So., 26.05.2013

Gute Bedingungen in JVA Münster Gefangene sollen mit Büchern Strafe mindern können

Die Bibliothek im Gefängnis an der Gartenstraße ist vorbildlich – hier muss niemand Analphabet bleiben.

Die Bibliothek im Gefängnis an der Gartenstraße ist vorbildlich – hier muss niemand Analphabet bleiben. Foto: Peperhowe

Münster - 

In Strafanstalten gibt es besonders viele Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Darum wird jetzt darüber diskutiert, dass Gefangene durch das Lesen von Büchern ihre Strafe reduzieren können. Die hervorragend bestückte Bibliothek in der JVA Münster würde dafür beste Bedingungen bieten. 

Von Karin Völker

Wenn diese Idee, Wirklichkeit wird, dann schlummern in der Bibliothek von Gerhard Peschers viele Jahre Freiheit. Hier reihen sich Tausende Bücher in den Regalen, Lesestoff in Hülle und Fülle. Die von Peschers betreute Bibliothek befindet sich in der JVA an der Gartenstraße , und vier Fünftel der dort einsitzenden Gefangenen statten dem hellen Raum regelmäßig Besuche ab. Lesen soll nach Vorstellung mancher Experten im Strafvollzug möglicherweise bald buchstäblich frei machen: Häftlinge, die Bücher lesen und über das Gelesene selbst etwas schreiben, sollen früher entlassen werden; ein Vorschlag, der in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Neue Kriminalpolitik. Forum für Kriminalwissenschaften, Recht und Praxis“ nachzulesen ist.

Vier Tage Straferlass pro Buch werden diskutiert. Ein Vorschlag, der in Brasilien erprobt wird, wie Bibliotheksleiter Peschers berichtet. Dieser Anreiz hilft in dem lateinamerikanischen Land, ein dort sehr massives Problem anzupacken. Viele Gefangene können nicht lesen und schreiben – und wenn sie dies im Vollzug lernen, hilft ihnen das später, in Freiheit besser zurechtzukommen.

Doch Brasilien ist überall, „auch in Münster an der Gartenstraße“, weiß Peschers. Auch hierzulande ist Analphabetismus ein Problem. Peter Hubertus , Vorsitzender des Bundesverbandes Alphabetisierung, der am Donnerstag in der JVA Münster eine Ausstellung zu diesem Thema eröffnete, nennt Zahlen: Nach einer Studie von 2011 leben in Deutschland 7,5 Millionen Analphabeten, in der Gruppe der Deutschsprachigen im erwerbsfähigen Alter gibt es 14,5 Prozent sogenannte funktionale Analphabeten. Diese Menschen, die die Schule längst hinter sich haben, sind nicht in der Lage, mehr als kurze Sätze oder einzelne Worte zu entziffern, geschweige denn selbst zu schreiben.

„Das Problem existiert in den Strafanstalten verschärft“, so Peter Hubertus. Hier wird geschätzt, dass knapp die Hälfte aller Gefangenen nur sehr geringe oder keine Fähigkeiten im Lesen und Schreiben haben. „Im normalen Leben können sich die meisten Analphabeten mit Hilfe anderer Personen durchmogeln, ohne aufzufallen“, illustriert Hubertus. Damit ist im Knast Schluss: Hier ist jeder erst mal auf sich allein gestellt, muss Anträge stellen, Formulare ausfüllen. „Dadurch merken wir meistens, wer nicht oder fast nicht schreiben kann“, sagt Nicole Hillmann, die in der JVA Schreib- und Lese-Kurse organisiert. Die JVA ist bundesweit eine von fünf Modellstrafanstalten, in denen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Konzepte zur Alphabetisierung gefördert werden.

Die Bedingungen, als Insasse an der Gartenstraße buchstäblich noch Anschluss zu finden, sind vergleichsweise hervorragend. Eine Bibliothek wie hier findet sich in wenigen deutschen Strafanstalten. Im Jahr 2007 wurde die Bücherei bundesweit gar zu Bibliothek des Jahres gekürt.

Gerhard Peschers findet es „toll“, dass durch die Debatte um die unkonventionelle Strafreduzierung „Lesen so eine große Bedeutung bekommen soll“. Was die Häftlinge lesen müssen, um früher entlassen zu werden, darüber gibt es noch keine genauen Vorstellung. Mit Comics soll es nicht getan sein, aber es müsse auch nicht Goethe und Schiller sein, meint der Gefängnisbibliothekar. „Es kommt sicher auf den Leser an“, sagt er. Dass ein Insasse, der zuvor kaum etwas entziffern konnte, irgendwann das philosophische Jugendbuch „Sophies Welt“ durchlas, hat ihn sehr beeindruckt.

Nach dem brasilianischen Modell haben Häftlinge vier Wochen Zeit für ein Buch. Pro Jahr könnten sie sich also maximal 48 Tage Freiheit erlesen. Und nebenbei klüger und gebildeter werden.

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