Fr., 19.05.2017

Mordprozess gegen 56-jährigen Afghanen fortgesetzt Das Drama einer gescheiterten Ehe

Wegen Mordes an seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau muss sich ein 56-jähriger Mann (M.) vor dem Landgericht verantworten – hier beim Prozessauftakt.

Wegen Mordes an seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau muss sich ein 56-jähriger Mann (M.) vor dem Landgericht verantworten – hier beim Prozessauftakt. Foto: hpe

Münster - 

Es war 15.22 Uhr an jenem 25. Oktober vergangenen Jahres, als die 30 Jahre alte Studentin, Mutter eines kleinen Sohnes, in der Bibliothek der TH Köln die letzte Handynachricht von ihrer Mutter erhielt: „Na gut“, sie werde den Enkel aus dem Kindergarten abholen, obwohl es ihr nicht gut gehe.

Von Karin Völker

Nach allem, was Polizei und Ermittlungsbehörden wissen, stand die 46 Jahre alte, aus Afghanistan stammende Frau da schon dem Mann in ihrer Gievenbecker Wohnung an der Hensenstraße gegenüber, der sie später töten sollte. Ihr von ihr getrennt lebender Ehemann hat gestanden, sie umgebracht zu haben. Die Frau starb an tiefen Stichwunden durch ein 20 Zentimeter langes Küchenmessers, der Täter verstümmelte ihr das Gesicht, „um sie als Frau zu entstellen“. So jedenfalls sieht es die Anklage.

Am Freitag im Landgericht sieht der Angeklagte zwei seiner Kinder zum ersten Mal seither wieder. Sie sind Nebenkläger im Prozess gegen den Vater. Für die ältere Tochter gilt Zeugenschutz. Die Vorsitzende Richterin hat strikte Kontrollen vor Saal 23 angeordnet. Eine Sicherheitsschleuse nur für diesen Gerichtssaal, Beamte mit schusssicheren Westen, die Zuschauer dürfen Taschen und Handys nicht mit hineinnehmen.

„Ich tue das für die Gerechtigkeit“

Die Tochter, von mehreren Leibwächtern zum Zuschauerraum hin abgeschirmt, bricht in Tränen aus, als sie ihren Vater wiedersieht. Dem sonst unbewegt dasitzenden kleinen Mann mit Bart und Brille geht es genauso. „Warum hast du uns nicht alle umgebracht, Papa?“, schluchzt die Tochter – und öffnet dem Gericht den Blick in das Leben der afghanischen Familie: „Ich tue das für die Gerechtigkeit.“

Vater und Mutter kamen Mitte der 80er-Jahre aus Afghanistan nach Deutschland, der Vater war Architekturstudent in Dortmund. Er hatte seine Frau, sein späteres Opfer, bereits als 14-Jährige geheiratet. Als sie 15 war, kam der Sohn zur Welt. Auch er sagt am Freitag vor Gericht aus.

Mann fühlte sich in seiner Ehre verletzt

Nach Abschluss des Studiums 1993 zieht die Familie in den Iran. „Vater wollte, dass wir in einer islamischen Gesellschaft aufwachsen“, erklärt der Sohn. Nach etwa zehn Jahren muss die inzwischen fünfköpfige Familie dort ausreisen. Sie kehrt nach Deutschland zurück, lebt in Münster. Alle nehmen schließlich die deutsche Staatsangehörigkeit an. Der Vater findet als Architekt keine Arbeit, jobbt schließlich als Taxifahrer.

Die Mutter, „eine sehr aktive Frau“, wie ihre Kinder sagen, absolviert eine Ausbildung zur Bauzeichnerin, findet in einem Architekturbüro in Roxel eine Anstellung. Ihr Mann fühlt sich in seiner Ehre verletzt, sie ist nicht nur die beruflich erfolgreichere, „sie arbeitete im Alltag auch mit Männern zusammen – schwer zu ertragen für Vater“, so der Sohn. Und die Tochter: „Wir haben immer gedacht, er bringt sich irgendwann um.“

Die Trennung

Die Mutter will sich trennen, sie engagiert sich für Frauenrechte in ihrem Land. Ihr Traum: „Sie wollte Geld verdienen und ein Frauenhaus oder Waisenhaus in Afghanistan bauen“, sagt der Sohn.

Der Vater geht zurück nach Kabul, macht sich dort selbstständig. „Er hatte viele Aufträge“, erzählt der Sohn, der ihn dort einmal besuchte. Aber: „Die Verwandten setzten ihm zu“, erzählt die Tochter: Er habe keine Macht über seine Frau, auch nicht über die ältere Tochter. Sie lebt getrennt von ihrem ebenfalls afghanischen Ex-Ehemann. Dieser darf – Beschluss des Jugendamtes – sein Kind nicht alleine sehen. Mit diesem Schwiegersohn versteht sich der Vater aber weiterhin gut.

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Die Mutter lebt seit Jahren in Angst vor ihrem Noch-Ehemann, der sich der formellen Scheidung entzieht. Sie hat eine Wohnung im selben Haus an der Hensen­straße wie Tochter und Enkel, ihr Mann weiß davon aber nichts.

Eine böse Vorahnung

Bereits 2012, so erzählt die Tochter vor Gericht, hatte sie den Verdacht, ihr Vater plane eine Gewalttat, als sie einen Benzinkanister bei ihm fand.

Zwei Wochen vor der Tat war der Vater ohne Ankündigung wieder in Münster aufgetaucht. Er wohnte bei der Tochter – und fand durch Nachfragen heraus, dass auch seine Frau hier eine Wohnung hatte. „Er war in der Zeit sehr nachdenklich, verschlossen, hat sich sehr für unseren Keller interessiert“, sagt die Tochter.

Am Tag der Tat, als sie noch hoffte, ihre Mutter habe den kleinen Sohn aus der Kita abgeholt, erreichte sie der Anruf der Erzieherin, dass niemand gekommen sei. „Da wusste ich, dass etwas Schreckliches passiert ist.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

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