Sa., 16.11.2013

Interview mit Münsters Oberbürgermeister Wohnungsnot: Nachverdichtung reicht nicht

Oberbürgermeister Lewe hält es für unumgänglich, dass nicht nur in der City, sondern auch in den Außenstadtteilen neue Quartiere „für moderne Lebensformen“ entstehen.

Oberbürgermeister Lewe hält es für unumgänglich, dass nicht nur in der City, sondern auch in den Außenstadtteilen neue Quartiere „für moderne Lebensformen“ entstehen. Foto: Oliver Werner

Münster - 

Markus Lewe ist seit 2009 Oberbürgermeister der Stadt Münster. Seine Vision von Münster als der „wachsenden Stadt in Europa“ ist inzwischen Realität geworden. Doch das Wachstum führt zwangsläufig zu der Frage, wohin die Stadt wachsen wird. Sprich: Wo und wie sollen all die Wohnungen entstehen, die man einer wachsenden Bevölkerung anbieten muss? Darüber sprach Markus Lewe mit dem WN-Redakteur Klaus Baumeister.

In Münster mehren sich die Klagen über hohe Mieten und hohe Immobilienpreise. Ärgert Sie das?

Lewe : So verrückt es auch klingen mag: Hohe Mieten und hohe Immobilienpreise sind die Folgen einer erfolgreichen Politik. Münster ist eine sehr attraktive Stadt. Das führt dazu, dass die Nachfrage nach Wohnungen größer ist als das Angebot. Die zweifelsfrei bestehenden Probleme betrachte ich deshalb auch in erster Linie als eine Herausforderung. Wir müssen zwingend in den kommenden zehn bis 20 Jahren das Angebot vergrößern.

Bauboom in Münster

Zum Artikel.

Hat eine Stadt überhaupt einen Einfluss auf das Preisgefüge bei Immobilien?

Lewe: Ganz verhindern könnten wir Mietsteigerungen nicht, wohl aber lindern. Unser wichtigstes Instrumentarium besteht darin, kurz- und mittelfristig neue Flächen für eine Wohnbebauung zur Verfügung zu stellen, um den Markt zu beruhigen und Spekulationsblasen zu verhindern.

In Berlin diskutieren die Politiker über eine Mietpreisbremse. Was halten Sie davon?

Lewe: Für staatliche Eingriffe in ein Marktgeschehen muss es gute Gründe geben. Gut gemeint ist noch nicht gut gemacht. Problematisch wird ein solches Instrument dann, wenn es Investitionen hemmt. Es ist nicht leicht, hier die richtige Balance zu halten.

Jahrelang hieß in der münsterischen Wohnungsbaupolitik das Zauberwort „ Nachverdichtung “. Stößt diese Politik jetzt an ihre Grenzen?

Lewe: Die Nachverdichtung ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, bestehende Denkstrukturen zu überwinden. So finde ich zum Beispiel die Anregung des Bundes Deutscher Architekten ( BDA ), bestehende kleine Parkplätze zu überplanen, sehr interessant. Hier verschwinden die Parkplätze in einer Tiefgarage – und darüber entstehen neue Wohnungen. Auf diesem Gebiet ist noch sehr viel Kreativität gefordert. Aber mit einer Nachverdichtung allein werden wir die Nachfrage nicht befriedigen können.

Wo wäre denn noch Platz für neue Baugebiete?

Lewe: Wir brauchen nicht nur neue Baugebiete, wir brauchen einen neuen Stadtteil. In dieser Größenordnung liegt der Bedarf. Ich rede von 10 000 bis 11 000 Wohneinheiten. Im Dezember werden wir im Rat eine Beschlussvorlage beraten, in der es um über 6200 Wohnungen bis 2020 geht. Angestrebt ist in diesem Zusammenhang sicherlich auch die Vereinfachung von baurechtlichen Bestimmungen in Gebieten, in denen es keine Bebauungspläne gibt.

Gibt es Schwerpunkte in der Baulandausweisung?

Lewe: Das Programm wird sich auf viele Stadtteile verteilen. Ich rede unter anderem von Amelsbüren, Angelmodde, Hiltrup, Roxel, Sprakel, Wolbeck und Gievenbeck. Auch eine Reihe kleinerer, dezentraler Flächen wird in die Überlegungen einbezogen.

Aber werden neue Baugebiete in den Außenstadtteilen jene Interessenten befriedigen, die gern in der Innenstadt wohnen möchten?

Lewe: Die Ausweisung neuer Baugebiete in Außenstadtteilen sowie die Nachverdichtung in den Innenstadtbereichen sehe ich nicht als Alternative, sondern als Ergänzung. Darüber hinaus werden die neuen Wohngebiete die Urbanität der Stadtteile stärken. Hier können Stadtteile für moderne Lebensformen entstehen.

Münster ist eine der wenigen Kommunen in Deutschland, die ein spürbares Bevölkerungswachstum verzeichnen. Aber wird der gewünschte Zuzug von Menschen nicht schlicht versiegen, wenn sich immer mehr Menschen Münster gar nicht leisten können?

Lewe: Die Gefahr besteht. Bereits in den 70er und 80er Jahren konnten wir nicht alle Wohnungswünsche in Münster befriedigen. Gerade junge Familien sind damals in Münsters Nachbargemeinden gezogen.Das kann sich so nicht wiederholen. Das Thema neuer Wohnraum habe ich nicht nur zu meinen amtlichen Aufgaben als Oberbürgermeister gemacht, sondern auch zu meiner persönlichen Sache.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

karriere.ms Anzeigen

Ihr Jobportal für unbefristete und befristete Stellenangebote aus dem Münsterland

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2039771?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F1753750%2F2130914%2F