So., 22.03.2015

Ostern 1945 zogen die Alliierten in Münster ein Zwischen Angst und Hoffnung

Amerikanische und

Amerikanische und Foto: Stadtmuseum

Münster - 

In Münster endete der Zweite Weltkrieg bereits einen Monat vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945. Anfang April zogen die ersten alliierten Truppen in die Stadt ein, zunächst Amerikaner, unmittelbar danach folgten britische Soldaten. Zeitzeugen berichten gegenüber unserer Zeitung, wie sie das Kriegsende in Münster vor 70 Jahren erlebt haben.

Von Martin Kalitschke
Zu 90 Prozent wurde die Innenstadt zerstört (das Foto zeigt das Rathaus). Die Ausstellung „Das untergegangene Münster“ im Stadtmuseum dokumentiert zurzeit die Schäden (bis 31. Mai).

Zu 90 Prozent wurde die Innenstadt zerstört (das Foto zeigt das Rathaus). Die Ausstellung „Das untergegangene Münster“ im Stadtmuseum dokumentiert zurzeit die Schäden (bis 31. Mai). Foto: Stadtmuseum

„Nimm die Tasche, wir gehen in den Bunker“, sagt der Vater zu Irmgard Grisinger , als der Kanonendonner immer lauter wird. Die beiden laufen von ihrem Haus am Sternbusch zum Bunker, neben dem sich heute die Cappenberg-Schule befindet. „Wir blieben dort bis zwei, drei Uhr nachmittags“, erinnert sich die heute 90-Jährige an den letzten Kriegstag in Münster , Ostern 1945. „Dann ging die Tür auf, und der Bunkerwart sagte: Ihr könnt gehen.“

Erst zögerlich, dann immer stärker drängten Hunderte ins Freie, berichtet Irmgard Grisinger. „Draußen standen amerikanische Soldaten mit Gewehren in der Hand, am Boden lag ein toter deutscher Soldat.“ Ein grausamer Anblick, doch ihr Vater sagte: „Es ist Frieden. Jetzt haben wir Frieden.“

Bereits vier Wochen vor der Kapitulation endete der Zweite Weltkrieg in Münster. Alliierte Truppen zogen Ostern 1945 in die zu großen Teilen zerstörte Stadt ein. In unserer Zeitung riefen wir Anfang der Woche Zeitzeugen auf, uns ihre Erinnerungen an das Kriegsende zu schildern. Die Resonanz war überwältigend. Auf dieser Seite finden sie eine kleine Auswahl.

Margret Rövekamp (86) erlebte das Kriegsende in Mecklenbeck. „Wir hatten die Nacht in einem zum Bunker umgebauten Silo verbracht. Als wir früh morgens herauskamen, sahen wir etwa 30 bis 50 amerikanische Soldaten, die mit Gewehren in der Hand aus dem Wald kamen. Ein imposantes Bild.“

Margarita Kins (81) und ihre Familie wurden Ostern 1945 von deutschen Soldaten aus ihrem Haus an der Amelsbürener Straße evakuiert. „Es sollte eine Panzersperre errichtet werden.“ Von weitem habe sie dann gesehen, wie der Hof in Flammen aufging. „Als wir zurückkehrten, lagen überall verbrannte Tiere. Ich habe dieses Bild bis heute nicht vergessen.“ Zu diesem Zeitpunkt seien bereits Amerikaner vor Ort gewesen. „Sie waren sehr nett und schenkten uns Schokolade.“

Eine weiße Fahne hängten Bewohner dieses Hauses an der Wermelingstraße im April 1945 aus dem Fenster.

Eine weiße Fahne hängten Bewohner dieses Hauses an der Wermelingstraße im April 1945 aus dem Fenster. Foto: Stadtmuseum

Heinrich Olgemöller (86) gehörte damals zu einer HJ-Verfügungseinheit. Er erinnert sich daran, dass ein Jeep mit vier Amerikanern auf den heimischen Hof fuhr. „Sie unterhielten sich mit uns, nahmen ihre Helme ab, wollten Eier haben.“ Noch heute erinnert er sich an seine Gefühle: „Sie kamen als Befreier, endlich konnten wir aufatmen.“

Hermine Kiskämper (78) berichtet, dass ein Amerikaner „Hello Blondie“ rief, als sie den Bunker verließ. Ihr Elternhaus befand sich am Kanal, es war schwer beschädigt, Wasser gab es nicht. „Die Alliierten errichteten eine Station am Kanal, dort wurde das Wasser gereinigt, wir holten es in Eimern ab.“ Wie schwer Münster zerstört war, zeigt diese Erinnerung: „Vom Bahnhof aus konnte man damals bis zum Prinzipalmarkt und zum Schloss schauen.“

„Bei uns auf der Korduanenstraße stand nur noch ein Haus“, berichtet Franz-Josef Kavermann (86). Am Tag, als die Amerikaner kamen, sollte er eigentlich eingezogen werden – dies blieb ihm nun erspart.

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Die Amerikaner sind da, wir sind gerettet.

Hermann Bäumer zur Stimmung in Hiltrup beim Einmarsch der Alliierten Ostern 1945

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Hermann Bäumer (82) sah Ostermontag 1945 in Hiltrup die ersten alliierten Panzer. „Sie fuhren ohne Widerstand durchs Dorf.“ Als sie sich am Marktplatz aufstellten, sei er mit einem weißen Taschentuch an ihnen vorbei gelaufen. „Die Amerikaner sind da, wir sind gerettet“ – so habe er damals die Stimmung wahrgenommen.

Zwischen Hohenholte und Altenberge war Hans Lemié (82) Ostern 1945 mit dem Rad unterwegs, als eine amerikanische Fahrzeugkolonne näher rückte. „Auto hinter Auto, so etwas hatte ich noch nie gesehen.“

Münster 1945: Die Stunde Null

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Als Schutz vor Bombenangriffen wurden überall in Münster Bunker errichtet.

►  25. März: Letzter großer Luftangriff auf Münster. Am Ende des Krieges ist Münster – nach 102 Angriffen mit rund 700 000 Bomben, die 1600 Tote forderten – innerhalb des Promenadenrings fast vollständig zerstört. 60 Prozent des gesamten Häuserbestandes gilt als unbewohnbar. Zu diesem Zeitpunkt leben noch 27 000 Menschen in der Stadt.

►  3. April: Münster wird von amerikanischen und britischen Truppen besetzt. Der nationalsozialistische Oberbürgermeister Albert Hillebrand wird abgesetzt, auf ihn folgt Carl Peus. Am 11. April begeht Dr. Alfred Meyer, Gauleiter und Teilnehmer der Wannseekonferenz, Selbstmord.

►  Mitte April: Die Stadt kann wieder mit elektrischem Strom versorgt werden. Von den Nationalsozialisten umbenannte Straßen erhalten ihre alten Namen zurück. So wird die Adolf-Hitler-Straße wieder zur Bahnhofstraße.

►  Bis zum Sommer 1945 wächst die Einwohnerzahl auf 50 000 an. Im Juni nehmen die Universitätskliniken wieder ihre Sprechstunden auf, am 1. Juli öffnen die Postschalter. Das große Aufräumen beginnt. Bereits im August sind viele Straßen wieder für den Verkehr nutzbar.

Gedenkwoche vom 23. bis 29. März

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Viele Münsteraner verlassen aus Angst vor den Bombenangriffen jeden Abend die Stadt und suchen Unterschlupf auf dem Land.

Mit einer Gedenkwoche erinnert die Stadt an das Ende des Zweiten Weltkrieges von 70 Jahren. Zwischen dem 23. und 29. März findet eine Reihe von Veranstaltungen statt. Hier ein Überblick:

► Die Stunde Null – Das Kriegsende 1945, Literatur und Musik: 23. März, 19.30 Uhr, Rathausfestsaal.

► Der Zweite Weltkrieg in Büchern und anderen Medien, Ausstellung, Stadtbücherei, 24. bis 31. März

► „Kolberg“, Filmvorführung des NS-Durchhaltefilms, 25. März, 19 Uhr, Cinema

► „Deutschland im Jahre Null“, Film aus dem Jahr 1948, 26. März, 19 Uhr, Schlosstheater

► Führungen zu Skulpturen im Stadtraum: 26. März, 16 Uhr ab Servatiiplatz; 28. März, 14 Uhr ab Johannisstraße

► „Das untergegangene Münster“, Führung im Stadtmuseum, 27. März, 16 Uhr

► Münster 1945, Führung durchs Stadtmuseum, 28. März, 16 Uhr

► „Er ist wieder da“, Marathonlesung, 27. März, 21 bis 1 Uhr, Theatertreff

► Festakt zur Eröffnung der neuen Ausstellung „Geschichte – Gewalt – Gewissen“, 29. März, 11 Uhr, Villa ten Hompel; kostenlose Führungen am Eröffnungstag.

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