Mi., 19.04.2017

March for Science Am Samstag demonstrieren Angehörige der Universität

«Echte Fakten, falscher Präsident» stand auf ihren Plakaten. Foto: dpa

«Echte Fakten, falscher Präsident» stand auf ihren Plakaten. Am 22. April sollen es tausende, vielleicht zehntausende Demonstranten in Washington und mehr als 500 Städten auf der ganzen Welt werden. Foto: dpa

Münster - 

Wissenschaftler und Bürger gehen weltweit am Samstag (22. April) auf die Straße: Sie demonstrieren beim „March for Science“ dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse – und nicht Meinungen und „alternative Fakten“ – die Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses bilden. Wie in rund 500 Städten weltweit, findet auch in Münster auf Initiative des AStA ein „March for Science“ statt.

Von Karin Völker, pd

Die Aktion findet am weltweit ausgerufenen „Earth Day“ (Tag der Erde) zur Wertschätzung von Natur und Umwelt statt.

Das Rektorat der Universität Münster unterstützt die Veranstaltung, die um 15 Uhr auf dem Domplatz beginnt und um 16.30 Uhr auf dem Schlossplatz endet. Rektor Johannes Wessels wird auf dem Domplatz sprechen.

„Der , March for Science’ ist der erste Schritt zu einer globalen Bewegung für die Verteidigung der essenziellen Rolle, die die Wissenschaft für unsere Gesundheit, Sicherheit, Wirtschaft und Regierungen spielt“, heißt es auf der Webseite der Organisatoren. Es sei an der Zeit, vom Rand wegzukommen. Die Wissenschaft sei eine „Säule menschlicher Freiheit und Wohlergehens“.

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„Man sollte den Zweiflern und Scharlatanen nicht den Marktplatz alleine überlassen“

Für Dr. Eva-Maria Jung vom Philosophischen Seminar der Universität Münster ist der „March for Science“ „ein ungewöhnliches Zeichen“. Die Wissenschaftler müssten auf die Folgen und möglichen Konsequenzen der Diskreditierung der Wissenschaft öffentlich aufmerksam machen, sagt Jung in einem von der Universität verbreiteten Interview. „Dazu zählt auch, darauf hinzuweisen, dass es strittige Fragen und viel Unwissen gibt“, ergänzt die Wissenschaftlerin.

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Dr. Eva Maria Jung vom Philosophischen Seminar der Universität wirbt für den „March of Science“. Foto: WWU

„Man sollte den Zweiflern und Scharlatanen nicht den Marktplatz alleine überlassen“, betont Eva-Maria Jung. Grundsätzlich nehmen Wissenschaftler wahr, dass etwa beim Thema Klimaschutz Erkenntnisse der Wissenschaft von einzelnen Politikern, namentlich US-Präsident Donald Trump, und Teilen der Bevölkerung in Zweifel gezogen werden. Dies hatte auch Uni-Rektor Johannes Wessels noch kürzlich bei der Eröffnung des Studiums im Alter als sehr kritisch bewertet.

Kritik an Trump

Die Philosophin Eva-Maria Jung sieht in der Haltung des US-Präsidenten „einen fundamentalen Angriff auf die Unabhängigkeit und Freiheit der Wissenschaft“. Er vertraue offenbar nur den Wissenschaftlern, die gleichzeitig seine politischen und wirtschaftlichen Ziele unterstützten.

Auch in Washington und vielen US-Städten findet am Samstag ein „March for Science“ statt. In Deutschland sind unter anderem Demonstrationen in Berlin, Hamburg, Köln oder München geplant.


Wissenschaftler auf der Flucht - Woher der Hass auf Forscher?

Von Violetta Kuhn, dpa

In aller Welt sind Wissenschaftler mit wachsender Skepsis und sogar Anfeindungen konfrontiert. Manche müssen sogar ihr Land verlassen - und bekommen Asyl in Deutschland.

„Es war beängstigend“

Das Ende ihrer wissenschaftlichen Karriere in der Türkei besiegelte Latife Akyüz selbst, mit einer einfachen Unterschrift. Die Forscherin unterzeichnete im Januar 2016 eine Petition und forderte darin den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan dazu auf, mit den Kurden im Land Frieden zu schließen. Unmittelbar darauf habe eine wahre Lynchkampagne gegen sie begonnen, erzählt sie. „Es war beängstigend.“Die Lokalzeitung ihrer Stadt Düzce, nahe Istanbul, berichtete über sie als „Terroristin“ an der örtlichen Universität, TV-Sender schlossen sich an, in den sozialen Medien ergoss sich Hass über die heute 42-Jährige.

Sie verließ erst die Stadt, dann das Land

Akyüz wurde suspendiert, festgenommen, mit einem Reiseverbot belegt und schließlich wieder freigelassen - „alles innerhalb von drei Tagen nach meiner Unterschrift“, sagt Akyüz. Sie verließ erst die Stadt, dann das Land. Heute forscht die Sozialwissenschaftlerin in Frankfurt, wo sie eine Art wissenschaftliches Asyl bekommen hat.

Das Klima für Forscher wird rauer - nicht nur in der Türkei

Die Türkei, wo nach dem gescheiterten Militärputsch im Sommer vergangenen Jahres massenhaft Akademiker entlassen wurden, ist aber längst nicht das einzige Beispiel dafür, dass das Klima für Forscher rauer wird. Dagegen wollen am Samstag in aller Welt Wissenschaftler beim „March for Science“ auf die Straße gehen.

Beispiel: Ungarn

Die Liste ihrer Sorgen ist lang: In Ungarn muss die angesehene Central European University womöglich schließen, nachdem die Regierung das Hochschulgesetz geändert hat. US-Präsident Donald Trump hat als eine seiner ersten Amtshandlungen Fördergelder für die Wissenschaft gestrichen. Infoseiten zum Klimawandel verschwanden vom Webportal des Weißen Hauses.

Beispiel: Deutschland

In Deutschland positionieren sich Impfgegner, „alternative Fakten“ finden im Netz viele Abnehmer. Und ein gutes Drittel der Deutschen findet, die Menschen vertrauten zu stark der Wissenschaft und zu wenig ihren Gefühlen. Das ergab das „Wissenschaftsbarometer 2016“, eine repräsentative Umfrage der Initiative „Wissenschaft im Dialog“.Wieso nur schlägt der Wissenschaft so viel Abneigung und Misstrauen entgegen? Schließlich ist sie es, die ein komfortables Leben mit Smartphones, moderner Medizin und anderen Wohltaten ermöglicht hat.

Wissenschaft als etwas zutiefst Beunruhigendes

„Die Wissenschaft stellt für den Mann, für die Frau auf der Straße oft etwas zutiefst Beunruhigendes dar, einfach weil Wissenschaftler alles in Frage stellen“, erklärt der Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz. „Hieraus hat sich ein grundsätzliches Problem entwickelt, das so offen vorher nicht vorhanden war.“Auf autoritär agierende Regierungen wirkten Wissenschaftler noch aus anderen Gründen unheimlich: „Freies Denken zu fordern und für eine offene Gesellschaft zu plädieren, das sind Kategorien, die von manchen Politikern als eine Hauptbedrohung des Staates angesehen werden.“Die Philipp-Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung ermöglicht bedrohten Wissenschaftler aus aller Welt, in Deutschland ihrer Arbeit weiter nachzugehen. Auch Latife Akyüz ist mit Hilfe der Initiative nach Frankfurt gekommen.

Die Philipp-Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung

Derzeit stammten 28 von 68 Geförderten aus der Türkei, teilte die Stiftung mit. Damit bildeten türkische Forschende die zweitgrößte Gruppe hinter Wissenschaftlern aus Syrien. Die Gründe, warum Akademiker mit Hilfe der Initiative ihr Land verlassen, sind vielfältig: In ihrer Heimat herrscht Krieg, ihre Forschungsfreiheit wird eingeschränkt oder sie werden verfolgt.So wie Latife Akyüz. „Es war nie einfach, in der Türkei Wissenschaftler zu sein“, sagt sie. „Aber es war nie so schlimm wie jetzt.“ Sie würde gerne irgendwann zurück in ihre Heimat. Besonders viel Hoffnung hat sie nicht, dass das klappt.Damit sich die Situation nicht noch weiter verschlimmert, müssten die Wissenschaftler selbst aktiv werden, sagt der Journalist und Physiker Ranga Yogeshwar. Zu lang hätten sie zu gesellschaftlichen Fragen geschwiegen. Der „March for Science“ könne ein Weckruf sein, hofft er.

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