Di., 28.03.2017

Cannabis auf Rezept Niedergelassene Ärzte und Apotheker tun sich noch schwer mit der Verschreibung

In diesem israelischen Betrieb wird Cannabis für die Arzneimittelproduktion angebaut. In Deutschland gibt es noch keine entsprechenden Firmen. Die Apotheken hierzulande greifen jetzt auf Erzeugnisse aus den Niederlanden und Kanada zurück

In diesem israelischen Betrieb wird Cannabis für die Arzneimittelproduktion angebaut. In Deutschland gibt es noch keine entsprechenden Firmen. Die Apotheken hierzulande greifen jetzt auf Erzeugnisse aus den Niederlanden und Kanada zurück Foto: dpa

Münster - 

Seit dem 10. März dürfen Ärzte Cannabisprodukte für Schwerkranke ohne Ausnahmegenehmigung verschreiben. Das neue Gesetz hat bisher in münsterischen Arztpraxen und Apotheken noch wenig Auswirkungen.

Von Karin Völker

Seit dem 10. März gibt es für Kranke Cannabis auf Rezept. Im Prinzip, denn Apotheker und Ärzte tun sich noch schwer mit dem entsprechenden, jetzt in Kraft getretenen Gesetz. Eine Mitarbeiterin in der Christophorus-Apotheke in Bahnhofsnähe kennt das Thema, aber „bisher hat noch niemand ein Rezept vorgelegt“, sagt sie. Auch sonst gebe es in den 87 Apotheken in Münster bisher kaum Nachfrage, sagt Imke Düdder von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Sie informiert die Apotheker über Details der neuen Gesetzgebung, die es Schwerkranken ermöglichen soll, das bisweilen bei Schmerzen entspannend wirkende Rauschmittel legal aus der Apotheke statt auf illegale Weise zu bekommen.

Strenge Vorschriften

„Die Vorschriften bleiben sehr streng“, stellt Düdder klar. Cannabis-Produkte gebe es nur in Verbindung mit einem speziellen Formular für Betäubungsmittel, die einer besonderen Kontrolle unterliegen. „Die Apotheker haben viele Fragen zum Thema“, erklärt Düdder. Bisher gebe es keine in Deutschland hergestellten oder für den deutschen Markt zugelassene Cannabis-Präparate. Die Produkte – in Form getrockneter Blüten oder Saft – würden vorerst von niederländischen oder kanadischen Firmen hergestellt und geliefert. Der kontrollierte Anbau von Cannabis für die Arzneiproduktion in Deutschland wird jetzt vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ausgeschrieben, Voraussetzung für die einheimische Produktion.

Geringe Erfahrung mit den Cannabis-Produkten

Die geringe Erfahrung mit den Cannabis-Produkten sei auch ein Problem für die niedergelassenen Ärzte, die sie jetzt verschreiben dürften, erklärt Gudula Berger, Leiterin der Patientenberatung bei der Kassenärztlichen Vereinigung und der Ärztekammer Münster.

Bei ihr rufen jetzt täglich mehrere Interessierte an, die, so sagt es Berger, „Cannabis auf Rezept nicht nur wünschen, sondern fordern“. ADHS, Asthma, Schmerzen bei Fibromyalgie – solche Beschwerden führten die Betroffenen häufig an. „Viele sagen, sie hätten bereits positive Erfahrungen mit Cannabis und es sich bislang auf anderen Wegen beschafft. Patienten mit schweren Erkrankungen wie Krebs oder Multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium gehörten bisher nicht zu den Ratsuchenden.

Wegen der geringen Erfahrung mit den bisher auf dem Markt vorhandenen Präparaten und zum Teil ungeklärter Nebenwirkungen sowie den damit verbundenen Haftungsfragen tun sich viele Ärzte nach Darstellung von Berger schwer mit der Cannabis-Verschreibung. Der Gehalt an den Wirkstoffen THC und Cannabidiol der Produkte sei unterschiedlich. „Was ist, wenn ein Patient nach der Einnahme eine Psychose entwickelt?“, fragt die Ärztin. Sie hält es für wünschenswert, wenn die Cannabisverschreibung über darauf spezialisierte Ärzte erfolge.

Wimber begrüßt "Enttabuisierung"

Hubert Wimber, ehemaliger münsterischer Polizeipräsident, ist bekanntlich ein Vorkämpfer für Legalisierung von Cannabis, vor allem um der Drogenkriminalität den Boden zu entziehen. Als Vorsitzender der Organisation „Leap (Law Enforcement Against Prohibition) ist er vielgefragter Experte auf diesem Gebiet. „Trotz aller Anfangsschwierigkeiten begrüße ich, dass das Gesetz nun in Kraft getreten ist.“ „Cannabis ist eine erfolgversprechende Medikation bei einer Vielzahl von Krankheiten“, unterstreicht Wimber, der hofft, dass das neue Gesetz nun auch zur „Enttabuisierung des Cannabisgebrauchs und zur Entmystifizierung von Cannabis im Medizinalbereich“ beitragen möge.

Ärztekammer befasst sich weiterhin mit dem Thema

Die Ärztekammer Münster arbeite an einem Positionspapier zum Thema, sagt deren Sprecher Volker Heiliger. Die Skepsis vieler niedergelassener Ärzte sei bekannt: „Wir wollen den Konsum von Cannabis nicht verharmlosen, sind aber auch dagegen, dass Konsumenten, denen Cannabis Linderung der Beschwerden verspricht, kriminalisiert werden.“

Mehr zum Thema

Cannabis auf Rezept - Was die Freigabe bedeutet

Cannabis auf Rezept: Krank statt kriminell

Cannabis als Arznei für Kinder: "Das ist ein sehr schwieriger Weg"

Cannabis-Freigabe: Kiffen im Modellprojekt?

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

immomarkt.ms Anzeigen

Wohnungen, Häuser, Grundstücke und gewerbliche Immobilien aus Ihrer Region

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4731260?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F