Do., 05.01.2012

„Der Mensch ist, was er isst“ Professor Dr. Guido Ritter ist Experte für Ernährung und Genuss an der Fachhochschule Münster

„Der Mensch ist, was er isst“ : Professor Dr. Guido Ritter ist Experte für Ernährung und Genuss an der Fachhochschule Münster

Professor Dr. Guido Ritter untersucht in seinem Labor die Rezepte der Hersteller. Das kann zum Beispiel Konfitüre oder Orangensaft sein. Er rät, manche Dinge einfach mal mit geschlossenen Augen zu probieren. Foto: Wilfried Gerharz

Münsterland - 

Einfach mal die Augen schließen und dann probieren. Das rät Professor Dr. Guido Ritter allen, die nicht nur in sich hineinstopfen, sondern auch genießen wollen. Ritter ist Experte für Ernährung und Genuss an der Fachhochschule Münster. Eine eher seltene Kombination, wie er selbst berichtet. Der Münsteraner war in den vergangenen Monaten ein gefragter Mann. Ob Stern TV, Arte oder Morgenmagazin, überall ist er zu sehen. Während in Kochshows Rezepte ausprobiert werden, schaut Ritter sich die Rezepte unserer Lebensmittel im Labor an. Und stellt dabei unter anderem fest: „Wir leiden an Geschmacksverarmung.“ Ein großer Teil des Handels versuche, immer mehr den Mainstream zu bedienen. „Sie haben dort zwar 20 Käsesorten zur Auswahl, die schmecken aber irgendwie alle gleich“, sagt er.

Und fügt hinzu, dass der Wert der Lebensmittel nachgelassen hat. „Wenn wir sie nicht wertschätzen, dann werfen wir sie auch weg.“ Der alleinige Blick auf das Mindesthaltbarkeitsdatum reiche nicht. Die Kunden müssten sich das Produkt anschauen und dann entscheiden, ob sie es in den Müll werfen. Viele Menschen würden heute nicht nur zu viel wegwerfen, sie würden auch zu viel essen.

In Sachen falscher Ernährung müsse ebenso die Handbremse gezogen werden. Ritter : „Sonst geht uns eine ganze Generation verloren. Wir wollen hier ja keine amerikanischen Verhältnisse.“ Dort sei der Anteil der krankhaft übergewichtigen Menschen extrem gestiegen. Deshalb befürwortet der Ernährungsexperte auch ein Verbot von Lebensmittelwerbung, die nur auf Kinder ausgerichtet ist. Besonders kritisch sieht er Belohnungssysteme. „Sie müssen 20 Aufkleber einer Nuss-Nougat-Creme sammeln, um einen Ball zu bekommen. Und das wird dann auch noch vom DFB gefördert. So etwas muss verboten werden“, fordert Ritter. Hier würden auch die Hersteller eine Verantwortung tragen, der sie gerecht werden müssten. Hinzu komme, dass sich Werbung oft an der Grenze zur Täuschung bewege. Die Piemont-Kirsche komme nicht aus Italien , sondern meist aus Polen, und auf der Milchschnitte stehe nicht „als Zwischenmahlzeit gedacht“, sondern „für die Zwischenmahlzeit“. Sie soll nämlich in Verbindung mit einem Apfel gegessen werden: „Haben Sie schon mal jemanden mit einer Milchschnitte und einem Apfel gesehen?“ Die Frage kann jeder selbst beantworten.

Bei den Verbrauchern sei im Lebensmittelbereich zudem eine große Verunsicherung zu spüren. Die Menschen würden vielen Herstellern nicht mehr trauen. Dabei suche der Mensch nach Sicherheit. Und deshalb, davon ist Ritter überzeugt, werde der Trend weiter zu regionalen Produkten gehen.

Der Konsument sei gefordert, Verantwortung zu übernehmen. In einer Überflussgesellschaft, bei der oft nur der niedrige Preis zählen, stoße die Qualität einiger Produkte an ihre Grenzen. Und gerade bei Kindern müsse besonders darauf geachtet werden, dass sie sich gut ernähren. „Geschmack wird bei Kindern in den ersten acht Jahren geprägt“, erklärt der Experte. Die Kita- und Schulverpflegung sei ein wichtiges Thema. „Gemeinschaftverpflegung bekommt generell immer mehr Verantwortung“, sagt Ritter. Und kommt von der Ernährung wieder zum Genuss. Es sei nämlich nicht nur wichtig, was Kinder essen, sondern auch wie und wo. Die Esskultur spiele eine große Rolle. Kinder müssten möglichst viel probieren und abwechslungsreiche Kost, „damit meine ich keine Pseudovielfalt“, geboten bekommen. Dann könnten sie später auch den Wert der Lebensmittel schätzen. „Bei der Gemeinschaftsverpflegung wird noch viel passieren“, ist er sich sicher. Und landet bei einem Zitat, das auch der Titel einer Arte-Sendung war, an der Ritter mitgewirkt hat: „Der Mensch ist, was er isst.“ Irgendwie weiß man anschließend nicht, ob man nun Angst bekommen soll, oder nicht.

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