Sa., 08.03.2014

Vor 20 Jahren wurde der Prozess gegen Boleslavs Maikovkis eingestellt Verbrechen ohne Sühne

Winfried Nachtwei hat 20 Jahre nach Einstellung des NS-Kriegsverbrecher-Prozesses gegen Boleslavs Maikovskis die Unterlagen wieder hervorgeholt. Die Beteiligung am Mord an 170 Menschen wurde Maikovskis zur Last gelegt. Eine ausführliche Dokumentation hat Nachtwei auf seiner Internetseite veröffentlicht.

Winfried Nachtwei hat 20 Jahre nach Einstellung des NS-Kriegsverbrecher-Prozesses gegen Boleslavs Maikovskis die Unterlagen wieder hervorgeholt. Die Beteiligung am Mord an 170 Menschen wurde Maikovskis zur Last gelegt. Eine ausführliche Dokumentation hat Nachtwei auf seiner Internetseite veröffentlicht. Foto: Oliver Werner

Münster - 

Vor 20 Jahren ging vor dem Landgericht Münster ein langer NS-Kriegsverbrecher-Prozess ohne Urteil zu Ende. Nach über vier Jahren wurde die Verhandlungen gegen den Letten Boleslavs Maikovkis, angeklagt wegen Beteiligung an einem Massaker an 170 Menschen, eingestellt.  

Von Karin Völker

Unendlich lange Gerichtsverfahren gegen uralte Männer: So sind die letzten Prozesse gegen mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher, die wenigen Angeklagten sind meist so gebrechlich, dass das Verfahren nicht mehr beendet werden kann. Exakt dieses Szenario spielte sich auch schon vor über zwei Jahrzehnten vor der II. großen Strafkammer des münsterischen Landgerichts ab. Über vier Jahre wurde hier gegen den ehemaligen Kommandanten der lettischen Hilfspolizei der Nazis, Boleslavs Maikovkis, verhandelt. Er soll an der Ermordung von 170 Menschen in dem lettischen Dorf Audrini am 3. Januar 1942 beteiligt gewesen sein. Am kommenden Dienstag (11. März) ist es 20 Jahre her, dass der Prozess eingestellt wurde – 205 Tage war verhandelt worden. Dem damals mittlerweile 90 Jahre alten Angeklagten attestierten Mediziner Verhandlungsunfähigkeit.

Ein ernüchterndes Ende, für viele, die sich wünschten, dass endlich Recht gesprochen worden wäre. „Wir waren aber auch nach den vielen, zermürbenden Verhandlungstagen erleichtert“, erinnert sich Winfried Nachtwei . Der Münsteraner, ehemaliger langjähriger Bundestagsabgeordneter der Grünen, von Beruf Geschichtslehrer, war damals aktiv in der münsterischen Friedensbewegung , die Aufarbeitung der NS-Geschichte war und ist ihm bis heute eine besondere Herzensanliegen.

Nachtwei und seine Frau Angela Nachtwei-Hanak beobachteten den gesamten Prozess gegen Maikovkis, alle 205 Tage lang, schrieben 1500 Seiten Protokolle, sorgten auch dafür, dass Schulklassen ein Kapitel des Lehrstücks damaliger Aufarbeitung von Nazi-Verbrechen miterlebten.

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Die NS-Verbrechen in Lettland sind durch den Prozess gründlich beleuchtet worden.

Winfried Nachtwei

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So unfassbar erschreckend der Mord an 170 unschuldigen Männern, Frauen und Kindern in einem lettischen Waldstück war, so quälend lang und meistens langweilig dehnte sich der angesichts der Vorwürfe immense Prozess, in dessen Verlauf auch damals schon Zeitzeugen starben.

Auch wenn Richter Hanno Badewitz am Ende kein Urteil sprach – „die NS-Verbrechern in Lettland sind durch den Prozess gründlich beleuchtet worden“, sagt Nachtwei, der die Aufzeichnungen, Zeitungsartikel und andere Zeugnisse des Maikovkis-Prozesses anlässlich des Jahrestages noch einmal ausgepackt hat.

In der Verhandlung gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher, der in Münster , dem früheren Zentrum der Exil-Letten in der Bundesrepublik, wohnte, verflocht sich für Nachtwei die Täterperspektive bei der Aufarbeitung der Geschichte mit der der Opfer. Parallel zum Prozess stieß das Ehepaar Nachtwei bei Reisen nach Riga auf das Schicksal vieler münsterischer Juden, die ins dortige Ghetto deportiert worden waren und später hier ermordet wurden.

Boleslavs Maikovkis

Der 1904 geborene Lette Boleslavs Maikovkis tauchte nach dem Krieg zunächst in Deutschland unter, lebte bis 1951 in Hamburg, dann 36 Jahre lange unbehelligt in den USA in der Nähe New Yorks. 1965 war er in der damaligen Sowjetunion in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. 1987 sollte er aus den USA wegen eines Einreisevergehens abgeschoben werden. Maikovkis reiste mit einem Touristenvisum in die Bundesrepublik Deutschland und tauchte hier bei Freunden in Münster unter. Er lebte in Coerde am Iltisweg. Im Oktober 1988 wurde Maikovkis in Münster verhaftet.

Im Prozess wurden ehemalige KGB-Angehörige vernommen, ein früherer Obersturmführer der lettischen SS, ein ehemaliger deutscher SS-Mann, dem bereits in Dortmund der Prozess gemacht worden war. Zur Vernehmung von Zeugen des Massakers reiste das Gericht wiederholt nach Lettland, die Protokolle der Aussagen wurden später im Landgericht verlesen.

Der in Untersuchungshaft einsitzende Angeklagte Maikovkis wurde zunehmend schwächer. Mediziner attestierten ihm Anfang 1994 ein Herzleiden, das weitere Belastungen unzumutbar mache. Maikovkis lebte noch bis zu seinem Tod am 19. April 1996 in Münster.

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