Mi., 11.01.2017

Psychoseforum Schmerz, lass nach

Chronische Schmerzen werden oft mit dem Attribut „psychisch“ versehen.

Chronische Schmerzen werden oft mit dem Attribut „psychisch“ versehen. Foto: dpa

Münster - 

Drei Monate – so lange braucht das Gehirn, bis es einen Schmerz gelernt hat. Das heißt, nach drei Monaten kann ein Mensch chronische Schmerzen haben, ohne dass die Ärzte Verletzungen oder Funktionsstörungen ausmachen können. Ein ernsthaftes Problem für viele Menschen: Den neuesten Zahlen zufolge leiden 22 Millionen Menschen in Deutschland dauerhaft unter Schmerzen, wovon sechs Millionen eine dauerhafte Beeinträchtigung spüren.

Von Benjamin Scholz

Diese Zahlen legte die Schmerztherapeutin Kornelia Gees bei ihrem Vortrag „ Schmerz lass nach!“ aus der Vortragsreihe des Psychotherapeuten-Netzwerks Münster (PNT) im Gesundheitshaus zugrunde.

Aufklärung in Form solcher Vorträge helfe den Betroffenen häufig. Die beschriebenen chronischen Schmerzen würden häufig mit dem Attribut „psychisch“ versehen. „Damit kann man Patienten richtig in die Verzweiflung treiben“, so Gees.

Eine moderne Definition des Schmerzes entkoppelt diesen von der Verletzung. Es gibt dabei drei Komponenten des Schmerzes: seine Intensität, das Schmerzgefühl und die Bewertung des Schmerzes durch den Patienten. Was die Bewertung, die sogenannte kognitive Komponente meint, machte Gees anschaulich deutlich. Wer in die 90-Grad-Sauna gehe und anschließend ins Eisbecken, müsse eigentlich Schmerz verspüren – stattdessen dient das Saunen der Entspannung.

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Das Gehirn lernt den Schmerz.

Schmerztherapeutin Kornelia Gees

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Das Schmerzgefühl wiederum lasse sich in einem gewissen Maße durch Aufmerksamkeit steuern. „Wenn man aber lange unter Schmerzen leidet, ist der Aufmerksamkeitsscheinwerfer eingerostet“, so Gees. „Das Gehirn lernt den Schmerz.“ Hinzu komme die kontraproduktive Erwartung des Schmerzes.

Frühkindliche Vorfälle wie Gewalt und Vernachlässigung könnten ebenfalls dazu führen, dass Menschen das Schmerzempfinden schlechter steuern könnten. Auch sei es wichtig, in den ersten Jahren des Lebens von einer Bezugsperson wie der Mutter die eigenen Gefühle gespiegelt zu bekommen. Menschen, die ihre Gefühle so nicht lernen, würden Emotionen wie Wut oder Traurigkeit oft als Schmerz empfinden.

Gees stellte vielschichtige Ansätze der Schmerztherapie vor. Aber auch sie weiß: „Es gibt keinen Garantieschein, dass der Schmerz verschwindet.“

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