Professor Norbert Roeder: „Die waren im grünen Bereich“
Mo., 06.02.2012
Däbritz-Prozess: Richter fragt nach Todesfällen
Verfahren vor dem Landgericht Münster gegen Prof. Sabine Däbritz.
Münster - Richter Thomas Mattonet hakte gezielt nach. „In dem Schreiben stand: Sie würden Todesfälle mehr oder weniger vertuschen“, konfrontierte er am Montag den Ärztlichen Direktor des Uniklinikums Münster (UKM) mit Vorwürfen, die 2008 in einer Reihe anonymer Schreiben gegen das UKM erhoben worden waren. Wegen eben dieser Rufmord-Kampagne stehen derzeit die Herzchirurgin Prof. Sabine Däbritz und ihr Lebensgefährte vor dem Landgericht Münster.
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Wieviele Leute denn mitmachen müssten, um einen Todesfall zu vertuschen - das wollte der Richter von Professor Norbert Roeder wissen. „Im Zweifelsfall einer“, antwortete der. Doch: „Tod lässt sich nicht fälschen, Tod ist ja ein Entlassungsgrund. Den muss die Krankenkasse gegenprüfen". Auch habe es zu jenem Zeitpunkt keine statistischen Ausreißer gegeben. „Die Todesfälle lagen völlig im grünen Bereich“, resümierte der Ärztliche Direktor, der aber einräumte, nicht persönlich mit dem Qualitätsmanagement in der Herz-Thorax-Chirurgie betraut zu sein. „Die Daten geben die Ärzte selber ein.“
Auch für die Komplikationsrate an der Herzchirurgie interessierte sich der Richter, etwa für die Fälle von Wundheilungsstörungen, die vom UKM an die Fachklinik Hornheide weitergegeben werden. Vor einigen Jahren holte der damalige Leiter der Herz-Chirurgie gar das münstersche Institut für Hygiene auf seine Stationen. „Weil er mutmaßte, da stimmt etwas nicht“, so Roeder. „Er legte viel Wert auf Qualitätssicherung.“
Roeder wies den Vorwurf des anonymen Schreibers zurück, die Dokumentation an der Herzchirurgie sei manipuliert und verfälscht worden. „Das war ja das Perfide an der Rufmord-Kampagne damals, dass alles, was man versuchte aufzuklären, wieder gegen einen gedreht wurde.“ Patientendaten würden sehr lange aufbewahrt. Wieso gerade die jenes siebenfachen, am UKM verstorbenen Vaters aus Havixbeck verschwunden gewesen sein sollen – wie Däbritz' frühere Sekretärin vor Gericht unter Eid ausgesagt hatte –, konnte sich Roeder nicht erklären. „Am UKM wird rund um die Uhr gesichert.“
Streit in der UKM-Caféteria
Der ärztliche Direktor schilderte lautstarke Streitszenen, die sich Sabine Däbritz mit Kollegen vor der UKM-Caféteria geliefert hatte. Er berichtete, dass sie hochrangige Direktoren diskreditiert und Kollegen als „Stümper und Bypass-Abreißer“ bezeichnet haben soll. Sie selbst sei hingegen „weltklasse“, sei sie nicht müde geworden zu betonen.
Ihn hätten mehrfach Beschwerden von Kollegen auch anderer Kliniken über den „auffälligen Kommunikationsstil“ der Ärztin, in einem Falle gar ein regelrechter Hilferuf eines Arztes per Mail erreicht, den Däbritz mit ihrer Kritik unter Druck gesetzt haben soll. Als Roeder der Chirurgin nahelegte, an sich zu arbeiten, habe sie ihn abgekanzelt: wer er denn sei, ihr eine solche Rückmeldung zu geben.
Zahlreiche Patienten hätten sich nach der Flut der anonymen Schreiben geweigert, sich am UKM operieren zu lassen – „sogar im Rettungswagen baten sie darum, in andere Kliniken gebracht zu werden“, so Roeder. Den wirtschaftlichen Schaden, der dem Klinikum dadurch entstanden war, wollte er auf Nachfrage des Staatsanwalt am Montag nicht beziffern. Die Schadensersatzforderungen des UKM, die zuletzt in den Verfahren vor den Arbeitsgerichten Münster und Hamm im Raum standen, beliefen sich auf eineinhalb Millionen Euro.
Fall für Fall ging Richter Thomas Mattonet am Montag mit dem früheren Leiter der Herz-Thorax-Chirurgie am UKM, Prof. Hans H. Scheld, die letzerem, in den anonymen Schreiben von 2008 vorgeworfenen Komplikationen durch. Bis zu 3000 Patienten pro Jahr, berichtete der 65-jährige Chirurg im Ruhestand, seien bis Ende September 2011 über die OP-Tische seiner Abteilung gegangen. „Die Herz-Chirurgie ist nicht ohne Risiko durchführbar“, räumte er ein, „und die Patienten, um die es hier geht, waren schwieriger, waren keine Routine.“ Doch seien sämtliche Eingriffe nur von erfahrenen Fachärzten und Oberärzten durchgeführt worden.
Lange Warteliste von Transplantationspatienten
Warum er etwa ein Herz verpflanzt habe, das von der Uniklinik Essen als "nicht hochwertig" abgelehnt worden sei, erklärte Scheld mit der langen Warteliste von Transplantationspatienten. Wenn zu wenig Organe da seien und man vor der Frage stehe: „Soll ich den Patienten jetzt sterben lassen oder nicht, dann befinde ich mich in einem Graubereich“, so der frühere Chefarzt. Es sei oft genug gut gegangen, auf so genannte marginale Spender zurückzugreifen.
Auf die Datei von Sabine Däbritz´ USB-Stick angesprochen – einem tagebuch-ähnlichen Vermerk der Ärztin über angebliche Annäherungsversuche Schelds – sagte der 65-Jährige: „Da sind Freundlichkeit und Höflichkeit falsch verstanden worden.“ Essenseinladungen, Spaziergänge am Aasee und auf der Promenade mit untergehakten Armen, Blumenlieferungen und Komplimente – all das hatte Sabine Däbritz in ihrem Internet-Tagebuch vermerkt. Der frühere Chefarzt tat es am Montag als Unterstellung ab. Die Spaziergänge in der Natur habe er auch mit anderen Mitarbeitern gemacht, um schwierige Situationen zu klären.
Patienten-Sterberate von sechs Prozent
Im OP habe sie nur wenig gestanden, so Scheld, im ersten Jahr nur 33 Operationen durchgeführt („das macht ein normaler Oberarzt in einem Monat“) – mit einer eigenen Patienten-Sterberate von sechs Prozent. Sabine Däbritz sei zu oft abwesend gewesen, um häufiger von ihm für Operationen eingeteilt zu werden. „Wo sie an diesen Tagen war, entzieht sich meiner Kenntnis.“ Däbritz Anwalt gab daraufhin zu bedenken, dass die Chirurgin von den OPs ferngehalten worden sei und um jeden Eingriff habe kämpfen müssen.
Die Durchsuchungen seiner Wohnung und seiner Diensträume am UKM – aufgrund zweier Anzeigen und der anonymen Briefe an die Generalstaatsanwaltschaft Hamm – habe er als sehr demütigend empfunden. „Ich bin gemieden worden, in der Nachbarschaft und in Gremien“, schilderte der frühere Chefarzt am Montag. An der Herz-Chirurgie selbst habe eine Atmosphäre des Misstrauens geherrscht. „Diese Vorverurteilung hat mich sehr unter Druck gesetzt, mich, meine Mitarbeiter und meine Familie.“
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