Mo., 29.10.2012

Podiumsgespräch „Religiöser Analphabetismus“ - Diskussion über „Blasphemie und Beschneidung“

Podiumsgespräch : „Religiöser Analphabetismus“ - Diskussion über „Blasphemie und Beschneidung“

Prägten den Abend zu „Religionen im öffentlichen Raum“ (v.l.): Dr. Navid Kermani, Elisa Klapheck, Katharina Jestaedt, Prof. Fabian Wittreck, Gisela Steinhauer und Prof. Ulrich Willems. Foto: anh

Münster - 

„Blasphemie und Beschneidung – Religionen im öffentlichen Raum“ hieß das Podiumsgespräch, das von der Stadt Münster und dem Exzellenzcluster Religion und Politik der Universität Münster im Rathaus veranstaltet wurde.

Von Andreas Hasenkamp

Unaufgeregt und nachdenklich verlief am Freitagabend das Podium zum Thema „ Blasphemie und Beschneidung – Religionen im öffentlichen Raum“, veranstaltet von der Stadt Münster und dem Exzellenzcluster Religion und Politik der Universität Münster .

Im fast vollen Festsaal des Rathauses moderierte Gisela Steinhauer die Debatte mit dem Kölner Schriftsteller und Orientalisten Dr. Navid Kermani , der Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck , Katharina Jestaedt vom Katholischen Büro in Berlin und zwei Wissenschaftlern des Clusters, dem Juristen Prof. Fabian Wittreck und dem Politikwissenschaftler und Theologen Prof. Ulrich Willems.

Als Sprecherin des Clusters betonte Prof. Barbara Stollberg-Rilinger, man dürfe nicht zurückfallen hinter die Errungenschaft eines religiös und weltanschaulich neutralen Staates und Rechtes, was „aber nicht zu verwechseln ist mit einem aggressiv säkularen Staat, der areligiös ist und das Religiöse aus dem öffentlichen Raum verbannt“. Religionen seien in einem Ausmaß in die Aufmerksamkeit gerückt, die man sich vor der Jahrtausendwende nicht hätte träumen lassen, und zwar als Konfliktgegenstand oder sogar Ursache.

Gefühle könne das Recht nicht schützen: Versuche der Staat dies, müsse er scheitern, so Fabian Wittreck. Hintergrund war hier der Prozess in Moskau gegen die regierungs- und kirchenkritische Punk-Band „Pussy Riot“. Drei Band-Mitglieder waren unlängst wegen einer Protestaktion in einer russischen Kirche verurteilt worden. Willems plädierte wie die meisten Diskutanten dafür, sich kein schnelles Urteil zu machen. Elisa Klapheck sagte, darin stecke vielleicht ein Akt der religiösen Emanzipation. Man denke zu schnell in Klischees, für sie sei die Aktion der Frauen „ein Gebet“. Mit Blick auf Deutschland meinte Katharina Jestaedt, neue Paragrafen brauche man im Blick auf Blasphemie nicht, das geltende Recht reiche aus.

Navid Kermani plädierte dafür, die Religionen mögen sich mehr der tätigen Nächstenliebe widmen, anstatt über „Werteverfall“ und ihre schwierige Lage zu klagen. Sie sollten ihr Besonderes nicht vergessen: „Religion ist Pflicht“, sie sei kein Wunschkonzert, sagte Kermani.

Vieles an der Kritik an den Religionen rühre aus „religiösem Analphabetismus“, so Kermani. Klapheck regte in diesem Sinne eine Art Handbuch über Religionen für Medientätige an – um etwa ein Fest wie das jüdische Lichterfest nicht untergehen zu lassen. Das solle doch auch im Fernsehen erwähnt werden, wenn man „fröhliche Weihnachten“ wünsche.

Dass eine Lehrerin Kopftuch trage, könne Anlass sein, offen über Religion zu sprechen, so Willems. Die deutsche Gesellschaft sei es nicht gewohnt, dies als Chance zu sehen. Sie hinke auch wegen Thesen wie „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ der Entwicklung hinterher und müsse ihre Fähigkeit zum Gespräch erst entwickeln.

Nur knapp kam das Thema Beschneidung auf – auf Seiten der Kritiker wurde A- und Anti-Religiosität geortet. Kermani stellte die warnende Behauptung auf: Wenn in dieser Sache die Gesellschaft die Begründung aus dem Glauben nicht zulasse, würden darunter bald auch andere Religionen leiden. Diese These stellte keiner in Frage, gegenläufige Rechte kamen nicht zur Sprache.

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