Fr., 22.07.2016

Die Hochschulen in Münster und die Lage in der Türkei Die Forscher zittern

Archäologische Grabungen in der antiken Kulturlandschaft Doliche in der Südosttürkei. Die münsterischen Archäologen haben bisher noch keine Genehmigung der Türkischen Behörden, um hier weiterforschen zu können.

Archäologische Grabungen in der antiken Kulturlandschaft Doliche in der Südosttürkei. Die münsterischen Archäologen haben bisher noch keine Genehmigung der Türkischen Behörden, um hier weiterforschen zu können. Foto: ms

Münster - 

Uni und FH fürchten nach der Verschärfung der Lage in der Türkei um zahlreiche Kooperationen. Türkische Gastwissenschaftler leben in Angst.

Von Karin Völker

Am Sonntag soll es eigentlich losgehen für die Gruppe münsterischer Archäologen – Studierende und Wissenschaftler. Ziel ist die Südosttürkei. Dort hier in der Provinz Adiyaman graben seit Jahren die münsterischen Wissenschaftler zusammen mit einem internationalen Team in der antiken Kulturlandschaft Doliche. Die Genehmigung dafür ist aber, wie die Universität am Donnerstagbestätigte, seit vier Wochen überfällig.

Nach dem Putschversuch, der Verhängung des Ausnahmezustandes, der Suspendierung zahlreicher Hochschulrektoren und Dekane und Erdogans Ausreiseverbot für einheimische Wissenschaftler herrschen bei dem Archäologen der Forschungsstelle „Asia Minor“ der Uni Münster Zweifel, ob es in Doliche weitergehen kann.

Ein Klima der Angst

Wie weiter – diese Frage treibt besonders die Handvoll türkischer Gastwissenschaftler an der Universität um, die derzeit im Rahmen von Partnerschaftsabkommen in Münster forschen. Ein Wissenschaftler wollte am Mittwoch noch mit der Redaktion über seine Situation sprechen – anonym versteht sich. Er sagte das Treffen ab – aus Sorge vor Repressalien. Es herrsche ein Klima der Angst, sagt der Mann. Ob er seinen Aufenthalt in Münster nach dem Rückruf Erdogans an alle türkischen Wissenschaftler überhaupt, wie geplant, fortsetzen kann, weiß er nicht.

Sorge und Irritation herrschen auch unter den Studierenden. 20 junge Leute aus der Türkei haben im Sommersemester an der Uni in Münster studiert, organisiert durch das EU-Programm Erasmus. Ihre jetzt anstehende Rückreise war ohnehin geplant. Was aus den 33 türkischen Studenten wird, die die WWU im Oktober als Gaststudenten erwartet, ist „momentan unklar“, sagt Uni-Sprecher Norbert Robers . Ebenso unsicher sind die Pläne der 28 jungen Münsteraner, die ab Oktober für ein Semester an einer türkischen Universität studieren wollen.

Schockierende Verhältnisse in der Türkei

Zehn Studierende der FH Münster haben das geplant, neun davon erklärten bereits, das Auslandssemester nicht antreten zu wollen, sagt FH-Sprecherin Katharina Kipp. Die FH unterhält nach Kipps Angaben sechs Kooperationen mit türkischen Hochschulen, und ihr „International Office“ riet am Donnerstag offiziell dazu, die Studienaufenthalte in der Türkei nicht anzutreten. Die Leiterin des Internatonal Office, Ines Romans, bezeichnet die Verhältnisse in der Türkei als „schockierend“. Womöglich würden alle Kooperationen zum Erliegen kommen.

So ist auch die Zukunft der von einem Konsortium deutscher Hochschulen aufgebauten deutsch-türkischen Hochschule Istanbul ungewiss. Die Universitäten Münster und Köln bauen gemeinsam die Fakultät für Wirtschaft- und Sozialwissenschaften auf.

Reaktionen zur Lage in der Türkei

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Svenja Schulze Foto: Federico Gambarini/dpa

Auch in der Politik macht sich Sorge breit, ob die Zusammenarbeit mit der Türkei in der Wissenschaft unter den neuen Bedingungen weitergehen kann.

Landeswissenschaftsministerin Svenja Schulze äußerte sich am Donnerstag „erschüttert und besorgt, dass die Wissenschaftsfreiheit durch das Ausreiseverbot der türkischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und die Rücktrittsaufforderungen an Dekane und Hochschulrektor in hohem Maße eingeschränkt wird“. Die Türkei verlasse hier „ganz eindeutig den Weg der Demokratie“, so Schulze.

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Ruprecht Polenz Foto: Oliver Werner

Ruprecht Polenz, ehemaliger münsterischer CDU-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, stößt auf seiner Facebookseite in dasselbe Horn: „Ausreiseverbot für alle türkischen Akademiker aus der Türkei – so will Erdogan qualifizierte Türken am Verlassen des Landes hindern“, so Polenz.

„Dann wird er auf Dauer die Türkei wie die DDR einmauern müssen, denn es wird nicht bei den Akademikern bleiben, die dem Land den Rücken kehren wollen“, glaubt der Experte für türkische Politik.

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