Sa., 27.12.2014

Interview zum Kulturerbe-Siegel "Wer A sagt, muss auch B sagen"

Dr. Jens Dechow (l.) und Prof. Dr. Alfons Kenkmann setzen sich dafür ein, die Verleihung des Kulturerbe-Siegels mit einem Fest in die Öffentlichkeit zu tragen.

Dr. Jens Dechow (l.) und Prof. Dr. Alfons Kenkmann setzen sich dafür ein, die Verleihung des Kulturerbe-Siegels mit einem Fest in die Öffentlichkeit zu tragen. Foto: kb

Münster - 

Die Bewerbung der Stadt Münster um das Europäische Kulturerbe-Siegel ist zum Politikum geworden. Der Grund: Eine von SPD und Grünen angeführte Mehrheit im Rat lehnt es ab, dieses Siegel – falls es denn verliehen wird – mit einer entsprechenden Feier zu würdigen. Das dafür erforderliche Geld steht nicht im Haushalt bereit. Der SPD-Fraktionschef Dr. Michael Jung begründete die Ablehnung so: „Es gibt Wichtigeres als eine 80 000 Euro teure Party.“

Von Klaus Baumeister

Über diesen Vorgang sprach Redakteur Klaus Baumeister mit Prof. Dr. Alfons Kenkmann und Dr. Jens Dechow . Kenkmann, dessen Name eng mit der Gründung des Geschichtsortes Villa ten Hompel verbunden ist, arbeitet als Geschichts-Professor in Leipzig und leitet in Münster den Arbeitskreis Westfälischer Friede. Dr. Jens Dechow, Schulreferent im Evangelischen Kirchenkreis Münster, ist Sprecher der Arbeitsgruppe Frieden in Münster.

Herr Kenkmann, Herr Dechow, warum hat sich Münster um das Europäische Kulturerbe-Siegel beworben?

Kenkmann: Bei der Stadt Münster gibt es schon länger das Bemühen, eine Auszeichnung für den immateriellen Wert des Westfälischen Friedens zu erhalten, natürlich im Schulterschluss mit Osnabrück. Die Bewerbung um das Unesco-Weltkulturerbe ist aber gescheitert, weil die bauliche Substanz der Stätte des Westfälischen Friedens – sprich das Rathaus von Münster – nicht original ist. Bekanntlich wurde das Rathaus nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut. Eine neue Überlegung ergab sich mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel, das von der EU vergeben wird. Gewürdigt werden damit Stätten mit großer Bedeutung für die europäische Geschichte. Deutschland hat das Hambacher Schloss sowie die Rathäuser von Münster und Osnabrück eingereicht.

Dechow: Die besondere Qualität des Siegels besteht nicht darin, dass eine Plakette an einem Gebäude befestigt wird. Es geht ganz ausdrücklich auch darum, die Besonderheit dieses Ortes nach außen zu vermitteln und vor allem an junge Menschen heranzutragen.

Kenkmann: Das Kulturerbe-Siegel soll helfen, ein europäisches Geschichtsbewusstsein zu entwickeln.

Steht eigentlich schon fest, ob Münster das Kulturerbe-Siegel bekommt?

Kenkmann: Wir haben Signale erhalten, dass dem so ist. Durch den Ratsbeschluss, in Münster kein Geld für eine Feier zur Verleihung des Siegels zur Verfügung zu stellen, ist eine neue Situation entstanden. Ich hoffe natürlich, dass die EU jetzt nicht einen Rückzieher macht. Aber der Ratsbeschluss ist alles andere als hilfreich.

Dechow: Das Kulturerbe-Siegel ist untrennbar mit einer entsprechenden Bildungs- und Aufklärungsarbeit verbunden, die von der geehrten Kommune zu leisten ist. Mit dem vorliegenden Ratsbeschluss vermittelt die Stadt Münster den Eindruck, als wolle man den Preis gern haben, nicht aber die entsprechende Aufgabe übernehmen.

Kenkmann: Ich muss in diesem Zusammenhang auch mit einem Missverständnis aufräumen. Der SPD-Fraktionschef Dr. Michael Jung erweckt in seiner Haushaltsrede den Eindruck, als bedeute das Kulturerbe-Siegel eine Auszeichnung für die Stadtverwaltung. Das ist natürlich Humbug. Der Preis richtet sich an die Stadtgesellschaft.

Kommen wir auf den Ratsbeschluss zu sprechen. Er besagt, dass die 80 000 Euro, die für Begleitveranstaltungen rund um das Siegel eingeplant waren, nicht im Haushalt zur Verfügung stehen. Was bedeutet das konkret?

Kenkmann: Wenn die EU einen Preis vergibt, dann kann sie auch verlangen, dass er angemessen empfangen wird. Die bisherigen Überlegungen sahen keine Top-Acts vor, sondern gingen in die Richtung, die Botschaft des Westfälischen Friedens durch Schüler- und Kulturgruppen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Dechow: Das Kulturerbe-Siegel zum Westfälischen Frieden bietet die große Chance, der Arbeit an diesem Thema einen nachhaltigen Impuls zu geben. Wenn Münster aber bereits bei der Verleihung den Eindruck fehlender Wertschätzung vermittelt, ist das ein denkbar schlechter Start.

Hat der Westfälische Friede von 1648 den Menschen von heute noch etwas zu sagen?

Kenkmann: Natürlich. Der Westfälische Friede hat unter anderem gezeigt, wie man religiöse Konflikte auf dem Wege der Mediation und der Verhandlung lösen kann. Das ist sehr aktuell. Bezogen auf die Außenwirkung der Stadt Münster hat der Westfälische Friede auf jeden Fall das Zeug, neben den Skulpturen-Ausstellungen ein wichtiges Erkennungsmerkmal zu werden – natürlich auch neben den Tatort-Krimis.

Nun kann man SPD und Grünen nicht vorwerfen, dass sie etwas gegen den Frieden haben. Beruht also der Ratsbeschluss gegen das Begleitprogramm zum Kulturerbe-Siegel auf einem Missverständnis? 

Dechow: Ich würde nicht von einem Missverständnis sprechen, sondern von Unverständnis. Der Rat hat beschlossen, sich um das Kulturerbe-Siegel zu bewerben, weigert sich dann aber, zumindest was die Annahme des Siegels angeht, die Konsequenzen zu ziehen. Da stellt sich automatisch die Frage nach dem Sinn der Bewerbung. Wer A sagt, muss auch B sagen.  

Kenkmann: Ich kann den Vorgang nur als Ausdruck einer ausgeprägten Geschichtsblindheit deuten.  

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