Sa., 19.12.2015

Sie hat es erlebt: Vor 100 Jahren. Die Nacht, als Münster erbebte

Gerda von der Ahe ist zwar „erst“ 103 Jahre alt, kann sich aber noch gut an die Nacht erinnern, als es in der Munitionsanstalt auf der Mauritzheide brannte.

Gerda von der Ahe ist zwar „erst“ 103 Jahre alt, kann sich aber noch gut an die Nacht erinnern, als es in der Munitionsanstalt auf der Mauritzheide brannte. Foto: Matthias Ahlke

Münster - 

Sie ist 103 Jahre alt. Und sie kann sich noch an den Tag erinnern, als der Pulverschuppen in Münster in die Luft flog. Eine gigantische Explosion. Gerda von der Ahe erzählt.

Von Markus Kampmann

Gerda von der Ahes Kopf ist ein richtiges Schatzkästchen, gefüllt mit vielen Erinnerungen aus und an Münster. Und von denen weiß sie lebhaft zu erzählen: wie die Studenten früher beim Couleurbummel sonntags durch die Gassen streiften („Wie schön das war, das vermisse ich“), von der Beschaulichkeit selbst in der Innenstadt, auf der Ludgeri- und der Salzstraße („Was waren das für ruhige Straßen früher!“) oder auch von Ausflügen zu Fuß in die Coerheide („Coerde existierte noch gar nicht“). Sie erinnert sich sogar an ein Ereignis, das sich vor 100 Jahren ereignete: den Brand in der Munitionsanstalt Mauritzheide.

Vieles weiß sie nicht mehr aus der Zeit, als sie dreieinhalb Jahre alt war. Doch die Stunden des Unglücks haben sich eingebrannt in ihr Gedächtnis. Kein Wunder, denn es hat ganz Münster wortwörtlich erschüttert, nur drei Tage vor dem Heiligen Abend. In Nähe des Kanals an der Warendorfer Straße – am östlichen Rand von Münster – war die sogenannte Munitionsanstalt angesiedelt. Bis zu 1000 Arbeiter haben dort nicht nur Munitionsteile und daraus Artilleriemunition hergestellt, sondern auch Pulver in Beutel gefüllt und diese vernäht.

In einem solchen Pulverschuppen brach an jenem 21. Dezember 1915 ein Feuer aus – um „etwa 15 Minuten nach 6 Uhr abends“, wie der münsterische Kriegschronist Eduard Schulte notierte. Und weiter: „Nach einem voraufgegangenen dumpfen Knall brannte alsbald der Nähsaal lichterloh.“ Als die städtische Feuerwehr gegen 18.40 Uhr eintraf, befürchtete sie die Explosion nahe gelegener Munitionslager – und ordnete die Evakuierung des Geländes an. Und tatsächlich: „3 Minuten vor 7 Uhr flog ein großes Munitionslager unter gewaltigem Krach mit ungeheurer Wucht in die Luft“, berichtete der Chronist. Gewaltige Explosionen folgten nach seinen Schilderungen bis gegen 4 Uhr morgens, wenn ganze Baracken in die Luft flogen. „Alle Häuser in der Stadt erbebten.“ Nach Angaben der Stadt detonierten fast 50 Tonnen Sprengstoff und Granaten.

Das spürten schon viel früher auch Gerda von der Ahe und ihre Mutter, die damals an der Bremer Straße lebten. „Ich war schon im Bett“, erinnert sich die inzwischen 103-Jährige, „ich war ja erst dreieinhalb Jahre alt.“ Doch mit der Ruhe war es vorbei, als die ersten Explosionen ertönten. „Plötzlich gab es ein Knallen und Blitzen“, berichtet die Münsteranerin. „Wir wussten ja gar nicht, was da los war.“ Doch es war Krieg, und so lag eine Vermutung nahe: „Wir dachten an feindliche Flieger.“

Da ihre Wohnung nahe am Bahnhof getroffen werden könnte, entschied ihre Mutter, zu den Eltern zu fliehen. „Meine Großeltern wohnten an der Weseler Straße“, sagt Gerda von der Ahe: Damals eine ruhige Lage „im Grünen“. Zu Fuß seien sie aufgebrochen – noch immer weiß sie, dass ihr der Weg sehr lang vorkam und sehr dunkel. „Die Laternen waren oben alle dunkelblau angestrichen“, erklärt sie – feindlicher Flieger wegen.

An das, was nach der explosiven Nacht passierte, hat Gerda von der Ahe keine Erinnerungen: weder an die Aufräumarbeiten – sogar in der Innenstadt waren zahlreiche Fenster geborsten, da der „gewaltige Luftdruck“ meilenweit im Umkreise zu spüren war, wie der Chronist festhielt – noch an Heiligabend, als die Gefahr endlich soweit abgeklungen war, dass das restliche Schwarzpulver in den Kanal geschüttet werden konnte – und zwar tonnenweise. Die Aufräumarbeiten in der völlig zerstörten Munitionsanstalt dauerten Jahre. Noch heute aber erinnert ein Straßenname an sie: „Am Pulverschuppen“.

Zum Thema

„Überall wo wir herkamen, waren Fenster und Dächer kaputt“ – so schildert ein junges Mädchen in einem Brief die Folgen der Pulverexplosion in der Munitionsfabrik. Das Stadtmuseum Münster zeigt ab sofort bis zum 10. Januar in seiner Schausammlung diesen Brief aus Kinderhand im Ersten Weltkrieg. Der Eintritt ist frei.

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