Mi., 10.12.2008

Nachrichten Münster Münsteraner erlebt das Chaos von Athen

Münster/Athen - Thomas Schörner studiert an der Universität in Münster Kommunikationswissenschaften im Hauptfach und absolviert zurzeit ein Auslandssemester in Athen. Der 24-Jährige wohnt unweit der Polytechnischen Hochschule im Stadtteil Exarchia...

Münster / Athen - Thomas Schörner studiert an der Universität in Münster Kommunikationswissenschaften im Hauptfach und absolviert zurzeit ein Auslandssemester in Athen. Der 24-Jährige wohnt unweit der Polytechnischen Hochschule im Stadtteil Exarchia, der von den Unruhen besonders betroffen ist. WN-Mitarbeiterin Johanna Uchtmann interviewte Schörner telefonisch.

Wie ist die Stimmung auf den Straßen Exarchias?

Schörner Die Stimmung ist tagsüber sehr verhalten. Für einen Montag war es außergewöhnlich ruhig. Auf den Straßen sind kaum Autos und Leute unterwegs. Die Ladenbesitzer verbarrikadieren sich, einige haben sogar schon mit Reparaturarbeiten der Schäden begonnen. Der absolute Höhepunkt ist seit Montagabend erreicht. Es herrscht fast schon ein Ausnahmezustand, ohne dass der offiziell ausgerufen wurde.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein? Ist das Schlimmste überstanden?

Schörner Ich vermute, dass es bis zum nächsten Wochenende so weitergehen wird. Es sei denn, das Militär greift ein. Momentan sieht es aber nicht danach aus.

Wie gefährlich ist die Lage für die Anwohner?

Schörner Man sollte sich auf der Straße nicht zwischen den Fronten herumtreiben. Am Sonntagabend war ich mit meinem Mitbewohner auf dem Heimweg und wurde kurz vor unserer Haustür von einem Trupp Polizisten überrascht, der gerade eine Tränengasbombe gezündet hatte. Weil viele Passanten von den Autonomen nicht zu unterscheiden sind, hielten sie uns für Demonstranten. Mein Freund musste seine Handyvideos löschen, ich konnte meine Kamera noch heimlich verstecken. Dann habe ich die Hände hochgehalten und auf Griechisch gerufen: „Wir wohnen hier!“ Vor Tränengas konnte ich fast nichts mehr sehen und musste mich übergeben. Anschließend hatte ich minutenlang Tränen in den Augen. Wie es aussieht, sind die Polizisten sehr schlecht ausgebildet - im Kleinen wie im Großen. Sie handeln willkürlich und sind überfordert gegen die zahlenmäßig überlegenen Gewalttäter.

Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen?

Schörner Aus den Häuserreihen vor der Akropolis steigt Rauch auf, genau wie vom Vorplatz des Archäologischen Museums. Die Luft ist komplett durchzogen von Tränengas und vom Rauch des brennenden Mülls. Immer wieder hört man Schreie und kleinere Explosionen.

Welche Szene, welches Erlebnis hat Sie besonders berührt, bewegt, schockiert?

Schörner Montagabend haben Autonome etwas abseits von einer Demonstration plötzlich wahllos Molotowcocktails auf die Straße geworfen. Einer ist weniger als 20 Meter hinter mir explodiert. Aber das mulmigste Gefühl hatte ich am Montagabend zuvor, als um 18 Uhr die friedliche Demonstration an dem Hauptgebäude der „National and Kapodistrian Universität“ beginnen sollte. Ich stand dort direkt an der Mauer des Gebäudes, als nur wenige Meter von mir entfernt wie aus dem Nichts plötzlich 30 bis 40 Vermummte aus den Gassen stürmten, bewaffnet mit Stöcken und Steinen.

Letztes Jahr um diese Zeit waren Sie im friedlichen Münster, jetzt sind Sie bürgerkriegsähnlichen Zuständen ausgesetzt. Was ist das für ein Gefühl?

Schörner Demonstrationen in Münster sind mit dem, was ich jetzt vor Augen habe, wenn die Welt Kopf steht, nicht zu vergleichen. In Deutschland wird eine Demonstration von 20 Gewaltbereiten als Weltuntergang dargestellt, aber unweit im Ausland ist plötzlich nahezu die Apokalypse Wirklichkeit. Die öffentliche Diskussion um den Einsatz von Polizisten in Deutschland ist da nicht mehr verhältnismäßig. Hier in Griechenland herrscht scheinbar allgemein eine größere Akzeptanz für den Einsatz von Gewalt, vielleicht ist es auch nur Angst. So etwas gäbe es in Münster nicht.

» Unter www.imschattenderakropolis.wordpress.com hat Thomas Schörner ein Onlinetagebuch eingerichtet, in dem er aktuell über die Unruhen berichtet.

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