Mi., 10.02.2016

Unglaubliche Reise von Vietnam endete in Münster In Münster gestrandet

Der Familienbetrieb „Thien Kim“ feiert sein 25-jähriges Bestehen in Münster (v.l.): Vater Thuan Nguyen, Mutter Vu Nguyen, Mitarbeiterin Kim Kri Heng, Anh Nguyen Büscher und Koch Tran Hao.

Der Familienbetrieb „Thien Kim“ feiert sein 25-jähriges Bestehen in Münster (v.l.): Vater Thuan Nguyen, Mutter Vu Nguyen, Mitarbeiterin Kim Kri Heng, Anh Nguyen Büscher und Koch Tran Hao. Foto: gh

Münster - 

Familie Nguyen strandete als Boatpeople in Münster und gründete den Familienbetrieb „Thien Kim“. Die Asia-Bar in der Königspassage feiert ihr 25-jähriges Bestehen.

Von Gabriele Hillmoth

Der erste Versuch der Eltern Vu und Thuan Nguyen mit ihren damals fünf Kindern, aus dem kommunistisch regierten Vietnam zu fliehen, scheiterte. Die Familie landete 1979 im Gefängnis. 1988 fragte die Mutter ihre Töchter und Söhne: „Wer will fahren?“ Anh Nguyen meldete sich. Die Drittälteste von sieben Kindern lächelt heute über diese schicksalhafte Reise, über ihre Rettung – und über das Glück, so sagt sie, als „Boat People“ in Münster zu stranden.

Die Eltern kamen drei Jahre später nach. Der Vater, der in Vietnam bei einem Viehzüchter angestellt war, machte eine Ausbildung in einem asiatischen Restaurant in Frankfurt.

Gemeinsam betreiben die Nguyens nun seit 25 Jahren ihren Asia-Imbiss in Münster – erst im Kino Stadt New York, später in der Königspassage. „Thien Kim“ – himmlisches Glück – tauften sie ihren Familienbetrieb.

Anh Büscher, geborene Nguyen, kletterte mit elf Jahren in Vietnam zusammen mit ihrer 16-jährigen Cousine auf ein zwei Meter breites und zehn Meter langes Fischerboot. „Als Kind hatte ich keine Angst.“ Sie hockten mit vielen Frauen und Kindern dicht gedrängt unter Deck. Alle warteten ab, was passiert. Zwei Wochen dauerte die Reise bei stürmischer See. Viele seien seekrank geworden. 80 Schiffe fuhren vorbei. Das 81., ein Handelsschiff aus Deutschland, nahm die „Boat People“ auf. Es gab schon lange nichts mehr zu essen an Bord, der Motor sei ausgefallen, Wasser drang ins Schiff ein.

Zwei Monate verbrachte Anh Nguyen in einem Flüchtlingslager in Singapur. Der Kapitän des Handelsschiffes habe sie damals noch dort besucht. Anh und ihre Cousine hatten Glück, dass bereits ein Onkel in Münster lebte, der die beiden Mädchen aufnehmen wollte. Die Familienzusammenführung klappte.

Viel schwerer als heute sei es aber gewesen, so die Vietnamesin, den Schulbesuch in Deutschland durchzuboxen. Anh Nguyen war ein Exot in ihrer Klasse in der Wartburgschule, wechselte fürs Fachabitur zur Adolph-Kolping-Schule und studierte Visuelle Kommunikation an der Fachhochschule in Münster.

Die Designerin fand einen Job im münsterischen Coppenrath-Verlag, doch die Frage stellte sich, was wird aus dem Familienimbiss der Eltern. Die Grafik-Designerin entschied sich für den Betrieb, in dem Bruder Hoang gemeinsam mit der Mutter kocht. Der Vater kauft ein, Anh Nguyen kümmert sich um das Büro.

Eine unglaubliche Geschichte: Anh Nguyen schätzt heute ihre zweite Heimat Deutschland als demokratisches Land, „in dem wir unsere Meinung äußern können“. Die Familie ist integriert. Die Eltern leben schon lange in Gelmer, Anh Nguyen mit ihrem Mann mitten in der Stadt.

Vor 15 Jahren, erinnert sie sich, habe sie eine schwere Identitätskrise gehabt. Damals fühlte sie sich zwischen den Welten. „Du sprichst deutsch, aber Du bist nicht Deutsch.“ Die junge Vietnamesin reiste zu ihren Geschwistern nach Kanada und nach Australien, um zu sehen, „wie die mit ihrem Leben klarkommen“.

Die Vietnamesin hat heute ihr Gleichgewicht gefunden. Sie bezeichnet sich als Weltbürgerin. Die Krise ist überwunden, Anh Büscher fühlt sich halb Deutsch, halb als Vietnamesin. Sie freut sich, dass sich der Asia-Imbiss der Familie etabliert hat.

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