Do., 05.07.2012

Wieder alles im Griff Erste deutsche Patientin bekommt in Münster eine aktive Hand-Prothese

Bettina Müller mit ihrer neuen Handprothese

Schottisches Patent und münsterisches Fachwissen: Bettina Müller ist glücklich mit ihrer neuen Hand. Die Prothese ist bislang einzigartig in Deutschland. Foto: Oliver Werner

Münster - 

Bettina Müller mussten nach einer Bakerieninfektion nach und nach die Finger und die Hand bis zum Gelenk amputiert werden. Eine münsterische Orthopädie-Firma hat ihr nun eine in Schottland gefertigte aktive Prothese angepasst, deren Funktionstüchtigkeit in Deutschland einmalig ist.

Von Uwe Wahlbrink

Es war nur ein kleiner Pieks. Doch damit begann ein 15 Jahre dauernder Leidensweg. Nach und nach verlor Bettina Müller alle Finger ihrer linken Hand, ihren Arbeitsplatz und auch noch ihren Freund, den ihre Behinderung abschreckte. Die Linkshänderin und gelernte Krankenschwester aus Oberhausen hatte sich beim Griff nach einer Mullbinde an einer unreinen Injektionsspritze infiziert. Erst die 90. Operation stoppte weitere Amputationen. Heute kann sie ihre Hand wieder bewegen und strotzt vor neuem Lebensmut. Geholfen haben ihr eine starke Psyche und Orthopädietechniker aus Münster .

Einmalig in Deutschland

„Srrrt, srrrt“ macht es leise, als sie die Finger um ein Trinkglas schließt. Denn „ihre Hand“ ist ein High-Tech-Gerät aus Edelstahl, Kunststoff und jeder Menge Elektronik, das es in Deutschland zurzeit kein zweites Mal gibt. Angepasst haben es ihr Veith Biedermann und Martin Stövesandt vom münsterischen Fachbetrieb für Orthopädie Kellner an der Robert-Bosch-Straße, die sie auch weiter betreuen.

Ein Arzt brachte Fachmann und Patientin vor einem Jahr bei einer unfallchirurgischen Tagung zusammen. Biedermann wandte sich an die schottische Firma Touch Bionic, die ein Patent auf aktive Fingerprothesen hat. Er schwört auf die schottische Handarbeit im doppelten Sinne: „So präzise können das nur englische Firmen.“

Die Funktion der Prothese

Das Besondere an Müllers Kunsthand sind die individuell steuerbaren Bewegungen jedes einzelnen Fingers. „Endlich ist es möglich, statt einer kosmetischen eine funktionelle Prothese zu bauen“, betont Biedermann. Elektroden in einer Manschette nehmen die Muskelimpulse aus Müllers erhalten gebliebenem Handgelenk auf und verstärken sie. Prozessoren wandeln sie in Griffkraft und -geschwindigkeit für die Kleinstmotoren an den Präzisionsgelenken um. Zwei aufladbare Akkus liefern die Energie dazu.

Jeden Tag schafft sie mehr

Seit zwei Monaten übt die Rekonvaleszentin mit ihrer neuen Hand, schafft schon den „Pinzettengriff“ mit Zeigefinger und Daumen. Konisch geformte Gläser hält Müller sicher fest. Schnürsenkel zu binden, ist für sie keine unüberwindbares Hindernis mehr. Bis zu zehn Kilogramm schwere Koffer hebt sie mit ihren Fingern. „Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich etwas Neues kann. Heute fühle ich mich wieder vollkommen“, strahlt die 42-Jährige. Sie schmiedet bereits Pläne, wieder in ihren alten Beruf zurückzukehren, „dann aber mit Schwerpunkt Betreuung.“

Zu Diagnosezwecken lässt sich die Hand sogar auslesen wie ein Automotor. Anhand der Daten kann die Herstellerfirma Fehlfunktionen korrigieren. Das Protokoll jeder Handbewegung ist als Leistungsnachweis gegenüber einer Krankenkasse oder Berufsgenossenschaft denkbar, die bei Kosten nahe einem sechsstelligen Euro-Betrag Informationsbedarf haben.

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