So., 13.01.2013

Recht auf Grundbildung Peter Hubertus vom Alphabetisierungs-Verband fordert Politik-Wechsel

Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung, engagiert sich seit 25 Jahren für die Alphabetisierung von Erwachsenen.

Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung, engagiert sich seit 25 Jahren für die Alphabetisierung von Erwachsenen. Foto: gri

Münster - 

Münster. Das Problem ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Nach einer neuen Studie sind 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland aufgrund ihrer begrenzten schriftsprachlichen Kompetenz nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben. Sie sind damit sogenannte funktionale Analphabeten. Auf Münster runtergerechnet wären das etwa 27 000 Personen. Die Vereinten Nationen haben für die Weltalphabetisierungsdekade, die mit dem Jahreswechsel zu Ende gegangen ist, das Ziel ausgerufen, die Zahl der Analphabeten weltweit zu halbieren. Als bundesweit tätiger Verband engagiert sich der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung mit Sitz in Münster seit über 25 Jahren für die Alphabetisierung von Erwachsenen. Mit dem Geschäftsführer des Verbandes, Peter Hubertus, unterhielt sich WN-Redakteur Jürgen Grimmelt.

Als bundesweit tätiger Verband engagiert sich der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung mit Sitz in Münster seit über 25 Jahren für die Alphabetisierung von Erwachsenen. Mit dem Geschäftsführer des Verbandes, Peter Hubertus , unterhielt sich WN-Redakteur Jürgen Grimmelt .

Bund und Länder haben sich Ende 2011 auf eine „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ verständigt und dabei die Erwachsenen in den Mittelpunkt gestellt. Ist das der richtige Weg?

Peter Hubertus: Es gibt gerade in der Förderung von Kindern vielfältige Aktivitäten. Im Bereich der Grundschule sind in den letzten 15 Jahren deutliche Fortschritte gemacht worden. Wir haben im schulischen Bereich eher das Problem ab der Sekundarstufe I. Die Kinder, die am Ende der Grundschulzeit gute Leser und Schreiber sind und dann auf höhere Schulen gehen wie Realschule oder Gymnasium, verbessern in den folgenden Jahren auch ihre Lesekompetenz. Aber die Kinder, die am Ende der Grundschulzeit zu den schlechteren Lesern gehören und zur Förder- oder Hauptschule gehen, die bauen ihre Kenntnisse kaum aus.

Ein strukturelles Problem?

Hubertus: Ja. Das hängt auch damit zusammen, dass Schule im Moment zur Zeit eher eine Halbtagsschule ist. Gerade Kinder, die aus Elternhäusern kommen, die wenig Unterstützung geben können, würden besser gefördert, wenn sie sich auch am Nachmittag lernend beschäftigen. Es muss ja nicht immer gleich lesen oder schreiben sein. Aber natürlich lernt man nicht unbedingt die Dinge, die man fürs Leben braucht, wenn man zu Hause sitzt und den Fernseher laufen lässt oder die Playstation benutzt.

Kann die Ganztagsschule da eine Lösung sein?

Hubertus: Eine Ganztagsschule ist vor allen Dingen für Kinder aus schwierigen Verhältnissen eine gute Lösung. Aber sie sollte nicht ein Mehr sein von dem, was bereits am Vormittag stattgefunden hat.

Sind Lehrer durch ihre Ausbildung ausreichend qualifiziert für das Problem Analphabetismus?

Hubertus: Die Qualifikation ist sicherlich noch nicht ausreichend. Vor allem wenn es darum geht, den schriftlichen Spracherwerb anzuleiten. Wir haben aber vor allen Dingen die Problematik, dass die Heterogenität in den Klassen extrem ist. Ein Lehrer muss eigentlich Zehnkämpfer sein: Er muss für alle Niveaustufen Unterricht anbieten. Er darf aber nicht nur Frontalunterricht machen und versuchen, die Mitte zu treffen. Unter dem Stichwort Inklusion wäre für Nordrhein-Westfalen zu klären, wie Unterricht erfolgen kann, damit jedes Kind und jeder Jugendliche mit Unterstützung des Lehrers, aber auch seiner Mitschüler, seinen nächsten Lernschritt gehen kann. Unterricht muss also eher aus der Perspektive des Lerners organisiert werden und nicht immer aus dem Lernplan heraus.

Welche Rolle spielt die Familie, in der ein Kind aufwächst?

Hubertus: Wir sehen gerade die Familie als wichtiges Scharnier. Die Familie ist auf der einen Seite die Institution, in der Kinder gefördert oder nicht gefördert werden, um dann in der Schule oder im späteren Leben zurecht zu kommen.

Wie erreichen Sie die Familien?

Hubertus: Die Eltern sind sehr daran interessiert, ihre Kinder zu unterstützen. Die Eltern erreichen wir aber nicht, indem wir sagen: „Sie als Vater, Sie als Mutter haben Schwierigkeiten mit dem Lesen oder Schreiben.“ Das ist zu direkt. Wir müssen deutlich machen, wie Eltern ihre Kinder besser unterstützen und die Eltern dabei gleichzeitig etwas lernen können.

Laut einer Studie haben 57 Prozent der funktionalen Analphabeten einen Job. Trotzdem machen nur wenige von ihnen von der Möglichkeit Gebrauch, an speziellen Kursen, wie sie von Bildungseinrichtungen wie der Volkshochschule angeboten werden, teilzunehmen. Woran liegt das?

Hubertus: Es ist grundsätzlich schwer, sich als Erwachsener noch einmal auf den Weg zur Schrift zu begeben. Erwachsene, die einmal die Schule besucht haben, sind ja beim Lesen- und Schreiben-Lernen schon einmal gescheitert. Und man muss als Erwachsener genau an der selben Stelle noch einmal ansetzen, wo man gescheitert ist. Keiner macht das gerne.Der zweite Punkt ist: Sie haben sich ihr Leben so eingerichtet, dass sie Vertrauenspersonen haben, die Dinge für sie erledigen, die sie nicht alleine regeln können.

Was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre?

Hubertus: Wir möchten nach und nach 100 000 Kursplätze etablieren. Wir müssen auch zusätzlich Lernangebote im unterschwelligen Bereich anbieten, die nicht gleich ein Kurs sind. Schupperangebote also. Das Zweite: Wir müssen dafür sorgen, dass es kein finanzielles Problem darstellt, dass jemand lesen und schreiben lernen möchte. Ein Vorbild könnten deshalb die Integrationskurse sein, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert werden. Migranten haben hier einen Anspruch auf über 1200 Kurs-Stunden, um schreiben und lesen zu lernen. Diese Größenordnung sollten wir für alle Menschen in Deutschland, die Grundbildungsbedarf haben, formulieren. Das würde einen entscheidenden Wechsel in der Politik deutlich machen: Die Politik will Grundbildung. Und der Bürger hat ein Recht auf Grundbildung.

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