Sa., 29.04.2017

Ausstellung in der Bezirksregierung Verschiedene Kriege – Interview mit Gudrun Wolff

Die Münsteranerin  Gudrun Wolff ist Autorin des deutschen Teils der Ausstellung, die jetzt in der Bezirksregierung zu sehen ist.

Die Münsteranerin  Gudrun Wolff ist Autorin des deutschen Teils der Ausstellung, die jetzt in der Bezirksregierung zu sehen ist. Foto: Matthias Ahlke

Münster - 

Die Generation, die den Zweiten Weltkrieg als Erwachsene erlebt hat, verschwindet, das Thema ist immer seltener Gegenstand persönlicher Erinnerung. Historiker aus sechs europäischen Ländern haben jetzt untersucht, wie der Zweite Weltkrieg in nationalen Schulbüchern aufgearbeitet wird. Ergebnis ist die Ausstellung „Verschiedene Kriege. Nationale Geschichtslehrbücher über den Zweiten Weltkrieg“, die nach Stationen in vielen europäischen Ländern nun in der Bezirksregierung am Domplatz zu sehen ist. Autorin des deutschen Teils ist die Münsteranerin Gudrun Wolff, ehemalige Vorsitzende der Deutsch-russischen Gesellschaft und bis zu ihrer Pensionierung Lehrerin am Gymnasium Wolbeck. Unsere Redakteurin Karin Völker sprach mit ihr über die Ausstellung.

Es ist viel über den Zweiten Weltkrieg geforscht und geschrieben worden. Warum ist Ihre Ausstellung heute notwendig?

Wolff: Wir sehen im Ergebnis unserer Studien, dass die Geschichte in den unterschiedlichen Ländern aus ihren jeweiligen nationalen Erfahrungen und Perspektiven beschrieben wird. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen sind prägend nicht nur für Deutschland, sondern vor allem auch für die aktuellen politischen Konflikte in Osteuropa. Wenn wir Europa besser verstehen wollen, ist es wichtig, sich mit der Geschichte unserer europäischen Nachbarn auseinanderzusetzen. Unsere Ausstellung soll ein Impuls dafür sein.

Welche Länder haben mitgewirkt beziehungsweise welche Lehrbücher haben Sie analysiert?

Wolff: Die Autoren der Ausstellung kommen aus Russland, Litauen, Polen, Tschechien, Italien und Deutschland. Die Initiative ging vor fünf Jahren vom EU-russischen Zivilgesellschaftsforum aus, die Autoren und Autorinnen kommen alle aus unabhängigen Organisationen.

Wo reichen die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs bis in die aktuelle Politik?

Wolff: Ganz konkret zum Beispiel bei den Diskussionen um die Nato-Manöver im Baltikum. Polen und die baltischen Staaten wurden im Zweiten Weltkrieg als Folge des Hitler-Stalin-Paktes zwischen Deutschland und der Sowjetunion okkupiert. Nach dem Ende des Krieges waren sie im Einflussbereich der Sowjetunion beziehungsweise wurden Sowjetrepubliken. Die Ängste vor dem übermächtigen Nachbarn Russland sind hier sehr groß.

Wie wird im heutigen Russland die Geschichte bewertet?

Wolff: Die Russen sehen sich als Befreier und Siegermacht. Sie erinnern an die große Zahl der Opfer der Armee und der Zivilbevölkerung. Die sowjetische Besetzung der osteuropäischen Länder wird kaum problematisiert.

Ein zentrales Thema in den deutschen Lehrbüchern ist der Völkermord an den europäischen Juden. Wie wird dieses Thema in den anderen Ländern dargestellt?

Wolff: Ja, ein zentrales Thema in Deutschland, denn wir tragen die Verantwortung für diesen beispiellosen Zivilisationsbruch. Die anderen Länder gehen unterschiedlich damit um. In den tschechischen Lehrbüchern zum Beispiel scheint der ­Holocaust irgendwo anders stattzufinden. Eine tendenziell distanzierte aber fundamentale Analyse des Genozid findet man in den italienischen Lehrbüchern. Polen widmet dem Thema mehrere Seiten, und hier wie auch in den litauischen Darstellungen wird die Frage der kollaborierenden Verwicklung in den Völkermord diskutiert.

Die nationalen Interessen und Innensichten dominieren also auch heute noch die Perspektive auf das globale Ereignis Zweiter Weltkrieg?

Wolff: Genau. Wobei die Innenansicht ebenso wichtig und die Auseinandersetzung damit noch nicht zu Ende ist. Es hat zum Beispiel in Deutschland sehr lange gedauert, die Beteiligung der Wehrmacht im Vernichtungskrieg aufzuarbeiten. Als Folge der sogenannten Wehrmachtsausstellung wurde dieses Thema in die Schulbücher aufgenommen. Wenn man allerdings die ganze ­Dimension der Rolle der Polizei bei der Ausführung des Völkermordes begreifen will, muss man in die Villa ten Hompel gehen.

Wie beurteilen Sie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in den deutschen Geschichtsbüchern im Vergleich zu den anderen?

Wolff: Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in den deutschen Geschichtsbüchern ist eine klare und ehrliche, die Perspektive der Darstellungen ohne Abstriche die der Täter. Viele Erkenntnisse des langen Prozesses der Aufarbeitung unserer Geschichte sind in die Lehrbücher eingegangen, nicht alle in gleichem Maße.

Schafft es die Ausstellung dabei auch, den Blick in die politische Gegenwart Europas zu öffnen?

Wolff: Zumindest haben wir es geschafft, politische Emotionen und Diskussionen zu wecken. So hat nach der Eröffnung der Ausstellung in Moskau vor einem Jahr ein staatlicher russischer Fernsehsender unter anderem sehr scharf kritisiert, dass man die Sowjetunion nicht ausschließlich als Sieger dargestellt habe und die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges umschreiben wolle. In Litauens Hauptstadt Vilnius dagegen forderten zwei Abgeordnete des Parlaments, die Ausstellung zu schließen, weil aus ihrer Sicht die Verbrechen der Sowjetunion relativiert würden. Es sind eben verschiedene Kriege – bis heute.

Zum Thema

Die Ausstellung „Verschiedene Kriege“ ist bis zum 12. Mai im ­Foyer der Bezirksregierung, Domplatz 1-3, werktags von 8 bis 16 Uhr zu sehen.

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