Sa., 07.09.2013

Ein dunkles Kapitel der NS-Geschichte Die Juden im Ghetto von Riga

Eine Kladde aus dem Jahr 1993: Darin hat der Münsteraner Winfried Nachtwei Ereignisse festgehalten, die er bei der Erforschung des Rigaer Ghettos erlebt hat – unter anderem nahm er in diesem Jahr auch am ersten Welttreffen der lettischen Juden in Riga teil.

Eine Kladde aus dem Jahr 1993: Darin hat der Münsteraner Winfried Nachtwei Ereignisse festgehalten, die er bei der Erforschung des Rigaer Ghettos erlebt hat – unter anderem nahm er in diesem Jahr auch am ersten Welttreffen der lettischen Juden in Riga teil. Foto: da

Münster - 

Ein wenig ist es zu seinem Lebensthema geworden: die Beschäftigung mit dem über viele Jahre tot geschwiegenen Schicksal der im Zweiten Weltkrieg in das Ghetto von Riga deportierten Juden. Seit Anfang der 90er-Jahre befasst sich der ehemalige Gymnasiallehrer und frühere Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei aus Münster intensiv mit dem dunklen Kapitel der NS-Geschichte.

Von Dirk Anger

In diesem Jahr jährt sich zum 20. Mal der Tag eines von ihm mitinitiierten Aufrufs: „Verfolgt, vergessen, gedemütigt: Holocaust-Überlebende im Baltikum“ war die Forderung nach einem fairen Umgang mit den Opfern der Nazi-Schergen überschrieben.

Zugleich dokumentiert seit Kurzem ein Film des früheren Münsteraners Jürgen Hobrecht das von Deutschen angerichtete Massaker in Lettland: Zwischen November 1941 und Ende 1942 fuhren 25 Züge aus 14 Städten – darunter Münster , Bielefeld, Bochum, Dortmund, Gütersloh, Paderborn und Osnabrück – nach Riga . Allein 390 jüdische Mitbürger aus Münster und Umgebung rollten auf Betreiben der Nationalsozialisten am 13. Dezember 1941 in Dritte-Klasse-Waggons gen Osten ihrem Verhängnis entgegen. Der unlängst in Münster erstaufgeführte Film „Wir haben es doch erlebt“ erinnert auch an deren Unglück.

Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs von 1993, der zum 50. Jahrestag der Auflösung des Rigaer Ghettos veröffentlicht wurde, gehörten neben Nachtwei bekannte Persönlichkeiten. Dazu zählten der Zentralratsvorsitzende der Juden, Ignatz Bubis, der Journalist Hanns-Joachim Friedrichs sowie der Schriftsteller Siegfried Lenz. Kurz zuvor war damals bekannt geworden, dass 138 kriegsversehrte ehemalige Angehörige der lettischen Waffen-SS aus der Bundesrepublik eine Kriegsversehrtenrente erhielten – dagegen deren überlebende Opfer keinen Pfennig Unterstützung bekamen.

Doku über die Verschleppten ins Ghetto

Der Historiker Diethard Aschoff hat Riga als das „Auschwitz der westfälischen Juden“ bezeichnet. Tausende Juden aus Westfalen sind 1941/42 dorthin verschleppt worden und wurden ermordet. An deren Schicksal und die Orte der Grausamkeit erinnert der Filmemacher Jürgen Hobrecht in seiner 98-minütigen Dokumentation „Wir haben es doch erlebt – Das Ghetto von Riga“. Die Erstaufführung fand im Mai in Münster statt. Die DVD samt Bonusfilm über deutsche und lettische Jugendliche, die Opfer-Gräber pflegen, kann zum Preis von 14,90 Euro plus Versand beim LWL-Medienzentrum erworben werden – medienzentrum@lwl.org.

Auch Münsters damaliger Oberbürgermeister Dr. Jörg Twenhöven sowie die Rats-Fraktionen machten sich vor zwei Jahrzehnten für eine „würdige Entschädigung“ der Opfer stark. Noch heute zeigt sich Nachtwei von dem „parteiübergreifenden“ Engagement beeindruckt: „Das gehört zu meinen sehr positiven politischen Grunderfahrungen“, sagt der 67-Jährige, der sich in der Bundestagsfraktion der Grünen von 1994 bis 2009 um Friedens- und Sicherheitspolitik kümmerte.

Zusammen mit vielen Mitstreitern – auch aus Münster – hat er sich damals auf die Spur der mindestens 62 000 in Riga von Nazis und ihren Handlangern erschossenen und verscharrten Menschen begeben. Dem Bemühen ist die Tatsache geschuldet, dass über diesen Teil der Geschichte kein weiteres Gras wächst. Jetzt hofft er, dass der Film über das Rigaer Ghetto helfen wird, „die Brücke der Erinnerungen über Generationen“ zu schlagen. „Schließlich ist dieses Kapitel Geschichte nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.“

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