Sa., 28.02.2015

Computer-Genie Alan Turing hatte Verbindungen nach Münster Mathematik und Hollywood

Achim Clausing fand im Instituts-Keller die wertvollen Sonder­drucke der Aufsätze Turing (kleines Fotor.. l. als Filmfigur)

Achim Clausing fand im Instituts-Keller die wertvollen Sonder­drucke der Aufsätze Turing (kleines Fotor.. l. als Filmfigur) Foto: Ahlke

Münster - 

Computer-Pionier Alan Turing, dessen Leben der Oscar-gekrönte Hollywood-Film „The Imitation Game“ erzählt, war verbunden mit Mathematikern der Universität Münster.

Von Karin Völker

Achim Clausing hat die Oscar-Verleihung am vergangenen Sonntag besonders aufmerksam verfolgt. Und am Ende war der emeritierte Informatik-Professor der Universität Münster fast ein bisschen enttäuscht. Immerhin einen Oscar hat der Film gewonnen, den Clausing jedem ans Herz legt, einen Oscar für das Drehbuch. Dessen Inhalt über das Leben des britischen Mathematikers Alan Turing kannte Achim Clausing schon lange, bevor der Hollywood-Film gedreht wurde. Und Zeugnisse von Turings Leben fand Clausing im Keller seines Instituts. Und zwischen Turing und den münsterischen Mathematiker seiner Zeit gab es gleich mehrere Verbindungen.

Alan Turing, der den Code der Verschlüsselungsmaschine „Enigma“ der Nazis im Zweiten Weltkrieg fand, und damit nach Ansicht vieler Fachleute den Sieg der Alliierten und das Ende des Krieges beschleunigte, ist für Clausing mehr als nur einer der Väter der Computertechnik. Turing ist für ihn ebenso Philosoph wie Mathematiker – ein „genialer Vordenker“. Schon in den 30er Jahren, bevor es überhaupt den ersten Computer gab, formulierte Turing die Frage, die sich heute, da das Google-Auto auf ersten Straßen fährt und Computer Unterhaltungen mit Menschen führen können, nah an die Realität gerückt ist: Wo verläuft die Grenze zwischen universeller Maschine, also dem Computer und dem Menschen? Imitiert der Computer nur den Menschen – oder ist der Mensch am Ende auch nur eine Maschine?

In der Biografie des britischen Autors Andrew Hodges über Alan Turing fand Clausing vor über zehn jahren den Hinweis auf die Verbindung nach Münster . In Turings sehr kleinem Archiv fand sein Biograf eine Postkarte des münsterischen Mathematikers Heinrich Scholz, er bis 1952 an der Universität lehrte. Scholz, der wissenschaftlich als Philosoph und Theologe arbeitete, bevor er Mathematiker wurde, gilt als einer der Begründer der theorethischen Informatik. In seinen Memoiren hatte Alan Turing enttäuscht vermerkt, dass nur zwei Kollegen weltweit seine 1937 verfasste Schrift „On computable Numbers“, in der er erstmals eine „universelle Maschine“, also den Computer beschreibt, als Sonderdruck angefordert hatten. Einer davon war Heinrich Scholz, der Turing – damals in den USA tätig – dort per Postkarte darum bat. Scholz bekam den Sonderdruck und Turing bewahrte die Postkarte aus Münster bis zu seinem Lebensende auf.

„Das hat mich auf die Spur gebracht“, erinnert sich Achim Clausing. Er wühlte im Keller des Uni-Instituts an der Einstein-Straße zunächst ohne Erfolg. Dann suchte seine damalige Sekretärin noch einmal – und stieß auf eine Buch, verfasst von Alan Turings Muter Sarah nach dem Tod ihres Sohnes. „Hinten in das Buch hatte Scholz mit Bindfäden den Sonderdruck von 1936 geheftet und einen weiteren, um den er Turing 1950 gebeten hatte“, erzählt Clausing. Heinrich Scholz, der in Münster wohl weltweit eine der ersten Vorlesungen über theoretische Informatik hielt, war Turing offenbar verbunden geblieben. Auf den Sonderdruck der berühmten Schrift „Computing Machinery and Intelligence“ über künstliche Intelligenz hatte Turing sogar eine persönliche Widmung für Scholz geschrieben.

Die beiden Dokumente werden heute in der Universitätsbibliothek aufbewahrt. Wie wertvoll sie sind, merkte Clausing soi richtig, als ein unsigniertes Exemplatr der Schrift über künstliche Intelligenz im Auktionshaus Sothebys für 180 000 Euro versteigert worden war.

Die Universität Münster und Alan Turing sind aber noch durch eine weitere Person verbunden: Der Mathematiker Karl Stein, der für die Nazis die Verschlüsserungsmaschine Enigma mitkonstruierte, deren Code Turing knackte, hatte ebenfalls in Münster studiert und gearbeitet.

Für Achim Clausing bleiben beunruhigende Fragen, die Alan Turing vor etwa 80 Jahren als einer der ersten aufwarf: Was unterscheidet Mensch und Maschine? Der Informatiker Clausing sieht im Computer ein für den Menschen zunehmend gefährliches Instrument: „Wir liefern uns der Maschine, dem Computer, dem Internet zunehmend aus“, stellt er fest, „wir lassen uns von der Maschine entmündigen.“

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