Franz Kluxen besaß etliche Picassos
Münsteraner war einer der größten Kunstsammler der Moderne

Münster -

Ein Münsteraner war einer der bedeutendsten Kunstsammler der Moderne. Franz Kluxen besaß Hunderte Gemälde, darunter von Picasso, Kandinsky und Chagall. Doch kaum etwas ist über ihn bekannt. Eine Spurensuche.

Freitag, 04.03.2016, 16:03 Uhr

Franz Kluxen ist Anfang 20, als er seinen ersten Picasso kauft. Mit Mitte 20 besitzt er bereits mehr als ein Dutzend Picasso-Gemälde – und, so wird vermutet, bis zu 500 weitere Avant­garde-Kunstwerke. Kandinsky, Marc, Macke, Kirchner, Kokoschka, Munch, Chagall: Kluxen, Sohn wohlhabender Kaufleute vom Prinzipalmarkt in Münster, kauft ab 1910 wie im Rausch – nicht irgendwas, sondern immer nur das Beste.

Franz Kluxen – ein Kunstsammler aus Münster

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  • Franz Kluxen als junger Mann.

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  • An dieser Stelle war früher das Kaufhaus Kluxen.

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  • Eine Vorkriegsaufnahme des Kaufhauses (r.).

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  • Der Katalog der Kluxen-Ausstellung in der Berliner Galerie „Der Sturm“.

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  • Kluxens Mutter unterstützte ihren Sohn großzügig.

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  • Franz Kluxen zu jener Zeit, als er Kunst sammelte.

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  • Kluxen nach dem Krieg im Café Schucan.

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Heute hängen die Bilder im New Yorker Guggenheim Museum und in der National Gallery of Washington, im Kunstmuseum von St. Louis und im Essener Folkwang-Museum – sowie an vielen anderen Orten in der Welt. Doch der Mann, dem sie vor 100 Jahren gehörten, ist in Vergessenheit geraten. Sein Name ist in kaum einem Buch zu finden, und wenn, dann nur als Fußnote. Franz Werner Kluxen ist ein Phantom der Kunstgeschichte. Im Rahmen unserer Recherchen hörten selbst Experten seinen Namen zum ersten Mal. So erfuhr das Landesmuseum am Domplatz erst von unserer Zeitung, dass das Gemälde „Zwei weibliche Akte“ von Edvard Munch, das sich seit 1949 in seiner Sammlung befindet, einst Kluxen gehörte.

Großteil verkauft

Würde man seine Sammlung heute versteigern – sie würde mehrere Milliarden Euro einspielen. Doch Kluxens Sammlung kann nicht ausgestellt, sie kann nicht versteigert werden. Denn es gibt sie nicht mehr. Im Laufe weniger Jahre verkaufte er einen Großteil seiner Bilder, andere wurden ihm von den Nazis genommen, weil sie als „entartet“ galten. Als er 1968 starb, besaß er kein einziges Kunstwerk mehr.

Warum verkaufte Kluxen viele Bilder so überstürzt, wie er sie einst erworben hatte? Wo sind sie heute? Warum setzte der nach wie vor wohlhabende Kluxen nach 1945 seine Sammel­tätigkeit nicht fort? Ja, und warum wussten nicht einmal seine Kinder und Enkel davon, dass er einst mit den bedeutendsten Künstlern der Moderne verkehrte?

Charismatischer Blick

Jugendfotos von Kluxen, der am 17. März 1888 in Münster geboren wird, zeigen einen selbstbewussten Mann mit charismatischem Blick. In Münster fliegt er nach Streichen von der Schule, sein Abitur macht er in Attendorn. Dort begegnet er Carl Schmitt, der später zu einem der umstrittensten Juristen des 20. Jahrhunderts werden soll. Bis zum Lebensende verlieren sich die beiden nicht aus den Augen.

Großbürgertum

Kluxens Eltern haben ein Kaufhaus am Prinzipalmarkt – dort, wo heute Appelrath-Cüpper ist. Franz wächst in großbürgerlichen Verhältnissen auf, ist früh künstlerisch interessiert. Mit 19 schreibt er ein Buch über Richard Wagner. Wann genau sein Interesse für moderne Kunst geweckt wird, ist unbekannt. Fest steht: Er ist gerade mal 22 oder 23 Jahre alt, als er die ersten Bilder kauft – bei heute legendären Händlern wie Alfred Flechtheim (der ebenfalls aus Münster stammt), Wilhelm Uhde oder Daniel Kahnweiler, aber auch direkt bei den Künstlern. 1912 schreibt Kluxen an Wassily Kandinsky: „Ich wünsche einige gut ausgewählte moderne Bilder zu besitzen – und zwar moderne: 1. weil alte Bilder vom Staat gekauft werden mögen, 2. weil ich kein Geld habe, 3. weil die modernen Bilder größere Gewalt über mich haben.“ Indes: Kluxen hat durchaus Geld, seine Mutter unterstützt ihn großzügig.

Erster Picassokäufer

„Kluxen war der erste Deutsche, der einen Picasso gekauft hat, wirklich der erste“, schreibt Carl Schmitt in seinen Memoiren über den Jugendfreund, „der immer viel Geld hatte“. Wann genau Kluxen den ersten Picasso erwarb, lässt sich nicht rekonstruieren – es muss 1910 oder 1911 gewesen sein, Picassos Bilder waren zu diesem Zeitpunkt noch bezahlbar. „Ich kann bestätigen, dass Sie mit ihren Käufen, die ich kenne – was vor allem Cézanne, Picasso und Munch anbelangt –, Mordsdusel entwickelt haben, dass sie dieselben just vor der großen Aufwärtsbewegung erworben haben. Ihr Cézanne ist heute ein Vermögen wert, ihr Picasso das doppelte“, schreibt ihm 1912 Alfred Flechtheim.

Zu diesem Zeitpunkt besitzt Kluxen bereits eine umfangreiche Avantgarde-Sammlung. Mit mindestens 13 Werken von Picasso verfügt er über eine der besten Sammlungen des Spaniers in der Vorkriegszeit, so Picasso-Biograf John Richardson.

Unter den jungen Künstlern spricht sich die Sammelleidenschaft des Münsteraners schnell herum. „Der hat ja die Kaufkrankheit“, schreibt Franz Marc an August Macke. „Einsamer, wohlhabender Jüngling, der sich in Wyk auf Föhr eine Villa gebaut hat und nun Bilder sucht für die Einsamkeit“, schreibt Macke zurück.

Kaufrausch

1912 findet in Köln die Sonderbundausstellung statt, hier feiert die Moderne ihren Durchbruch. Kluxen gerät in einen regelrechten Kaufrausch. Für Werke von Macke, Jawlensky, Picasso, Kokoschka, Cézanne und weiteren Künstlern gibt er mehr als 15 000 Mark aus. Allein 4000 Mark zahlt er für „Zwei weibliche Akte“ von Munch, die heute im Landesmuseum am Domplatz hängen. „Ich würde wünschen, sie ermöglichten dem jungen Sammler den Ankauf eines Ihrer Werke“, schreibt der Kunsthändler, der den Kauf vermittelt, an Munch.

Der Geschäftsführer der Ausstellung, Walter Klug, bescheinigt Kluxen, „dass Sie doch riesig geschickt, verblüffend fein gewählt und gekauft haben, es steht wohl fest, dass Sie die interessanteste, beste moderne Sammlung besitzen“. Mit Picasso sollte Kluxen allerdings nun aufhören, „die Hausse ist zu doll, Sie haben noch grade den letzten Moment erwischt“.

Kluxen scheint den Ratschlag zu beherzigen und kauft nun andere Künstler. 1914 zum Beispiel Chagalls Gemälde „Geburt“ (heute im Art Institute of Chicago).

Carl Schmitt

Dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Carl Schmitt erreicht ein Einschreiben per Eilbote – „von Kluxen, der wissen will, wie man sich drückt“. Irgendwie gelingt es ihm tatsächlich, der Ein­berufung zu entgehen. Statt an der Front zu kämpfen, studiert er an der Universität München, wo er zum ersten Mal heiratet, Rosel, eine Jüdin.

Ein enger Wegbegleiter in jener Zeit ist Herwarth Walden, einer der bedeutendsten Galeristen des 20. Jahrhunderts. Ihm gehört die Berliner Galerie „Der Sturm“, eine Speerspitze der modernen Kunst. 1917 wird hier die „Sammlung Kluxen“ gezeigt. Der Katalog listet 60 Werke auf, darunter „Paris durch das Fenster“ von Chagall (heute Guggenheim Museum, New York), 14 Bilder von Picasso (darunter „Frau mit Violine“, heute Pinakothek der Moderne, München), Pechstein, Macke, Marc. Viele Bilder hat er zuvor in der Galerie, in der sie nun zu sehen sind, selbst gekauft.

Modernste Sammlung

„Eine der besten modernen Sammlungen Deutschlands“, jubelt der Kunstkritiker Theodor Däubler im „Berliner Börsen-Courier“. Doch der Aufbau der Sammlung verschlingt Unsummen. 1917 schreibt die Dichterin Sophie von Leer an den Galeristen Georg Muche: „Ich weiß tatsächlich nicht, was mit der Sammlung wird, wenn Kluxen pekuniär weiter so wirtschaftet.“

„Sämtliche Bilder sind unverkäuflich“, heißt es im Ausstellungskatalog. Doch schon bald beginnt der Ausverkauf der Sammlung Kluxen, bis 1920 wechseln unter anderem sämtliche Picassos den Besitzer. Über die Gründe ist nichts bekannt. Carl Schmitt spricht von Streitereien, die Kluxen mit dem Vater austrägt – hat er genug davon, dass sein Sohn so viel Geld für Kunst ausgibt? Die Folgen des Krieges dürften auch dem elterlichen Kaufhaus zugesetzt haben. Soll durch den Kunst-Verkauf Geld reinkommen?

Die Zeit scheint zu drängen. „Zu meinem Bedauern konnte ich bis jetzt noch keinen beschleunigten Verkauf der Sammlung erzielen“, schreibt Georg Muche am 25. November 1918 an Kluxen. Muche schlägt vor, dass sein Vater drei Bilder für 8000 bis 10 000 Mark erwerben könnte. Ein Interessent, der zuvor bis zu 250 000 Mark für die Sammlung bieten wollte, war offenbar wieder abgesprungen.

Verkaufswelle 1927

Am 8. Oktober 1919 schreibt Georg Alexander Mathey, ein erfolgreicher Grafiker, an Muche: „Der größte Teil der Sammlung Kluxen ist jetzt käuflich in mein Eigentum übergegangen (mit Ausnahme der Chagalls).“ 1927 folgt eine weitere Verkaufswelle, wie ein Brief Muches an Kluxen belegt: „Um den Verkauf Ihrer Bilder kann ich mich jetzt leicht bemühen. (...) Geben Sie mir doch bitte Bescheid, welche Ihrer Bilder Sie verkaufen wollen.“

Danach wird es zunehmend schwieriger, die Biografie Kluxens nachzuzeichnen. Nachdem er während des Ersten Weltkrieges in esoterischen Kreisen verkehrt hat, spielt er um 1918 mit dem Gedanken, auf einem Bauernhof eine Kommune zu gründen. 1919 wird das Kaufhaus Kluxen von einem Mob geplündert, 1922 steigt Kluxen ins väterliche Geschäft ein. 1931 heiratet er zum zweiten Mal, zieht vorübergehend nach Potsdam, das Paar bekommt zwei Kinder. „Mittags nach Potsdam zu Kluxen, zeigte sein schönes Haus, Parkstraße 3, fuhr uns auf seinem Motorboot auf dem Wannsee“, schreibt Carl Schmitt im Juni 1932.

Gegen Rassenhass

In diesem Haus gründet Kluxen 1932 eine Freimaurer­loge, die sich unter anderem ausdrücklich gegen Rassenhass wendet. Bis 1935 wird sie von den Nazis verboten. Kluxen wird offenbar mehrmals von der Gestapo verhaftet und verhört. Kunstwerke aus seinem Besitz werden als „entartete Kunst“ beschlagnahmt, darunter Bilder von Chagall und Jawlensky, die zum Teil bis heute verschollen sind. 1935 und 1936 werden Werke von Kluxen in Berlin versteigert – von einem Auktionshaus, das eng mit den NS-Machthabern zusammenarbeitet. In den Folgejahren zieht Kluxen innerhalb Deutschlands immer wieder um. Auch im Zweiten Weltkrieg wird er offenbar nicht eingezogen.

„Die Nazis haben mir meine Sammlung weggenommen“: Dies hat Kluxen nach Angaben seiner Enkelin nach dem Krieg gesagt. Nach 1945 geht er immer wieder in Ausstellungen, kauft Kunstkataloge – sucht er nach seinen verschollenen Bildern? Die Familie findet sein Faible für Kunst hingegen „sonderlich“.

Kluxen-Geschäftsführer

In der Nachkriegszeit ist Kluxen oft im Café Schucan am Prinzipalmarkt anzutreffen, wenige Meter vom 1954/55 wiederaufgebauten Kaufhaus Kluxen entfernt, das er als Geschäftsführer leitet. Dass er vor 1920 einer der bedeutendsten Kunstsammler Europas war, scheint niemand mehr zu wissen. Kluxen, der kunst­besessene Freigeist, lebt mit seiner dritten Frau eine bürgerliche Existenz. 1968 stirbt er, kein einziges Kunstwerk ist in seinem Testament aufgelistet.

Die Sammlung, die ihm einst gehörte, ist heute in alle Winde zerstreut, der Verbleib etlicher Bilder unbekannt. Nur rund zwei Dutzend Werke lassen sich eindeutig als früherer Kluxen-Besitz identifizieren, sie hängen heute in den größten Museen der Welt – nicht im Magazin, sondern an prominenter Stelle: Marcs „Gelbe Kuh“, Kandinskys „Improvisation Nr. 10“ und Chagalls „Paris durch das Fenster“ im New Yorker Guggenheim, Picassos „Frau mit Mandoline“ in der Hermitage (St. Petersburg), sein „Stillleben mit Kaktus“ im MoMA (New York). Die Bilder, die ein junger Münsteraner vor 100 Jahren kaufte, zählen heute zu den schönsten Kunst­werken der Moderne.

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