Prozess
Mi., 01.02.2012
Neue anonyme Schreiben aufgetaucht - Däbritz zweifelt Qualifikation der Gutachter an
(Archivbild)
Münster - Für große Verwirrung sorgt derzeit eine neue Entwicklung im Rufmord-Prozess: Am UKM und am Herzzentrum Duisburg, an dem Sabine Däbritz derzeit Leiterin ist, kursieren offenbar neue anonyme Schreiben. Wie Richter Thomas Mattonet am Mittwoch andeutete, muss Sabine Däbritz kürzlich einen anonymen Brief erhalten haben – angeblich im Namen von Ärzten der Anästhesie am UKM. Uni-Rektorin Prof. Ursula Nelles hat dieses Schreiben inzwischen der Staatsanwaltschaft weitergeleitet.
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Darin ist die Rede von angeblichen Missständen am UKM, außerdem wird Kritik geübt an der derzeit laufenden Verhandlung. Von diesem Schreiben haben sich die Ärzte der Anästhesie inzwischen durch einen eigenen Brief distanziert. Zum Beweis geben sie an, der anonyme Brief strotze nur so vor formellen Fehlern und der Unkenntnis von Interna am UKM.
Van Aken berichtete von Vorfällen im Jahre 2008: Sabine Däbritz sei in Zimmer von Patienten gegangen, die sie selbst nicht behandelte. Sie sei dort laut geworden, habe lautstark Kritik an der Behandlung geübt. „Das konnte ich nicht zulassen, das hab ich unterbunden,“ so van Aken.
Der Lebensgefährte der Herzchirurgin gab zudem eine ausführliche Erklärung ab, in der er noch einmal die anonymen Schreiben vom Jahre 2008 einräumte. Darüber hinaus habe er die Anzeigen zweier Chirurgen-Kollegen von Sabine Däbritz zur Post gebracht – eine gegen den damaligen Leiter der Herz-Thorax-Chirurgie am UKM wegen Bestechlichkeit, die zweite wegen der Verletzung des Arbeitszeitgesetzes in der Abteilung.
Die Informationen für seine anonymen Briefe habe er seinerzeit von einem USB-Stick gezogen, der Sabine Däbritz gehörte. Weitere Adress-Fragen klärte er über das Internet.
Bei allen 13 in der Herz-Thorax-Chirurgie des UKM im Jahre 2008 verstorbenen Patienten habe es sich um „tragische, schicksalhafte Verläufe“ gehandelt. Zu diesem Ergebnis ist derweil eine vierköpfige Gutachterkommission der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie gelangt, die Abläufe, Behandlung und Dokumentation am UKM untersucht hatte. „Wir haben keine ärztliche Fehlbehandlung festgestellt“, resümierte der Leiter der Kommission vor dem münsterschen Landgericht.
Dort müssen sich derzeit die Herzchirurgin Prof. Sabine Däbritz und ihr Lebensgefährte wegen einer Rufmord-Kampagne verantworten, die dem UKM im Jahre 2008 einen großen Image-Schaden zugefügt hatte. In verschiedenen anonmyen Schreiben an die Staatsanwaltschaft und Hinterbliebene verstorbener Patienten hatte der Partner der Ärztin schwere Vorwürfe gegen das UKM erhoben – und das inzwischen eingeräumt.
Auch der Leiter der Gutachterkommission hatte seinerzeit zwei anonyme Schreiben erhalten. Darin wurde ihm vorgeworfen, „als Duz-Freund“ des damaligen Chefs der Herz-Thorax-Chirurgie am UKM zu „befangen“ zu sein, um den Gutachter-Posten ausfüllen zu können. „Ich habe mich absolut nicht befangen gefühlt“, sagte der 68-jährige Arzt vor Gericht dazu aus. Er war am Herzzentrum Duisburg übrigens der Vorgänger von Sabine Däbritz als dessen Leiter.
In den Schreiben hieß es desweiteren, Ärzte und Schwestern der Herz-Thorax-Chirurgie könnten „es mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren, wie schlecht Patienten dort behandelt und operiert“ würden. Auch gelte es, ein dubioses Abrechnungsverhaltung der Ärzte zu untersuchen und die Möglichkeit, dass Daten verfälscht und manipuliert worden seien. Ohne Befund: In keinem dieser Bereiche konnte die Kommission Mängel oder Defizite feststellen, so lautete das Fazit der vier Gutachter. „Auch wenn es in der Medizin schwierig ist, den Begriff der Qualität festzulegen. Da gibt es keine allgemein anerkannten Kriterien, was damit genau gemeint ist“, räumte der Chef der Gutachter-Kommission am Mittwoch ein.
Er bedauerte, dass Sabine Däbritz auf Anraten ihres Anwalts damals nicht zu einem Gespräch bereit gewesen sei.
Da die Befragung der Ärzte zur Urlaubszeit durchgeführt wurde, sei zudem der eine oder andere nicht greifbar gewesen. In einem abgeschlossenen Raum habe die Staatsanwaltschaft die beschlagnahmten Akten von 16 Patienten deponiert, „die wir vier einzeln und unabhängig voneinander studiert haben“.
Unterm Strich gab es ein Manko festzustellen – und zwar eines in Sachen „Strukturqualität“. „Die Abteilungen waren sehr weit entfernt voneinander, so etwa die Kinderkardiologie vom OP.“ Auch hätten die Ärzte in drei verschiedenen Computersystemen gearbeitet, was nicht zur Übersichtlichkeit beigetragen habe.
„Dreißig Minuten“, hielt Sabine Däbritz´ Anwalt dem Chef der Kommission vor, hätten die Gutachter je auf das Studium einer Patientenakte aufgebracht. Ob das denn ausreichend sei, um ein wasserdichtes Gutachten aufzustellen? A habe man mehr Zeit gehabt, B „sind wir ja alle erfahrene Herzchirurgen, da braucht man nicht jedes einzelne Blatt von oben bis unten durchlesen“, konterte der Gutachter daraufhin. Man habe sich auf die Prüfung der Vorwürfe konzentriert. Gerade in der Herzchirurgie könne „man manche Dinge für grenzwertig halten, es gab Punkte, wo wir auf der Grenze lagen: Ist das noch tolerabel, ist das nicht mehr tolerabel?“
Die Herzchirurgie am UKM, so sein Eindruck, habe eine offene Fehlerkultur gepflegt und vorbildlich viele verstorbene Patienten zur Obduktion in die Pathologie geschickt. „Die Dame dort sagte uns, im Vergleich zur Restklinik kamen überdurchschnittlich viele Patienten aus der Herzchirurgie zu uns.“
Sabine Däbritz schaltete sich gestern erstmals in die Verhandlung ein und zweifelte die chirurgische Erfahrung der beteiligten Gutachter an. Keiner von ihnen sei in der Lage gewesen, bestimmte hochkomplizierte Eingriffe vorzunehmen. „Das ist richtig“, bestätigte der Kommissionsleiter. Auch wisse er nicht mehr, ob er den Vorwurf so genannter Massenblutungen systematisch abgeklärt habe. Richter Thomas Mattonet versuchte gestern, die Schärfe aus der Diskussion zu nehmen. Der Zeuge sei hier heute nicht als Sachverständiger geladen, rief er Däbritz und ihre Anwälte zur Ordnung.
Dass die Kommission überhaupt gebildet worden war, ging auf das Engagement eines früheren Lehrers von Sabine Däbritz zurück. Selbst ehemaliger Herz-Thorax-Chirurg aus Aachen, hatte der heute 75-Jährige über Däbritz von angeblichen Missständen am UKM gehört. Später erreichte ihn, so sagte er gestern aus, „ein brauner Umschlag mit Patientenfällen aus dem UKM, ohne Namen – nur mit Alter, Diagnose und weiterer Entwicklung.“
Diese Liste habe er begutachtet und 13 Fälle heraussortiert, bei denen er sich sagte: „Da stimmt so einiges nicht mehr, so etwas sollte eigentlich nicht passieren.“ Daraufhin habe er ans Wissenschaftsministerium geschrieben und auf die Bildung einer Untersuchungskommission gedrungen. Dieser hätte er selbst gerne angehört, „um zu sehen, wie das da läuft“. Letztendlich wurde jedoch eine Gutachtertruppe gebildet, deren Mitglieder sich innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie sehr nahe standen. „Für meinen Geschmack war diese Kommission etwas zu familiär zusammengestellt,“ sagte der Arzt gestern aus.
Er selbst habe nicht mit Sabine Däbritz über die 13 Fälle gesprochen, bevor er die Liste ans Wissenschaftsministerium schickte. Auch mit ihrem Lebensgefährten habe er keine Patientenakten diskutiert. Die ihm zugespielten Unterlagen habe er „in den Schredder getan wie alle medizinischen Unterlagen, die ich nicht mehr brauchte“. Er sei von der Deutschen Gesellschaft für Thorax-Chirurgie harsch gerügt worden für seinen Einsatz. Einsicht in die Ergebnisse des Kommissions-Gutachtens seien ihm verweigert worden. „Irgendwann habe ich´s dann aufgegeben.“
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