„Erwarte das Unerwartete“
Fr., 21.10.2011
Infektionsforscher der Uni Münster warnen vor neuen Erregern und entwickeln Medikament gegen Viren
Virologe Prof. Stephan Ludwig
Münster -
Vogelgrippe, Schweinegrippe, EHEC. Was kommt als Nächstes? Auf diese Frage weiß auch Prof. Stephan Ludwig keine genaue Antwort. Obwohl der Virologe von der Universität Münster bei jeder Ausbreitung neuer Erreger ein gefragter Experte ist. „Expect the unexpected“, erwarte das Unerwartete, laute dabei auch die wenig befriedigende Devise der Infektionsforscher an der Universität Münster.
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Einiges aber ist bereits absehbar, sagt Prof. Stephan Ludwig: Schuld daran ist der Klimawandel, der Insekten aus subtropischen und tropischen Gebieten immer weiter nach Norden vordringen lässt. West-Nil Virus oder Dengue-Fieber, solche Infektionen werde es künftig gehäuft auch in unseren Breiten geben sagt Ludwig. Menschen stecken sich zwar nicht bei Menschen an – aber Mücken tragen den Erreger weiter.
Sehr häufig sind Tiere bei den großen Infektionskrankheiten im Spiel. Die Universität Münster spielt bei der nationalen, von der Bundesregierung initiierten und geförderten Forschungsplattform „Zoonosen“ eine führende Rolle. Die großen „Aufreger“ der vergangenen Jahre, BSE, Vogelgrippe und Schweinegrippe sind Beispiele, auch der EHEC-Erreger kam über den Dung von Tieren in die Nahrungskette.
Kuscheln mit Tieren – Stephan Ludwig findet das generell unangemessen und oft gefährlich. Besonders warnt er vor Nagetieren. Ratten stehen im Verdacht die Kuhpocken zu übertragen – kürzlich machte das Gespenst von der Rückkehr der Pest die Runde in den Medien.
Letztere sind bei der Bekämpfung von Seuchen mitunter mehr schädlich als hilfreich, kritisiert Ludwig: Das Heraufbeschwören von Horrorszenarien und auch das Hervorheben von Einzelfällen gehört in jede Berichterstattung über potenziell gefährliche Erreger.
Die münsterischen Infektionsforscher veranstalten mit Journalisten und Kommunikationsexperten Workshops, um für eine angemessene Haltung zu den Gefahren zu werben. Weil gefährliche Erreger, die eine Pandemie verursachen können, so schwer vorhersagbar sind, arbeitet Stephan Ludwig mit seinem Team an der Entwicklung einer Alternative zu Impfstoffen gegen bestimmte Viren. Die münsterischen Virologen entwickeln ein Medikament, das Viren universal angreift.
Am Beispiel des SARS-Virus, der vor etlichen Jahren vor allem in Asien die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, haben die Münsteraner geforscht und dabei die Grundlagen eines Abwehrmechanismus entwickelt, der sich nicht gegen das einzelne Virus richtet, sondern auf die Zelle so einwirkt, dass dem Virus die Lebensgrundlage entzogen wird.
Wenn ein Virus in eine Zelle eindringt, wird sie aktiv, mobilisiert Energien, um sich gegen das Virus zu wehren. Das Perfide an Viren generell: Sie machen sich genau diese Abwehrmechanismen zunutze, sie brauchen sie, um am Leben zu bleiben. Das Medikament ist derzeit in der klinischen Erprobung. „Es dauert noch Jahre, bis es möglicherweise auf den Markt kommt“, dämpft Ludwig die Erwartungen.
Er selbst hat das Präparat, das inhaliert wird, aber schon ausprobiert. Subjektives Ergebnis: „Bei mir hat es geholfen.“ Nebenwirkungen hat Stephan Ludwig auch nicht festgestellt.