So., 13.08.2017

Interview zum Eierskandal Bio und billig passt nicht

Michael Radau betreibt seit mehr als 20 Jahren den Superbiomarkt und setzt auf Transparenz. Zunehmend fragen Verbraucher nach der Herkunft von Produkten.

Michael Radau betreibt seit mehr als 20 Jahren den Superbiomarkt und setzt auf Transparenz. Zunehmend fragen Verbraucher nach der Herkunft von Produkten. Foto: Oliver Werner

Münster - 

Der Eierskandal zieht noch weitere Kreise, davon ist Michael Radau überzeugt. Der 56-Jährige ist Vorstandsvorsitzender der Superbiomarkt AG mit Sitz in Münster.

Von Gabriele Hillmoth

Das Unternehmen betreibt 25 Märkte mit dem Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Oldenburg und in Osnabrück. Das Unternehmen beschäftigt knapp 600 Mitarbeiter. Radau ist seit 1982 im Biobereich tätig. Er engagiert sich darüber hinaus als Präsident des Handelsverbandes NRW und als Vorsitzender des Handelsverbandes Westfalen-Münsterland. Redakteurin Gabriele Hillmoth sprach mit ihm über den Eierskandal.

Gab es schon einmal einen Skandal in dieser Größe?

Radau: Das ist heftig. Mich erschreckt aber auch, dass ein solcher Vorfall heute überhaupt noch möglich ist. Ich erinnere an die Problematik der Dioxine in den Eiern, das ist mir noch sehr präsent. Damals wurden Fette dem Futter zugemischt, dabei handelte es sich teilweise um Altöle. Dieser Vorfall liegt erst ein paar Jahre zurück.

Der Fipronil-Eier-Skandal: Der Skandal um die mit dem Insektizid belasteten Hühnereier aus den Niederlanden verunsichert Verbraucher auch in Deutschland. Die wichtigsten Ereignisse:

Wie hat sich dieser Dioxinfund damals auf den Handel ausgewirkt?

Radau: Schon damals konnten wir nachweisen, woher die Eier in unseren Märkten kommen. Die Kunden fragen jetzt häufiger nach den Erzeugern von Produkten. Unsere Lieferanten produzieren ihr Futter selbst und gehen durch Eigenerzeugung ganz anders damit um. Wir haben nirgendwo Eier zugekauft, was vielleicht kaufmännisch eine ungewöhnliche Entscheidung war, obwohl wir Angebote über Bio-Eier hatten. Aber wir kennen jeden Landwirt, der Eier produziert und wissen, dass nur eine begrenzte Menge an Eiern zur Verfügung steht. Heute geht die Situation in die gleiche Richtung. Der Absatz hat um 30 Prozent zugenommen.

Wie reagieren die Kunden?

Radau: Die Eier wurden uns damals aus den Händen gerissen. Dieser Ansturm ist jetzt mindestens so heftig. Ich erinnere mich an Szenen, wo ein Landwirt die Eier abgeliefert hat und eineinhalb Stunden später war alles ausverkauft. Heute ist es vielleicht etwas entspannter, weil die Landwirte mit uns gewachsen sind. Trotzdem ist das Angebot begrenzt.

Setzen Sie auf ein Umdenken der Erzeuger und Verbraucher?

Radau: Ich habe die Hoffnung und Erwartung, dass die Kunden kritischer hinterfragen, was wir machen. Wir brauchen Landwirte, die bereit sind, umzustellen, und wir brauchen Verbraucher, die bereit sind, ein bisschen mehr Geld zu bezahlen. Ich kenne Landwirte, die bereit sind, ihre Betriebe umzustellen, wenn Kunden diesen Schritt honorieren würden.

Aber die Tendenz sieht gerade im Lebensmittelbereich anders aus?

Radau: Auch im Biobereich gibt es Tendenzen, wo versucht wird, Sachen billig zu machen. Bio zu sein, aber billig zu sein, das geht nicht zusammen. Der Verbraucher muss bereit sein zu bezahlen, damit auch der Erzeuger seine Arbeit vernünftig machen kann. Ansonsten dürfen wir uns nicht beschweren. Ich hoffe, dass mehr Menschen Lebensmittel wertschätzen und sagen, dass es so nicht weitergehen darf. Für Smartphones werden Hunderte von Euro bezahlt, da sagt keiner etwas. Aber gespart wird bei Lebensmitteln. Wir müssen lernen, dass Bio und billig seriös nicht zusammenpasst.

Leidet der gesamte Handel unter diesem Skandal?

Radau: Für den Handel ist es ein Imageproblem, weil er dafür verantwortlich gemacht wird. Die Händler sehen sich in der Kritik der Verbraucher, die auch ihnen kriminelle Energie zutrauen. Das kann ich nachvollziehen, aber ich glaube, kein Händler würde wissentlich so etwas verkaufen. Nur die Grundsystematik – wie kriegen wir etwas billiger – fördert so etwas, darüber müssen wir uns im klaren sein.

Was bedeutet Glaubwürdigkeit?

Radau: Wir versuchen klar zu machen, wie wir Transparenz sehen und zeigen darum, wo die Rohstoffe herkommen. Der Verbraucher muss sich ein bisschen kümmern und intensiv hinschauen.

Wie soll er mit Eiern umgehen, auf denen die Stempel nicht zu lesen sind?

Radau: Ich kann nur jeden Kunden dringend bitten, diese Eier zu reklamieren. Das ist unsauberes Arbeiten, das ist nicht in Ordnung. Wenn wir ein Produkt hätten, wo wir das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht lesen könnten, würden wir ja auch sagen, das ist nicht in Ordnung.

Welche Rolle spielt dabei die EU?

Radau: Ich bin geschockt, dass das Eierproblem in den Niederlanden seit Herbst letzten Jahres bekannt sein soll. Da frage ich mich, wie die grenzüberschreitende Kommunikation funktioniert. Das ist für mich schon richtig und wichtig, europaweit zu denken. Aber wenn wir in Europa zusammenwachsen, muss es auch einen verpflichtenden Austausch geben. Dann darf niemand aus Sorge mit der Problematik hinterm Berg halten. Das muss deutlich untersucht werden.

Wie sehen die EU-Regeln für Bioprodukte aus?

Radau: Die europaweiten Regeln sind nur ein Mindeststandard. Nach der EU-Bioverordnung dürfen in einer Hühnerhaltung nur maximal 3000 Tiere gehalten werden. Nirgendwo steht aber geschrieben, dass man nicht sechs Ställe mit je 3000 Tieren nebeneinander haben darf. So bekommt man auch Bio-Eier billiger aus Tierherden mit oft 20 000 und mehr Tieren.

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