Sa., 13.02.2016

Burkhard Spinnen zum Wandel in Münster „Wir erleben einen chirurgischen Vorgang“

Burkhard Spinnen erlebt Münster als eine Stadt, die sich auf einen anhaltenden Wandel einstellen muss.

Burkhard Spinnen erlebt Münster als eine Stadt, die sich auf einen anhaltenden Wandel einstellen muss. Foto: Oliver Werner

Münster - 

Die Einwohnerzahl in Münster wächst kontinuierlich, in der Stadt leben mehrere Tausend Flüchtlinge, viele Quartiere verändern ihr Angesicht. Was macht all dies mit den Münsteranern? Dazu äußert sich der münsterische Schriftsteller Burkhard Spinnen.

Seit 1976 lebt der aus Mönchengladbach stammende Schriftsteller Burkhard Spinnen in Münster. Seine überzeugende Beobachtungsgabe wurde deutlich, als er 2004 – im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung – das Essay „Im Transit heimisch werden“ veröffentlichte. Vor dem Hintergrund des grundlegenden Wandels, den Münster derzeit auf ganz unterschiedlichen Feldern erlebt, sprach unser Redakteur Klaus Baumeister mit ihm.

Herr Spinnen, in Ihrem Essay „Im Transit heimisch werden“ 2004 haben Sie Münster als eine Stadt mit einem „menschlichen Maß“ bezeichnet. Würden Sie das heute auch noch sagen? 

Spinnen: Ja. Zwölf Jahre sind eine zu kurze Zeit, als dass sich ein grundlegender Wandel vollziehen könnte. Aber ein Wandel ist spürbar, und die Charakterisierung einer Stadt speist sich gerade aus der Wahrnehmung des Wandels. Über Selbstverständliches braucht man nicht zu sprechen.

 

Kann man sagen, dass sich eine Stadt wie Münster stärker wandelt, als die Menschen es wahrnehmen?

Spinnen: Ja. Unsere Wahrnehmung hinkt dem Wandel immer hinterher. Das hängt schon damit zusammen, dass wir ab einem bestimmten Alter den Wandel nur noch ungern an uns heranlassen. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der Ältere auch rein quantitativ eine immer größere Rolle spielen, verstärken sich die Vorbehalte. Nehmen wir als Gegenbeispiel den Wandel, den China in den vergangenen 40 Jahren erlebt hat. Er konnte sich nur vollziehen, weil so viele junge Menschen in wichtige Positionen nachdrängten.

Kommen wir von China zurück nach Münster. Hätte diese Stadt mit 350 000 Einwohnern auch noch das von Ihnen angesprochene „menschliche Maß“? 

Spinnen: Das kommt darauf an, wie wir damit umgehen. Wachstum, also auch eine wachsende Stadt, ist ein organischer Vorgang. Wachstum findet überall statt. Das Wachstum einer Stadt ist in einem gewissen Grade sogar eine Voraussetzung für ihr Funktionieren. Das Ende eines Wachstums signalisiert Vergänglichkeit. Städte, deren Einwohnerzahl sinkt, etwa im Ruhrgebiet oder in Ostdeutschland, haben viel größere Probleme als Münster.

Würden Sie auch den Zustrom an Flüchtlingen als organisches Wachstum bezeichnen?

Spinnen: Nein, hier haben wir es mit einer Art chirurgischem Vorgang zu tun. Praktisch auf dem Wege einer Transplantation kommt etwas Neues hinzu. Das unterscheidet sich grundlegend von dem Bevölkerungswachstum, das Münster ansonsten in den vergangen Jahren erlebt hat. Im Zuge dieser Völkerwanderung aus dem arabischen Raum, die Europa derzeit erlebt, wird de facto auch in Münster eine Menschengruppe als Block hinzugesetzt. Wenn wir einmal bei dem Vergleich mit der Transplantation bleiben, dann erkennen wir auch den riesigen Aufwand, den wir betreiben müssen, damit die Operation gelingt. Das organische Wachstum indes vollzieht sich in der Regel automatisch wie bei einem Baum, der wächst, ohne dass wir uns besonders darum kümmern müssen.

Wird Münster diese „Transplantation“ überstehen?

Spinnen: Natürlich hoffe ich das. Aber zur Wahrheit gehört, dass keinerlei Erfahrungswerte für diesen Prozess vorliegen. Selbst der viel zitierte Vergleich mit den Ostvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg hinkt. Die Flüchtlinge damals stammten ebenso wie die Menschen in Westdeutschland aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis, sie sprachen die gleiche Sprache und mussten sich in einem kriegszerstörten Land zusammenfinden. Jetzt ist es so, dass kriegsbedingt Menschen aus dem islamisch-arabischen Raum in hoch entwickelte westliche Städte kommen.

Wie muss die Integration aussehen?

Spinnen: Wir müssen zunächst über die Frage sprechen, wie wir Integration definieren. Die entscheidende Sozialisation und Prägung eines Menschen findet in den ersten Lebensjahren statt. Es wird also faktisch eine ganze Generation dauern, bis die neu zu uns gekommenen Menschen, genauer gesagt deren Kinder, sich dem westlichen Kulturkreis ganz zugehörig fühlen könnten. Bis dahin werden wir darüber reden müssen, welchen Grad der Anpassung wir den Menschen abverlangen, die nicht als Kleinkinder, sondern als Jugendliche oder Erwachsene nach Deutschland gekommen sind. Natürlich ist es wichtig, bei den Flüchtlingen auf eine Beherrschung der deutschen Sprache und eine Beachtung unserer Normen und Gesetze zu achten. Aber jenseits solch grundlegender Dinge werden wir uns auch in Münster daran gewöhnen müssen, Menschen in unserer engen Umgehung zu wissen, die einem anderen Kulturkreis angehören und die uns in mancherlei Weise fremd sind und bleiben.  

Ist es eigentlich ein urmenschliches Bedürfnis, in einer Stadt mit einer möglichst homogenen Bevölkerungsstruktur zu leben?

Spinnen: Ja. Das ist schlicht in der Lebensökonomie begründet. Man lebt einfacher und reibungsloser, je größer der Anteil an Selbstverständlichkeiten im Leben ist. Nehmen wir nur das Beispiel des äußeren Erscheinungsbildes, der Kleidung. Innerhalb unseres Kulturkreises ist es ziemlich einfach, die Menschen anhand ihrer Kleidung einzuordnen. Das geschieht permanent und unbewusst. Der Banker sieht anders aus als der Journalist. Doch bei den vielen Flüchtlingen, die plötzlich neu in der Stadt sind, erleben wir unter anderem eine zum Beispiel religiös bedingte Kleidungskultur, die wir nicht sofort „lesen“ können. Das verunsichert uns. Und es gibt noch viele andere Lebensbereiche, in denen wir einen Verlust an Selbstverständlichkeiten erleben werden. Das kann durchaus zu Verunsicherung und Angst führen.

Kommen wir zu dem städtebaulichen Wandel. Viele Münsteraner mögen es, dass auch in city-nahen Lagen noch kleinstädtische Wohnstrukturen vorhanden sind. Jetzt entstehen immer mehr Mehrfamilienhäuser. Das führt dazu, dass sich Münsteraner fremd fühlen in ihrer eigenen Nachbarschaft.

Spinnen: Ich fürchte, dass alle Nachbarn, die von einem städtebaulichen Wandel betroffen sind, diesen bis zu einem gewissen Grade aushalten müssen. Das Berliner Literaturhaus an der Fasanenstraße ist eine dreigeschossige Villa, die mit einer Mauer an ein benachbartes fünfgeschossiges Mietshaus angrenzt. Dieses Nebeneinander zweier so unterschiedlicher Gebäude belegt den Wandel. Die Villa gehörte zu einem ruhigen Villenviertel, das später einem Quartier mit Mietshäusern gewichen ist. Der Grund war, dass mit dem Wachstum Berlins das Zentrum sich ausbreitete. Die Villenviertel wanderten damals weiter an den Stadtrand. Solche Prozesse gehören zu einer lebendigen Stadt, auch wenn sie manchmal schmerzlich sind.

Ist es also müßig, den Charakter von Quartieren zementieren zu wollen?

Spinnen: Ich glaube schon. Zu meiner Studienzeit war das Kreuzviertel das klassische Studentenviertel mit WGs in Altbauten. Dann kamen die Berufstätigen und kauften sich hier ihre Eigentumswohnung. Wenn diese Eigentümergeneration nun alt wird, ergibt sich vielleicht der nächste Wandel. Vieles ist im Fluss und nur bedingt steuerbar. Viele Senioren ziehen derzeit nach Münster, andere verlassen Münster und ziehen aufs Land. Und wie gesagt: Wandel mag schmerzlich sein, aber er ist ein Zeichen von Leben.

Ihr Essay über Münster als Stadt mit dem „menschlichen Maß“ ist jetzt zwölf Jahre alt. Gesetzt den Fall, wir unterhalten uns wieder in zwölf Jahren, also 2028: Müssen wir dann über Brüche in der münsterischen Stadtgesellschaft sprechen?

Spinnen: Münster hat sicherlich große Chancen, ohne gefährliche Brüche und Verwerfungen in die Zukunft zu gehen. Münsters „Charakter“ hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Es wird heute geprägt von Menschen, die ihre Stadt als Transit erleben. Die Hochschulen spielen dabei eine wichtige Rolle. Daher sind meiner Meinung nach gute Voraussetzungen gegeben, sich auf eine wandelnde Bevölkerungsstruktur einzulassen. Auch die Bereitschaft der Bevölkerung ist groß, sich einer solchen Herausforderung zu stellen.

Das klingt jetzt sehr optimistisch.

Spinnen: Ich habe gesagt, dass der Wandel gelingen „kann“. Er muss aber nicht gelingen, auch wenn wir uns noch so sehr anstrengen. Entscheidend sind nicht die Gegebenheiten in Münster, sondern die außerhalb von Münster, ja sogar außerhalb von Europa. Wir hängen an der großen Politik. Ohne eine dramatische Verbesserung der Situation im Nahen Osten ist die Gefahr einer Überforderung der westlichen Staaten sehr groß. Der Nahe Osten erlebt einen Glaubenskrieg, der in Teilen Züge eines Genozids trägt. Diese Wirren erfassen zwangsläufig auch Europa. Der Kern des Problems liegt also nicht in Münster, nicht in Deutschland, sondern im Nahen Osten und in vielen anderen Krisengebieten.

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