Fr., 03.07.2015

Schreibenlernen im Knast Droht das Aus für „Raus“?

Schreibenlernen im Knast : Droht das Aus für „Raus“?

Tim Tjettmers leitet das Projekt „Raus“, bei dem es um die Alphabetisierung von JVA-Insassen geht. Foto: bn

Münster - 

Wer im Knast sitzt, kann oft schlecht schreiben und lesen. Das Projekt „Raus“ hat das bekämpft. Jetzt droht dem Alphabetisierungsprogramm das Aus wegen Geldmangels.

Von Günter Benning

Auf der Internetseite des Alphabetisierungsprogramms „Raus“ kann man sich den Text vorlesen lassen. Etwas holprig knarzt die Automatenstimme, aber wer nicht lesen kann, dem ist der Ton egal. Seit zwei Jahren versucht Projektleiter Tim Tjettmers bundesweit in Justizvollzugsanstalten Gefangenen das Lesen und Schreiben beizubringen. Jetzt droht das Ende: „Im September läuft die Finanzierung aus.“

Welche besonderen Probleme gibt es im Knast?

Tjettmers: Seit 2008 mache ich den Leseworkshop in der JVA Münster . Daraus hat sich das bundesweite Projekt entwickelt. In der JVA treffen wir schon auf eine größere Gruppe funktionaler Analphabeten – allein wegen der Sozialisationsfaktoren. Viele, die kriminell werden, kommen aus schwierigen Familien.

Welche Rolle spielen Migranten dabei? Die werden sicherlich größere Schwierigkeiten haben, auch noch korrekt Deutsch zu schreiben.

Tjettmers: Für sie haben wir leider noch kein Angebot in der JVA Münster. Wir haben nur den Alphabetisierungskurs. Ein DaZ/DaF-Kurs (Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache) wäre sicherlich angebracht. Am allerbesten wäre es, wenn wir jemanden finden würden, der das ehrenamtlich macht. Das wäre klasse, da würde sich sicherlich die JVA freuen.

Es ist ja sicher nicht so einfach, in die JVA reinzukommen und klarzukommen?

Tjettmers: Och, das ist sehr nett. Die Beamten sind sehr freundlich, mittlerweile kennt man uns – nach sieben Jahren. Man geht durch vier, fünf Schleusen, bis man im Kurs ankommt. Und die Gefangenen sind auch sehr nett. Das glaubt man kaum, man hat ja immer so Tatort-Szenen oder amerikanische Filme im Kopf. Aber in unserem Kurs, da haben wir eine gute Kurskultur, bei der alle zusammen arbeiten. Und die Ausreißer, die es sicher gibt, die kann man auch einfangen.

Sie haben jahrelange Erfahrungen, bringt den Gefangenen der Kurs etwas?

Tjettmers: Von allen kann ich nicht sprechen, weil viele Kontakte natürlich abbrechen. Zwei Münsteraner kenne ich, der eine ist Busfahrer geworden, der andere hat geheiratet, ein Kind bekommen und ist nicht wieder kriminell geworden. Ich habe das Gefühl: Das sind ganz sympathische Kerle. Da haben wir mit dem Kurs einen kleinen Beitrag dazu geleistet.

Raus

Die Projektidee für „Raus“ entstand aus Tim Tjettmers ehrenamtlicher Tätigkeit an der JVA. Seit Oktober 2008 leitet er den „Lese-Workshop“, den er mit der JVA, dem Bundesverband Alphabetisierung und der Stiftung Bürger für Münster etablierte. Seit 2008 wurden etwa 140 Gefangene im Lese-Workshop beschult. Das Projekt „Resozialisierung durch Alphabetisierung und Übergangsmanagement für Straffällige“ (Raus) – läuft bis September 2015.

Ihre bundesweite Projekt wird von Jahr zu Jahr gefördert. Droht das Aus für „Raus“?

Tjettmer: s: Ja, das Projekt wird voraussichtlich im September enden. Dann endet die Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Wir werden den Kurs in Münster weiterführen – der ist ehrenamtlich. Das bundesweite Projekt, das sich für Alphabetisierung im Gefängnis einsetzt, wird nach derzeitigem Stand nicht fortgeführt. Wir hoffen aber, dass wir Geldgeber finden, die uns weiter unterstützen können.

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