Mi., 04.05.2011

Interview mit Islamwissenschaftler Dschihad heißt nicht Terror

Münster - Der sogenannte „Heilige Krieg“ von Al Kaida unter ihrem jetzt getöteten Führer Osama bin Laden ist nur eine Interpretation des Begriffes „Dschihad“. Das sagt der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Marco Schöller von der Universität Münster. Schöller sprach am Dienstagabend bei der Ringvorlesung „Religion und Gewalt“ des Exzellenzclusters Religion und Politik über den „Dschihad“ und seine Bedeutung im Islam . Unsere Redakteurin Karin Völker hat am Randes des Vortrags mit Marco Schöller gesprochen.

Nicht-Muslime verbinden mit dem Dschihad automatisch den fundamentalistischen Terror.

Marco Schöller: Das ist nur eine Sichtweise von vielen. Es gibt zwar tatsächlich Gruppierungen im Islam, die den Terrorismus rechtfertigen. Der Dschihad als Terror-Krieg gegen möglichst viele unbeteiligte Zivilisten ist eine moderne Erscheinung. So etwas hat es in den vielen Jahrhunderten des Islam zuvor nicht gegeben.

Was bedeutet „Dschihad“ wörtlich übersetzt?

Schöller: Es heißt übersetzt Anstrengung oder Bemühung. Und gemeint ist damit für den gläubigen Muslim die Anstrengung, ein anständiger Mensch zu sein, sich moralisch korrekt zu verhalten. Dieser Aspekt, der „Dschihad der Seele“, spielt im Islam eine immer wichtigere Rolle. Die Sicht des Dschihad, die das Kriegerische gegenüber anderen Menschen betont, hat ihre Tradition auch eher im Kampf konkurrierender Glaubensrichtungen innerhalb des Islam.

Beispielsweise zwischen Sunniten und Schiiten im Irak?

Schöller: Ja, richtig. Osama bin Laden hat sich ja auch zuerst gegen Muslime gewandt, nämlich das saudische Königshaus, das sich mit den Amerikanern verbündet hatte.

Wie viel Rückhalt hat der von El Kaida geführte Dschihad denn im Islam?

Schöller: Das ist alles andere als eine Volksbewegung. Die wirkliche Anhängerschaft ist sehr gering. Es gibt nur ganz wenige Muslime, die bereit wären, ein Selbstmordattentat zu begehen oder sonstige Anschläge zu verüben. El Kaida ist auch keine feste Gruppe. Der Ausdruck „Terrorzellen“ für die einzelnen gewaltbereiten muslimischen Gruppierungen ist recht zutreffend.

Welche Rolle spielt denn die Tötung Bin Ladens? Muss man befürchten, dass diese Gruppen nun Anschläge verüben?

Schöller: Die Tötung von Bin Laden wird den Terrorismus nicht fördern, aber auch nicht mindern, befürchte ich. Es gibt natürlich Menschen in den islamischen Ländern, die jetzt in einer Art Widerstandsreflex gegen den Westen Sympathie für Osama bin Laden äußern, obwohl sie ihn im Prinzip ablehnen.

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