Der größte gemeinsame Nenner
Sa., 05.11.2011
Transplantationsmediziner sehen in der neu entfachten Diskussion über Organspenden einen Fortschritt
Die „Erklärungslösung“ – eine Befragung aller Versicherten nach ihrer Bereitschaft zur Organspende also – reicht allein nicht aus, glaubt Prof. Hartmut Schmidt. Der münsterische Transplantationsmediziner wünscht sich eine „Informationslösung“, die das hartnäckig schlechte Image der Vergabe von Organspenden aufbessert – und das nicht erst, seitdem Bundesrat und Parlament begonnen haben, neu über die Frage nachzudenken, wie die Zahl der Organspender erhöht werden kann.
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An sich paradox: Fast 80 Prozent der Deutschen stehen dem Thema der Organspenden positiv gegenüber. Einen Spenderausweis tragen jedoch nur 15 Prozent der Bürger bei sich. Für den Transplantationsmediziner schreit diese Zahlendifferenz förmlich nach der Notwendigkeit zur Aufklärung. „Wir haben ein großes Informationsproblem“, meint Schmidt. Noch immer hielten sich hartnäckig Vorurteile, die viele Menschen vor einem Spenderausweis zurückschrecken ließen. Darunter dieses: Letztendlich werden doch nur Privatpatienten bevorzugt berücksichtigt. Oder dieses: Die wollen doch nur meine Organe.
Auch zur Feststellung des Hirntodes kursieren viele Gerüchte. Schmidt begegnet ihnen energisch: „Der Hirntod ist die sicherste Diagnose, die es gibt.“ Sie erfolgt auf Intensivstationen und bedarf mindestens zweier Mediziner, die den Hirntod neurologisch bestätigen müssen. „Eine größere Sicherheit kann es gar nicht geben“, betont Schmidt.
Seine Kollegen und er sind seit vielen Jahren unglücklich mit der „Zustimmungslösung“, in der ein potenzieller Spender zu Lebzeiten ausdrücklich einer Organentnahme zustimmen muss. Die Zahlen der Spenden stagnieren und gehen in einigen Bereichen sogar zurück. Besonders dramatisch ist die Lage für Menschen, die eine Niere brauchen. Die durchschnittliche Wartezeit von fünf bis sechs Jahren ist für viele Betroffene zu lang.
In der nun diskutierten „Erklärungslösung“ sieht Schmidt einen großen Schritt nach vorn. Denkbar ist beispielsweise, dass die Krankenkassen alle Versicherten auffordern, sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden. Die Daten könnten auf der neuen elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden. Schmidt wünscht sich, dass in die Informationskampagne nicht nur die Kassen eingebunden werden, sondern auch Ärzte und Apotheker. Auch Juristen sollten ins Boot genommen werden. Vielen Menschen sei nicht bekannt, dass eine Patientenverfügung mit einer Auseinandersetzung zur Organspende verbunden werden kann.
Noch lieber wäre dem Mediziner die „Widerspruchslösung“, in der jeder Bürger potenzieller Organspender wäre, sofern er dies nicht ausdrücklich ablehnte. „Das ist das, was wir wollen“, sagt Schmidt. Doch in Deutschland sei diese Lösung zurzeit nicht durchsetzbar, „wenn man sieht, wie heterogen diskutiert wird. Die Frage ist, wo man sich einigt.“ Und das könnte die „Erklärungslösung“ sein.