Do., 03.08.2017

Professor Ulrich Keil wirbt für neue Antriebe „Feinstaub schafft es bis ins Gehirn“

Professor Ulrich Keil 

Professor Ulrich Keil  Foto: dpa, Wilfried Gerharz

Münster - 

Der Straßenverkehr beeinträchtigt die Gesundheit insbesondere älterer Menschen, Asthmakranker und kleiner Kinder. Das belegen Studien. Ulrich Keil, seit 2009 emeritierter Professor für Epidemiologie und Sozialmedizin der Uni Münster, ist auch als Gutachter für die Weltgesundheitsorganisation, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und den Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland tätig. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Stefan Werding wird auch er nicht müde, auf die Gefahren durch die Abgase hinzuweisen. Und nicht nur auf die.

Von Stefan Werding

Wundert Sie, wie wenig in den Debatten um das Pendeln und den Diesel die Rolle der Anwohner beachtet wird?

Keil: Das ist schon interessant. Die Belastung direkt an der Straße ist erwiesenermaßen gravierend. Früher hat man nur an die Lungen gedacht. Inzwischen ist klar, dass auch das Herz-Kreislaufsystem durch Feinstaub besonders belastet wird.

Wie sehr stehen Krankheiten und Todesfälle mit Feinstaub in Verbindung?

Ulrich Keil: Wir haben bei einer Studie in Münster schon in den 90er Jahren klar gezeigt: Die Kinder und Jugendlichen, die an Straßen mit Lastwagenverkehr gewohnt haben, hatten deutlich höhere Asthma-Raten. Und die Menschen, die in einem Abstand von bis zu 200 Metern an den Ausfahrtstraßen leben, haben ein mindestens doppelt so hohes Risiko, an Lungen- und Herz-Erkrankungen zu sterben wie andere. Schätzungen, wie viele Menschen in Deutschland jedes Jahr an den Folgen des Autoverkehrs sterben, sind schwierig. Das Umweltbundesamt spricht von über 40.000 Todesfällen pro Jahr in Deutschland durch die gesamte Luftverschmutzung.

Was ist so gefährlich am Feinstaub?

Keil: Er ist so klein, dass er über die Lungenalveolen (Lungenbläschen) direkt in den Blutkreislauf gelangt und sich überall im Körper verbreitet, auch im Gehirn.

Heißt das, dass er direkt ins Gehirn gelangt?

Keil: Ja, der landet überall, weil er so winzig klein ist. Wenn Sie ein Haar auf zwei Meter Durchmesser vergrößern, dann ist der Feinstaub so groß wie ein Fußball und der „kleinere“ Feinstaub so groß wie ein Tennisball und dann gibt es da auch noch den Ultrafeinstaub, der im Nanometerbereich liegt.

Wie hoch ist der Anteil des Straßenverkehrs am Feinstaub?

Keil: Etwa 20 Prozent. Der Feinstaub kommt aus vielen Ecken: Wenn in Kaminen bei nicht genügender Hitze Holz verbrannt wird, kann das sehr gesundheitsschädlich sein. Dazu kommt Feinstaub aus der Landwirtschaft z. B. durch die Gülle, die auf die Felder ausgebracht wird und woraus Ammoniak entsteht, der ursächlich an der Feinstaubentstehung beteiligt ist. Auch große Waldbrände können die Feinstaubbelastung stark erhöhen. Dann natürlich die verarbeitende Industrie und die Kraftwerksindustrie, der Flugverkehr, die Binnenschifffahrt, die Containerschiffe. Und nicht zu vergessen die Kreuzfahrtschiffe, die draußen auf See immer noch Schweröl verbrennen.

Was ist in Ihren Augen nötig, um die Anwohner vor dem Straßenverkehr wirksam zu schützen?

Keil: Um die Luft zu verbessern, müssen wir andere Antriebe forcieren. Theoretisch ist mit dem Diesel alles möglich. Aber das ist mit solchen Kosten verbunden, dass das nicht realisierbar ist. Der Witz ist ja: Wenn Sie den Feinstaub aus den Abgasen herausfiltern, kostet das Energie. Das erhöht wieder den Verbrauch. Das führt wieder zu mehr NO2 und CO2. Die Katze beißt sich also immer wieder in den Schwanz. Deswegen brauchen wir andere Antriebe. Durch die Einführung von Umweltzonen hat sich die Lage in den Städten ja auch nicht gebessert. Vor drei Jahren hat einer meiner Kollegen zu unserer großen Verwunderung festgestellt, dass sich durch die Umweltzonen nichts verändert hat. Heute wissen wir warum. Das war ja alles Augenwischerei. Die sogenannten saubereren Fahrzeuge haben die Luft ja in Wirklichkeit genauso belastet wie vorher.

Was raten Sie Menschen, die an viel befahrenen Straßen wohnen?

Keil: Die Fenster zu schließen. Nach hinten rauszuschauen und sich politisch in Bürgerinitiativen zu engagieren. Vor allen Dingen aber sollten sie nicht rauchen. Das erhöht das Risiko durch Feinstaub noch zusätzlich um ein Vielfaches. Das ist bigott. Auf der einen Seite heißt es: Jeder hat ein Recht auf saubere Luft. Trotzdem sind wir das letzte Land in der EU, in dem noch Werbung für das Rauchen gemacht werden darf.

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