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Fr., 02.12.2016

Fossil Free Uni Münster im Clinch mit Umweltschützern

Fossil Free : Uni Münster im Clinch mit Umweltschützern

Umweltfreundlich mit dem Fahrrad unterwegs: Mitglieder von Fossil Free. Foto: Fossil Free

Münster - 

Seit drei Jahren fordern Fossil Free Münster und das Studierendenparlament, die Universität Münster solle ihre Gelder aus fossilen Energien abziehen. Damit würde die Institution dem Vorbild der Stadt Münster folgen. Die Uni hält sich bei dem Thema jedoch bedeckt.

Von Jana Eisberg

Die Geschichte beginnt mit einer Aktivistengruppe, die monatelang Unterschriften für eine Urabstimmung an der Uni Münster sammelt. Am Ende, im Oktober dieses Jahres, sind es 3.303 Stück - über 1.000 mehr als die erforderlichen fünf Prozent der Studierendenschaft. Die Gruppe heißt Fossil Free Münster; die Frage, die sie den Studierenden stellen wollte, lautet: „Bist du dafür, dass sich die Universität Münster von allen Geldanlagen in klimaschädliche, fossile Unternehmen trennt?“

Signal an die Uni

Davon erhofften sie sich ein Signal an die Uni: Die große Masse der Studierenden ist gegen Investitionen in Gas-, Öl- und Kohleunternehmen. So wollen sie erreichen, dass die Uni ihre Gelder aus Anlagen in diese Bereiche abzieht, Divestment nennt sich das. Die Forderung steht im Rahmen der von der UN unterstützten Initiative „Go Fossil Free“ der Nichtregierungsorganisation 350.org, die international an Fahrt gewinnt. Die Organisation setzt sich dafür ein, die globale CO2-Konzentration nachhaltig zu senken. Dieses Ziel wollen sie stützen, indem sie Institutionen weltweit davon überzeugen, ihr Geld nicht mehr in CO2-produzierende Energieunternehmen zu investieren.

Doch eine Urabstimmung zu diesem Thema ist an der Universität aus rechtlichen Gründen nicht möglich, daran ändern auch die Unterschriften nichts. Wegen Missverständnissen war das den Initiatoren bis vor kurzem nicht klar.

Die missglückte Urabstimmung ist jedoch nur die letzte Episode in einer langen Reihe von Missverständnissen und schlechter Kommunikation zwischen Uni, Studierendengremien und Aktivisten. Es geht dabei um die Frage, ob die Universität daran interessiert ist, ihren Studierenden beim Divestment entgegenzukommen oder nicht.

Stellungnahme war rein symbolisch

Denn wenn auch nicht alle Studierenden gefragt werden, ihre Haltung ist seit langem klar. Das hat das Studierendenparlament (StuPa) im September 2015 gezeigt: Damals forderte es vom Rektorat und der Leitung des Studierendenwerks, „sämtliche neue Investitionen in fossile Energieträger zu stoppen und sich darüber hinaus von bereits bestehenden Kapitalanlagen im Sektor fossiler Brennstoffe zu trennen.“ Diese Stellungnahme war jedoch rein symbolisch. „Das StuPa kann zwar einen Wunsch äußern, rechtlich bindend ist der jedoch nicht“, sagt der studentische Vertreter in der Finanzkommission des Uni-Senats, Sebastian Kunzmann. Letztendlich entscheide die Uni über ihre Finanzen selbst.

Dabei sollte man zunächst wissen: Auch die Forderung an sich ist größtenteils eine symbolische. Denn es geht gerade einmal um 1,4 Millionen Euro. Diese legt die Universität laut Jahresbilanz 2015 über rechtlich unselbstständige Stiftungen in verschiedenen Mischfonds an. Diese Mischfonds investieren wiederum zum Teil in Unternehmen, die fossile und nukleare Energie fördern.

Stadt Münster hat bereits reagiert

Dass eine nachhaltige Fonds-Ausrichtung auch in größerem Maße möglich ist, zeigt die Stadt Münster. Sie hat sich im vergangenen September dafür entschieden, ihre Finanzen nach sozialen und ökologischen Nachhaltigkeitskriterien auszurichten. „Die Stadt fördert in vielfältiger Weise nachhaltige Aktivitäten, zum Beispiel über Zuschüsse für Vereine oder in den Bereichen Abfall-, Wasser- und Forstwirtschaft“, sagt Frank Möller, Referent Finanzmanagement der Stadt Münster. „Deshalb haben wir uns entschieden, das Themenfeld auch auf den Bereich der Geldanlagen auszuweiten.“ Seit April 2016 investieren die städtischen Rentenfonds daher nicht mehr in Unternehmen, die Atomkraft, nicht nachhaltige Energien, Fracking oder Kinderarbeit unterstützen sowie Militärwaffen herstellen oder vertreiben.

"Rendite bislang praktisch identisch geblieben"

Finanziell mache das nahezu keinen Unterschied: „Wir sind natürlich der Wirtschaftlichkeit verpflichtet“, sagt Möller. Daher habe sich die Stadt im Vorfeld angeschaut, ob es ihren Finanzen in der Vergangenheit geschadet hätte, wenn ihre Fonds nachhaltig ausgerichtet gewesen wären. Fazit: Hätte es nicht. So ist die Entscheidung für die nachhaltige Fonds-Ausrichtung im April dieses Jahres in Kraft getreten. „Meine Einschätzung ist, dass die Rendite bislang praktisch identisch geblieben ist“, sagt Möller.

Forderungen begannen im Jahr 2013

Für ihr vergleichsweise geringes Ausmaß ist die Geschichte der Divestment-Forderungen an die Uni dafür umso komplexer und die Aussagen der Beteiligten umso widersprüchlicher. Begonnen hat sie im Jahr 2013. „Damals haben wir zum ersten Mal um ein Treffen mit dem Rektorat gebeten“, sagt Christine Langkamp von Fossil Free Münster. „Von dem wurden wir an die Energiemanagerin Julia Gerding verwiesen, mit der wir uns mehrmals getroffen haben.“

Diese schien ursprünglich euphorisch. Fossil Free zitiert sie 2014 auf dem offiziellen Initiativenblog mit den Worten: „Ich unterstütze das Projekt zu 100 Prozent. Es macht wenig Sinn, wenn die Universität auf Ökostrom setzt, dann aber ihre Geldanlagen in der fossilen Industrie hält.“ So trug Gerding das Anliegen von Fossil Free im September 2013 an den Universitätskanzler Matthias Schwarte weiter, das belegt ein Sachstandsbericht. Der Kanzler ist nach Angaben von Universitäts-Sprecher Norbert Robers unter anderem für alle Budgetfragen verantwortlich und damit auch für die Frage, wie die Hochschule mit etwaigen Rücklagen oder Rückstellungen umgeht.

Was damals passierte und warum, bleibt unklar

Nachdem Gerding der Uni den Sachstandsbericht vorgestellt hat, habe diese den Kontakt zu der Gruppe jedoch ohne Begründung vollständig abgebrochen, sagt Langkamp. Sie verstehe das nicht: „Bis dahin war die Kommunikation von beiden Seiten immer respektvoll.“ Was damals passierte und warum, bleibt unklar: Julia Gerding selbst will sich zu dem Vorfall nicht mehr äußern. Unisprecher Norbert Robers beantwortet die Frage auch nicht.

Für die Gruppe ergebe sich daraus vor allem das Problem, dass sie nicht wisse, wo die Uni beim Thema Divestment stehe, sagt Langkamp. „Wir würden uns über eine Äußerung dazu sehr freuen, selbst wenn sie negativ ausfallen würde. Dann hätten wir zumindest etwas, womit wir arbeiten können.“ Der Universitätssprecher Robers hingegen unterstreicht, die Universität habe in der Vergangenheit auch die Fragen von Fossil Free zügig und umfassend beantwortet: „Die Behauptung, es hätte von uns nie klare Aussagen gegeben, ist nicht richtig.“

Wie die Wahrnehmung der Situation so weit auseinandergehen kann, ist nicht ersichtlich. Inwieweit beide Seiten wirklich an einem offenen Dialog interessiert sind, ebenso wenig.

Aufgeben wollen die Aktivisten vorerst jedoch nicht. „Die über 3.000 Stimmen wollen wir noch irgendwie einsetzen“, sagt Robert Platow von Fossil Free Münster. „Wir wissen nur noch nicht genau, wie.“

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