So., 14.12.2014

Debatte um Kirchenumnutzung und Kunstverkauf „Dumm und barbarisch“

Hans Galen leitete von 1979 bis 1998 das münsterische Stadtmuseum. Er lebt heute in Greven.

Hans Galen leitete von 1979 bis 1998 das münsterische Stadtmuseum. Er lebt heute in Greven. Foto: Wilfried Gerharz

Münster - 

Hans Galen leitete bis 1999 das Stadtmuseum. Im Interview äußert er sich zur geplanten Umnutzung der Clemens- und der Dominikanerkiche sowie zum möglichen Verkauf der Chillida-Skulptur im Rathaus-Innenhof.

Von Martin Kalitschke

Erhalten mit der Clemenskirche und der Dominikanerkirche zwei der schönsten Innenstadt-Kirchen eine neue Nutzung? Muss Münster sich zudem von der Chillida-Skulptur im Rathausinnenhof verabschieden? Über die Umnutzung von Gotteshäusern und die mögliche Veräußerung des Kunstwerks „Toleranz durch Dialog“ sprach Martin Kalitschke, Redakteur dieser Zeitung, mit Hans Galen (81). Der Kenner der Stadthistorie leitete von 1979 bis 1998 das Stadtmuseum Münster.

Herr Galen, Kirchen sollen ein neues Nutzungskonzept erhalten, Kunstwerken in Münster droht der Verkauf. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen?

Galen: Ich sehe das mit Entsetzen. Da scheint sehr wenig Gespür im Spiel zu sein für das, was Münster ausmacht. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Diese Diskussionen sind nicht nur ein Zeichen von Unkenntnis, sie sind barbarisch.

Warum?

Galen: Die beiden Kirchen sind nicht einfach nur Kirchen. Weder die Clemenskirche noch die Dominikanerkirche waren jemals Pfarrkirchen. Nehmen wir die Clemenskirche. Bischof Clemens August von Bayern hatte sie mit dem Hospital der Stadt geschenkt, weil sie kein eigenes hatte. Seitdem kümmerten sich Tausende Schwestern um die Kranken Münsters. Die Clemenskirche ist gewissermaßen ein Denkmal für ihren Einsatz. Das Geschenk des Bischofs hat die Stadt um Millionen-Ausgaben entlastet. Und jetzt will die Stadt die Kirche verkaufen?

Können Sie sich überhaupt eine andere – wie es heißt: „angemessene“ – Nutzung dieser Kirche vorstellen?

Galen: Nein, das kann ich nicht. Was sollte das sein?

SPD, Grüne, Linkspartei, ÖDP, Piraten und FDP sprechen von finanziellen Gründen, wenn sie über eine Umnutzung dieser städtischen Kirchen nachdenken.

Galen: Das ist nur ein vorgeschobener Grund. Antrieb des Handelns ist eine Antireligiösität. Diese Menschen können einfach keine Kirchen ertragen.

Kommen wir zur Dominikanerkirche. Wie bewerten Sie deren Bedeutung?

Galen: Hier kann ich mir durchaus vorstellen, dass sie als Halle für kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte genutzt wird. Man müsste die Mauer, die den Altar abtrennt, abtragen und den Zentralaltar entfernen, dann hätte man eine tolle Akustik. Das sollte allerdings alles unter der Regie der Stadt passieren.

Dann würden ihr aber vermutlich die von Teilen des Rates erhofften Einnahmen entgehen.

Galen: Ein Verkauf von Kirchen bringt doch überhaupt kein Geld. Es sei denn, man macht in die Wände Schaufenster. Doch das würde der Denkmalschutz niemals erlauben. Im Übrigen: Kaufleute sagten mir immer wieder, dass sie nicht mehr in der Salzstraße wären, wenn es das Stadtmuseum nicht gäbe. Eine Innenstadt nur mit Ladenzeilen und Geschäften, das hilft niemandem. Zu einer attraktiven Einkaufsstadt gehören auch historische Gebäude.

Im Rahmen der WestLB-Abwicklung könnte die Chillida-Skulptur veräußert werden.

Galen: Bei der es sich nicht um irgendeine moderne Skulptur handelt, sondern um ein Kunstwerk, das unter den Fenstern des Friedenssaales steht. Die Botschaft des Westfälischen Friedens aufzugreifen und modern zu interpretieren, darin liegt der Wert dieses Kunstwerks. Wenn die Bänke von dort verschwinden, verlieren sie ihren Wert, die Chillida-Bänke gehören einfach nicht woanders hin. Man darf sie daher nicht abbauen.

Aber offenbar ist der Verkauf nach dem Unternehmensrecht kaum abzuwenden.

Galen: Die Landesregierung kann die Bänke ja der Stadt anbieten.

Könnte die das denn bezahlen?

Galen: Ich glaube nicht, dass es einen anderen Interessenten geben wird. Ich halte es für ausgeschlossen, dass es einem Händler gelingen würde, die Bänke weiterzuverkaufen.

Wenn wir noch einmal auf die aktuellen Diskussionen schauen: Glauben Sie, dass sie Münster schaden?

Galen: Sie schaden Münster sehr, sehr stark. Sollten Kirchen anders genutzt oder Kunstwerke verkauft werden, dann sinkt die Anziehungskraft dieser Stadt. Die Clemenskirche ist ein altes Kunstwerk von europäischem Rang, die Chillida-Skulptur ein modernes Kunstwerk von Rang, beide formen das Gesicht von Münster.

Kennen Sie eigentlich andere Städte, die Kirchen umgenutzt oder am Ende gar verkauft haben?

Galen: Ganz im Gegenteil. Andere Städte kaufen solche Bauwerke.

Was glauben Sie: Wie wird es mit den beiden Kirchen weitergehen?

Galen: Die stille Mehrheit in dieser Stadt ist nicht links. Und ich denke, das werden die Politiker, die über die Umnutzung beziehungsweise den Verkauf von Kirchen nachdenken, auch bald erkennen. Falls nicht, dann hätte dies vermutlich starke Auswirkungen auf die Ergebnisse bei den kommenden Wahlen.

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