Di., 13.12.2016

Kontrollierte Haschisch-Freigabe Wenig Streit um Cannabis

Die Hanfpflanze sorgt immer wieder für Diskussionen.

Die Hanfpflanze sorgt immer wieder für Diskussionen. Foto: dpa

Münster - 

Eine Freigabe von Cannabis ist hoch umstritten. Bei der Fachtagung in Münsters Rathaus war davon nicht allzu viel zu spüren.

Von Dirk Anger

„Es ist ein Mythos, dass das Betäubungsmittelgesetz die Volksgesundheit schützt.“ Der Bremer Strafrechtler Prof. Lorenz Böllinger gehört zu den entschiedensten Kritikern der deutschen Drogenpolitik. Diese sei verfassungswidrig, denn ein Cannabis-Konsument schädige allenfalls sich selbst. „Das Strafrecht ist nicht erforderlich.“ Es sei unproportional, Millionen von Bürgern zu kriminalisieren.

Mit seiner Forderung nach einer Gesetzesänderung setzt Böllinger am Dienstag im Rathausfestsaal das erste Ausrufezeichen. Bei einer von der Stadt organisierten Fachtagung beschäftigen sich fast 200 Teilnehmer mit der Frage, ob eine verantwortungsvolle Abgabe von Cannabis an Erwachsene auf kommunaler Ebene möglich und sinnvoll ist.

„Die gesellschaftliche Wahrnehmung bei diesem Thema hat sich gewandelt“, so Thomas Kollmann (SPD), Vorsitzender des Sozialausschusses des münsterischen Rates. Was den Cannabis-Konsum angeht, helfe heutzutage Verklärung ebenso wenig wie restriktives Vorgehen.

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Haschisch ist keine harmlose Droge. Differenzierte Prävention ist erforderlich.

Dr. Hans-Jürgen Hallmann, Landesstelle Suchtvorbeugung NRW

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In Vorbereitung eines angedachten wissenschaftlichen Modellprojekts für Münster hatte eine Ratsmehrheit 2015 die Durchführung einer solchen Fachkonferenz beschlossen. Zweifel an einer kontrollierten Haschisch-Freigabe werden an diesem Nachmittag kaum geäußert. Einzig Polizeipräsident Hajo Kuhlisch gibt sich bei diesem Thema äußerst zurückhaltend und warnt vor einer „eigenständigen Münsteraner Lösung“.

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Wer kiffen will, der kifft. Bei Freigabe hätten wir eine Kontrolle der Substanzen.

Prof. Volker Arolt, Uni-Klinik

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Aus Sicht des Strafrechtlers Böllinger wäre eine legale Cannabis-Abgabe problemlos zu organisieren. Diese erfordert nach Einschätzung des Geschäftsführers der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) jedoch klare Regeln. „Wir haben extrem viele Erkenntnisse“, sagt Dr. Raphael Gaßmann unter Verweis auf die gesammelten Erfahrungen etwa beim Verkauf von Alkohol und Zigaretten.

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Welche Folgen eine Legalisierung von Cannabis haben kann, diskutierten Experten am Dienstagnachmittag im Rathausfestsaal, Foto: Dirk Anger

Seine drei Hauptforderungen: Keine Werbung für kritische Produkte, hohe Preise und keine Verfügbarkeit rund um die Uhr.

Sollte der Jugendschutz bei der Abgabe von Zigaretten, Alkohol und auch Cannabis effektiv umgesetzt werden, „dann hätten wir große Verbesserungen erreicht“, sagt Gaßmann. Weitgehend einig sind sich die Referenten in der Einschätzung, dass eine Legalisierung dem Schwarzmarkt das Wasser abgraben und eine Kontrolle des Stoffs auf seine Reinheit mehr Schutz bieten würde.

Stadt arbeitet an Antrag für Modellprojekt

Die Stadtverwaltung arbeitet bereits an einem Antrag für ein wissenschaftliches Modellprojekt zur Abgabe von Cannabis in Münster. Das erklärte Sozialdezernentin Cornelia Wilkens zum Auftakt der Fachtagung am Dienstag im Rathaus. Allerdings dämpfte die Dezernentin im gleichen Atemzug allzu hohe Erwartungen: Denn die Aussichten für eine Genehmigung des Antrags sind „nicht sehr gut“. Für  Kommunen sei der Spielraum extrem gering, der Nachweis des wissenschaftlichen Nutzens sehr schwierig, erklärte Wilkens. Man werde aber versuchen, aus andernorts gescheiterten Anträgen zu lernen. „Schon der Weg ist Teil des Ziels.“

Bei sieben bis neun Prozent der Haschisch-Konsumenten kommt es nach den Worten des Pharmazeuten Prof. Martin Smollich (Rheine) zu einer langfristigen Abhängigkeit. Dr. Jutta Settelmayer von der LWL-Suchtklinik weist auf höhere Gefahren durch Alkohol- als durch den Cannabis-Konsum hin. Letzterer sei in jugendlichem Alter wegen der Verletzlichkeit des Gehirns besonders gefährlich, erklärt Smollich.

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