Mo., 14.11.2016

„Winni, alles in Ordnung bei dir?“ Münsteraner war während des Taliban-Anschlags in Masar-i-Sharif

Das deutsche Konsulargebäude in Masar-i-Sharif gleicht nach dem Taliban-Anschlag noch immer einem Trümmerfeld. Winfried Nachtwei (rechtes Foto) war in der Nähe.

Das deutsche Konsulargebäude in Masar-i-Sharif gleicht nach dem Taliban-Anschlag noch immer einem Trümmerfeld. Winfried Nachtwei (rechtes Foto) war in der Nähe. Foto: dpa, privat

Münster - 

Als die Taliban die Deutschen am vergangenen Donnerstag mit ih­rem Anschlag auf das Generalkonsulat in Masar-i-Sharif an den fast schon vergessenen Krisenherd Afghanistan erinnerten, war der Münsteraner Winfried Nachtwei nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt. 

Von Elmar Ries

Der ehemalige verteidigungspolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion hatte im Feldlager „Camp Marmal“ vor den Toren der Stadt an ei­ner Kommandoübergabe teilgenommen. Es war die 19. Afghanistan-Reise des 70-Jährigen.

Die Provinzmetropole Masar-i-Sharif liegt im Norden des Landes. Zu Isaf-Zeiten war die Bundeswehr dort oben für die Sicherheit zuständig. „Camp Marmal“ war die Zentrale. „Bad Masar“ nannten die Soldaten das riesige Feldlager. Der Norden war schon immer friedlicher als der Rest des unfriedlichen Landes.

Sechs Menschen starben am Donnerstag bei dem Terroranschlag, 128 wurden verletzt. Jüngsten Berichten zufolge drangen die Attentäter bis in das Konsulatsgebäude vor. Vor Ort ­erfuhr Nachtwei , dass „der Schusswechsel mit Bundespolizisten über längere Zeit“ ging.

Auch wenn er mittelbar vor Ort war. Von dem, was wenige Kilometer entfernt passiert war, erfuhr er in der Nacht durch ei­nen Anruf aus Deutschland . „Winni, alles in Ordnung bei dir?“, wollte Omid Nouripour wissen. Nouripour ist außenpolitischer Sprecher in der grünen Bundestagsfraktion. Das verdutzte Gesicht Nachtweis kann man sich vorstellen. „Ich hatte kurz zuvor noch mit Angehörigen des Konsulates gesprochen und wusste von nichts“, sagt der Münsteraner.

Vor dem Anschlag: Nachtwei (Mitte) besucht deutsche Polizeiausbilder.

Vor dem Anschlag: Nachtwei (Mitte) besucht deutsche Polizeiausbilder. Foto: Privat

Wie schnell sich die Zeiten ändern. Es ist erst ein paar Jahre her, da erklärten hochrangige Bundeswehr-Offiziere sicher und sehr selbstbewusst, die Taliban seien im Norden „keine relevante Größe“ mehr. Bei Pa­trouillen­fahr­ten präsentierten sie das Netz von Kontroll- und ­Sicherungsposten der afghanischen Armee, die in der Lage sei, für die Sicherheit zu sorgen.

Was ist daraus geworden? Ende 2014 beendet der Westen sein robustes Mandat und agiert nur noch als Ausbilder und Berater. Seitdem erobern die Taliban das Land und die Macht Stück für Stück zurück.

Bisher haben die radikalen Islamisten deutsche Zivileinrichtungen verschont. Sollten sie am Donnerstag mit dem als Vergeltungsschlag deklarierten Angriff ei­nen Kurswechsel eingeläutet haben, wählten sie das Ziel in ihrer kruden Logik klug. „Das Konsulat war der Knotenpunkt der deutschen Aufbauhilfe im Norden“, sagt Nachtwei.

Das Google-Earth-Foto zeigt den Standort des deutschen Generalkonsulates in Masar-i-Sharif. Bei einem Angriff der radikalislamischen Taliban auf das deutsche Generalkonsulat sind am Donnerstag (10. November 2016) mindestens zwei Menschen getötet worden.

Das Google-Earth-Foto zeigt den Standort des deutschen Generalkonsulates in Masar-i-Sharif. Bei einem Angriff der radikalislamischen Taliban auf das deutsche Generalkonsulat sind am Donnerstag (10. November 2016) mindestens zwei Menschen getötet worden. Foto: dpa

Die afghanische Bevölkerung sei nach wie vor sehr deutsch-freundlich, das betont er mehrfach. Das habe sich in all den Jahren nicht geändert.

Was aber, wenn die Deutschen in Folge einer solchen At­tacke nicht länger afghanistanfreundlich sind und ihr Engagement zurückfahren? „Sollte der Westen seine Präsenz einstellen, werden die Taliban die Macht komplett übernehmen“, sagt Nachtwei. Frieden bleibt am Hindukusch ein Fremdwort.

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