Fr., 24.05.2013

Pkw-Brandserie hält Feuerwehr in Atem „Gefährlicher Vandalismus“

Benno Fritzen ist Leitender Branddirektor und Chef von 1000 haupt- und ehrenamtlichen Feuerwehrleuten in Münster.

Benno Fritzen ist Leitender Branddirektor und Chef von 1000 haupt- und ehrenamtlichen Feuerwehrleuten in Münster. Foto: kal

Münster - 

Der Chef der münsterischen Feuerwehr glaubt, dass hinter der jüngsten Pkw-Brandserie Vandalen stecken. Dass sie das Werk politischer Aktivisten oder eines psychisch kranken Einzeltäters sind, hält er für eher unwahrscheinlich. Unterdessen hat sich die Feuerwehr auf die neue Lage eingestellt.

Eine Pkw-Brandserie hält seit Wochen die Feuerwehr in Atem. Mit Benno Fritzen , Leiter der Feuerwehr und Chef von 350 hauptamtlichen und 650 ehrenamtlichen Feuerwehrleuten, sprach WN-Redakteur Martin Kalitschke .

Herr Fritzen, gibt es schon Vermutungen, wer hinter den Brandstiftungen stecken könnte?

Fritzen: Ich gehe davon aus, dass es sich um eine besonders gefährliche Form von Vandalismus handelt, die in der Regel von Kleingruppen verübt wird – zum Beispiel im Rahmen von Mutproben. An eine politische Motivation glaube ich nicht, dafür sind die Fälle zu willkürlich. Und auch einen psychisch kranken Einzeltäter schließe ich eher aus. Doch das alles sind natürlich nur Vermutungen.

Gleich mehrmals hat es in Tiefgaragen gebrannt. Wie gefährlich sind solche Feuer?

Fritzen: Tiefgaragen sind in der Regel über Türen und Flure mit Wohnräumen verbunden, was ein großes Risiko birgt. Rettungs- und Fluchtwege können durch Rauch abgeschnitten werden, Menschen bleibt dann nur die Möglichkeit, in ihren Wohnungen auf Hilfe zu warten. Zieht dann auch noch Rauch in die Wohnungen, steigt die Vergiftungsgefahr. Neben den objektiven Gefährdungen sind auch Panikreaktionen nicht auszuschließen – bis hin zum Sprung aus dem Fenster.

Und wie groß ist die Gefahr für Ihre Kollegen?

Fritzen: Sehr groß. Tiefgaragen sind weitläufig und haben nur wenige Öffnungen. Wärme und Rauch können kaum abziehen. Die Temperaturen sind hoch, die Sicht ist sehr schlecht. Eine Orientierung ist manchmal nur unter Zuhilfenahme von Wärmebildkameras möglich. Der Weg zum nächsten Treppenraum ist häufig weit, wenn es darum geht, sich selbst in Sicherheit bringen zu müssen.

Wie sieht es aus, wenn Feuerwehrleute brennende Pkw auf Straßen oder Parkplätzen löschen?

Fritzen: Auch da kann es sehr unangenehm werden. Explosionen – wie wir sie aus Spielfilmen kennen – bleiben zwar in der Regel aus, aber Fahrzeuge mit Gasantrieb reagieren anders als herkömmliche Fahrzeuge. Gefährlich kann auch die Ladung eines Fahrzeuges sein, angefangen bei Haushaltschemikalien bis hin zu gewerblichen Gefahrstoffen. Die Gefahr ist zudem groß, dass benachbarte Fahrzeuge beschädigt werden oder ein Feuer auf ein Haus übergreift. Noch einmal: Brandstiftung ist kein DummerJungen-Streich, sondern eine Straftat, die hohe Sachschäden anrichten, Menschen verletzen und Einsatzkräfte gefährden kann.

Eine Brandstiftung, die auf Vandalismus zurückgeht, kann somit verheerende Folgen haben.

Fritzen: Ja, denn die Ausbreitung eines Feuers kann schlecht kalkuliert werden. Im schlimmsten Fall kann es Tote geben.

Kalkulieren Brandstifter ein solches Risiko mit ein?

Fritzen: Ich glaube, dass es sich bei den Fällen der letzten Wochen um einen Vandalismus handelt, bei dem sich die handelnden Personen keine Gedanken über die Folgen machen. Möglicherweise geht es ihnen einfach um den Spaß am Geschehen. Wenn es brennt, passiert ja eine Menge. Für manche Leute ist so etwas eine billige Form der Unterhaltung.

Kann man Menschen, die so etwas tun, irgendwie erreichen?

Fritzen: Kaum. Über Strukturen wie Schule, Bildung, soziale Einrichtungen oder seriöse Medien erreicht man solche Brandstifter nur schwer oder nicht mehr.

Verhält sich die Feuerwehr nach den Vorfällen der letzten Wochen anders?

Fritzen: Auf Fahrzeugbrände – auch in Tiefgaragen – sind wir eingestellt. Das gehört quasi zum „normalen Repertoire“, auch wenn es manchmal gefährlich ist. Aktuell gehen wir allerdings davon aus, dass nach einem Anruf, dass ein Pkw in Flammen steht, womöglich innerhalb kurzer Zeit weitere solcher Anrufe eingehen. Wir lassen dann sehr frühzeitig Einheiten der Freiwilligen Feuerwehr auf die Feuerwachen der Berufsfeuerwehr nachrücken, um für Folgeeinsätze gerüstet zu sein.

Was können die Bürger tun?

Fritzen: Feuerschutztüren in Tiefgaragen sollten auf jeden Fall immer verschlossen werden – das heißt: weg mit den Holzkeilen, mit denen man aus Bequemlichkeit die schweren Metalltüren aufstellt. Wer dem Rauch Tür und Tor öffnet, schneidet sich den Fluchtweg ab.

Zu einem anderen Thema. Der Neubau Ihrer Leitstelle liegt seit drei Monaten brach, da der Generalunternehmer Insolvenz angemeldet hat. Wie ist der letzte Stand?

Fritzen: Am Donnerstag ist der Auftrag für den Rohbau an einen neuen Unternehmer vergeben worden. Die Arbeiten werden Anfang Juni wieder aufgenommen. Die Verzögerung von drei Monaten werden wir jedoch nicht aufholen können.

Wann wird die neue Leitstelle nun eröffnet?

Fritzen: Voraussichtlich im August 2014, zunächst war Mai 2014 geplant.

Hat die Feuerwehr durch diese Verzögerung Nachteile zu verkraften?

Fritzen: Der Anschluss an den aktuellen Stand der Technik dauert halt drei Monate länger. Nachdem die Leitstelle seit 44 Jahren in den bisherigen Räumen arbeitet, kommt es auf drei Monate mehr oder weniger nicht an. In jedem Falle bleiben wir handlungsfähig.

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