus in Rincon de Guavabitos/Mexiko haben die Krefts gegen ihr Heim in Dülmen getauscht.

Anfängliche Skepsis

Auch Sigrid und Ekkehard Krefts mussten sich erst an den Gedanken gewöhnen, ihr Reich Fremden zu überlassen. „Zuerst ist man ein bisschen skeptisch“, räumt die 71-Jährige ein. Schließlich benutzen die Gäste ihr Geschirr, schlafen in ihren Betten, benutzen mitunter sogar das Auto.

„Was gibt es Persönlicheres als das eigene Zuhause?“, sagt Andrea Niemann, Haustauscherin aus Münster. Auch sie ist mit ihrem Mann und ihren drei Kindern bei einer Tauschbörse im Internet angemeldet und hat bereits neun Mal ihre Wohnung, in Münsters Erpho-Viertel gelegen, getauscht. „Wenn man erst einmal eine positive Erfahrung gemacht hat, ist das Eis gebrochen.“

Die Niemanns von links: Andrea, Liv, Dino, Luis und Theo

Die Niemanns von links: Andrea, Liv, Dino, Luis und Theo

Sofort im Urlaub: Die vorhandene Infrastruktur einer anderen Familie nutzen

Dann aber werde der Mut mit tiefen Einblicken in andere Lebensgewohnheiten belohnt. So realisierten ihre Kinder Theo, Liv und Luis beispielsweise anhand fehlender Bücher und Schreibtische sowie aufgehängter Stundenpläne in den Gasthäusern, dass Kinder in anderen Ländern in Ganztagsschulen gehen und deshalb all ihre Schulsachen in der Schule lassen. „Man ist kein Tourist“, sagt die 41-jährige Online-Redakteurin.

In den Tauschunterkünften dürfen die Kinder mit dem Spielzeug der anderen Kinder spielen.

In den Tauschunterkünften dürfen die Kinder mit dem Spielzeug der anderen Kinder spielen.

Das eigene Haus preparieren

Um auch ihren Gästen einen möglichst schnellen Einstieg in den Alltag in Münster zu ermöglichen, bereite sie ihre Wohnung sorgfältig vor. „Das ist nicht ganz stressfrei.“ Neben einer „ausgiebigen Putzaktion“ lege sie Prospekte von Ausflugzielen der Region bereit, gebe Empfehlungen für Restaurants und Kneipen, hinterlege Telefonnummern von Nachbarn und leihe Fahrräder von Freunden in den passenden Größen aus.

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Die Deutschen sind wie ihr Ruf: sauber und ordentlich.

Eine französische Tauschfamilie der Niemanns

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Schlechte Erfahrungen haben beide Familien übrigens jeweils nur ein einziges Mal gemacht. In beiden Fällen waren die Tauschwohnungen schmutzig. Während Krefts sogar ihre Sachen packten und zu der Familie flüchteten, bei der sie zuvor gewohnt hatten, blieben die Niemanns, putzten und bekamen eine Entschuldigung per Post von ihrer Tauschfamilie: „Die Deutschen sind wie ihr Ruf: sauber und ordentlich.“

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