Fr., 11.04.2008

Nachrichten Münster Nachtweis Brückenschlag ins Baltikum

Von Karin Völker

Münster - Das erste Mal erfuhren Münsteraner am 48. Jahrestag des Verbrechens vom Schicksal der 390 Menschen, die bis 1941 in ihrer Stadt gelebt hatten. Winni Nachtwei , damals noch nicht grüner Bundestagsabgeordneter, sondern im Hauptberuf Geschichtslehrer in Dülmen, hielt im Regenbogensaal an der Bremer Straße den Vortrag „Verschollen in Riga“ über die Deportation münsterischer Juden in das Ghetto der lettischen Hauptstadt im Jahr 1941. Das Thema hat ihn bis heute nicht losgelassen. Kürzlich hat Nachtwei zum 100. Mal über das Schicksal der ins Baltikum verschleppten Juden aus Münster und Umgebung referiert – diesmal in der Billerbecker Realschule.

Die ist nach fast 20 Jahren Erinnerungsarbeit nicht irgendeine Adresse. Die Realschule hat aufgrund des Themas eine Schulpartnerschaft mit Riga gegründet. Sie ist eines von vielen Zeugnissen dafür, wie die Aufarbeitung des Schicksals der verschleppten jüdischen Mitbürger im Laufe der Jahre eine höchst lebendige Dynamik erlebte.

Bei seiner ersten Reise nach Riga im Sommer 1989 fand Nachtwei nichts als einige eingesackte Gevierte, die auf die Existenz von Massengräbern hindeuteten – aber keinerlei öffentliches Gedenken. Das hat sich sehr geändert, auch wenn die Erinnerung an die Nazi-Greueltaten bis heute im Baltikum ein „mühsamer Prozess“ geblieben ist, wie Nachtwei sagt.

Im Wald von Bikernieki, in dem die meisten Juden aus Münster und dem Münsterland erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden, hat der Volksbund 2001 einen Friedhof errichtet. Seit 1996 steht auf dem neuen jüdischen Friedhof von Riga ein Gedenkstein für die ermordeten Münsteraner. Es gründete sich ein Freundeskreis von Holocaustüberlebenden im Baltikum. Angehörige der Ermordeten kamen zu Erinnerungsreisen nach Riga. Inzwischen gibt es in Riga ein jüdisches Museum, in dem an das Ghetto erinnert wird. 1998 wurde nach langem Tauziehen vom Bundestag die Zahlung einer Rente von 250 Mark für die überlebenden Opfer des Nationalsozialismus in ganz Osteuropa beschlossen. „Im Baltikum waren das damals noch einige Hundert“, erinnert sich Nachtwei. Eine kleine, aber nicht ganz wirkungslose Hilfe.

Die Beharrlichkeit, mit der der Grüne und seine inzwischen gewonnenen Mitstreiter das Thema verfolgten, schaffte viele Verbündete: Zum Beispiel den jungen Mann aus Berlin, der sich eines Tages meldete, er habe etliche Millionen im Lotto gewonnen.

Mit dem Geld sollten die Renten der im Baltikum lebenden Naziopfer verdoppelt werden, um den Überlebenden ein erträgliches Alter zu ermöglichen. Inzwischen ist das Geld aufgebraucht – für viele bedeutete die Spende ein paar geschenkte gute Jahre, sagt Nachtwei. Heute, so Nachtwei, leben noch etwa 170 jüdische KZ- und Ghettohäftlinge im Baltikum, etwa 50 davon in Lettland.

Wenige kehrten nach dem Krieg nach Deutschland zurück, fast niemand nach Münster. Der Elektriker Siggi Weinberg, der später wieder hier in der Gereonstraße wohnte, war ein Einzelfall. Irmgard Ohl, die mit ihren Eltern von Münster aus nach Riga verschleppt worden war, hat zwar Münster häufig besucht, um in Schulen und bei anderen Veranstaltungen aus ihren Erinnerungen zu erzählen, hat aber nie wieder in der Stadt gewohnt. Sie reiste mit Nachtwei auch nach Riga, um sich selbst auf die Spuren der eigenen Vergangenheit zu begeben.

Nachtweis Vorträge brachten bei den Zuhörern manches Mal einiges in Bewegung. Etwa bei dem älteren Mann, der ihm in Dülmen zuhörte, sich meldete und bekannte: „Ich war als deutscher Soldat bei den Verbrechen im Baltikum dabei.“ „Er hatte noch niemals darüber gesprochen“, erinnert sich Nachtwei, noch nicht einmal mit seiner Frau.

Oder ein anderer Mann, ebenfalls bei einem der Vorträge in Dülmen, der auch als Soldat ins Baltikum geschickt worden war: Dort sah er im Rigaer Ghetto plötzlich Jupp Salomon, vormals Metzgermeister aus Dülmen. Der Mann schmuggelte Butterbrote ins Ghetto, um Salomon und seinen Leuten zu helfen. Mit den 100 Vorträgen ist das Erinnern an das Schicksal der münsterischen Juden im Rigaer Ghetto nicht zu Ende.

Inzwischen lebt fast niemand von ihnen mehr. „Desto wichtiger wird es, die Erinnerung wach zu halten“, meint Nachtwei. Er macht weiter.

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