Interview mit Claudia Büchel
Stadtbücherei nicht nur ein Ort zum Ausleihen

Münster -

„Die Ausleihzahlen der Bibliotheken allgemein sind rückläufig, andererseits sind die Häuser voll wie nie zuvor.“ Claudia Büchel, Leiterin der Stadtbücherei Münster, erklärt im Interview, warum in ihrem Haus manchmal kein Stuhl mehr frei ist.

Samstag, 06.01.2018, 12:01 Uhr

Stadtbücherei-Leiterin Claudia Büchel.
Stadtbücherei-Leiterin Claudia Büchel. Foto: klm

Im Spätsommer ist die langjährige Leiterin der Stadtbücherei, Monika Rasche, in den Ruhestand gegangen. Ihre Aufgaben hat sie an Claudia Büchel (43) abgegeben. Die gebürtige Kölnerin und bisherige Leiterin der Stadtbücherei Hilden hat ihre Stelle am 1. September angetreten. Über ihre Gründe, aus dem Rheinland nach Münster zu wechseln und die zukünftige Ausrichtung der Bücherei sprach ­Redaktionsmitarbeiter Klaus Möllers mit ihr.

Sind Sie in Münster für sich selbst schon angekommen?

Büchel: Ja, ich bin hier gut aufgenommen worden. Die Wohnungssuche war spannend – aber ich habe trotz der vielen Konkurrenz recht schnell etwas gefunden. In Münster bin ich schon vor meinem Dienstantritt einige Male gewesen.

Sie waren acht Jahre lang Leiterin der Stadtbücherei Hilden, die sogar deutschlandweit zur „Bibliothek des Jahres 2016“ gewählt wurde. Ihre Konzepte und Angebotsideen wurden von allen Seiten gelobt. Warum der Wechsel?

Büchel: Eine höhere Auszeichnung gibt es im deutschen Bibliothekswesen nicht. Ich habe mich gefragt, wie es für mich weitergeht. Die Stelle in Münster war ausgeschrieben. Stellenwechsel ist immer eine Herausforderung. Ich bin in Köln geboren und jetzt das erste Mal aus dem Rheinland weggezogen. Münster hat einen guten Ruf als Stadt – und die Bibliothek hat ihn auch. Bibliotheken sind sich grundsätzlich ähnlich, und ich konnte im Alltag von meinen bisherigen Erfahrungen profitieren und musste nicht alles komplett neu lernen.

Wie schätzen Sie die ­Bücherei ein, wie Sie sie vorgefunden haben?

Büchel: Ich habe ein gut aufgebautes Haus übernommen. Monika Rasche hat es geschafft, ihre Ideen hier zu verankern. Die Bibliothek ist sehr gut aufgestellt und organisiert.

Wollen Sie etwas ver­ändern?

Büchel: Veränderungen kommen von selbst. Ein Viertel der Beschäftigten geht innerhalb der nächsten fünf Jahre in den Ruhestand. Der demografische Wandel wird bei uns voll zuschlagen. Fragen werden auch sein: Welche Schwerpunkte setzen wir? Und welche Qualifikationen des Personals brauchen wir? Welche Berufsgruppen kommen dafür infrage außer dem Biblio­thekar und dem Fach­angestellten für Medien?

Weil digitale Inhalte und das Internet ein fester ­Bestandteil der Medienwelt geworden sind?

Büchel: Es gehören zum Haus bereits länger ein Medienpädagoge und ein Informatiker. Ja, es gibt das Internet und es gibt technische Aspekte – wenn etwa Schulen zu uns kommen, die mit Tablets arbeiten. Dann ist es gut, wenn auch andere Professionen vertreten sind.

Braucht es ein noch breiteres Angebot?

Büchel: Im kommenden Jahr wollen wir uns mit den Fragen beschäftigen: Wer sind wir? Wo geht es mit uns als Bibliothek hin? Eine Bibliothek war früher Ausleihstelle. Die Ausleihe aber tritt weiter zurück. Leute ­wollen auch Sachinformationen, sie wollen Filme und CDs streamen. Die Ausleihzahlen der Bibliotheken allgemein sind rückläufig. Andererseits sind die Häuser voll wie nie zuvor. Weil Leute hier Zeit verbringen und die Bibliotheken als sogenannten Dritten Ort wahrnehmen – sie treffen sich zum Beispiel, um gemeinsam zu lernen oder um sich zu vernetzen, real oder virtuell. Wenn es auf Abi-Zeiten zugeht, ist hier kein Stuhl mehr frei.

Wie schätzen Sie die öffentliche Bildungslandschaft in Münster ein?

Büchel: Münster hat ein umfassendes Angebot. Das hängt mit dem Standort von Universität, Fachhochschule und weiteren Bildungseinrichtungen zusammen. Es gibt es ein hohes Bildungsniveau in der Stadt. Deshalb überlegen wir als Stadt­bücherei, was unsere Aufgabe ist und welche Aufgaben eher andere machen. Wir können auf jeden Fall in vielen Bereichen für Besucher unterstützend tätig sein. Weil wir wissen, wie Informationen zugänglich sind.

Wie sind Sie zum Bibliothekswesen gekommen?

Büchel: Ich habe früher in der Bibliothek unseres Schulzentrums gefragt, wie  man Bibliothekarin wird. Die Tür für ein Studium stand damals offen. Ich habe Öffentliches Bibliotheks­wesen studiert mit dem Schwerpunkt, hinterher in einer städtischen Einrichtung zu arbeiten (Anmerkung der Red.: Claudia Büchel ist Diplom-Bibliothekarin mit der Fachrichtung öffentliche Bi­bliotheken und verfügt über eine Zusatzqualifikation im Kulturmanagement). Ich mag Literatur und das Syste­matische. In einer öffent­lichen Bibliothek ist es zudem schön, dass wir mit Menschen jeden Alters zu tun haben – mit Themen für Eltern zum Babyalter, mit Kitas, Schulen und älteren Besuchern.

Sie sind Rheinländerin und sind nach Westfalen gewechselt. Merken Sie einen Mentalitätsunterschied, von dem manchmal gesprochen wird?

Büchel: Hier in der Bibliothek arbeiten viele Leute, die aus ganz verschieden Gegenden kommen. Ich denke, es ist zu früh für mich, ­Unterschiede ausmachen zu wollen.

Was begeistert Sie an ­Büchern und am Lesen?

Büchel: Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt, wenn man das richtige Buch liest. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht für mich mit einem Buch beschäftigt bin.

Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen seit dem Antreten der Stelle – mit den Menschen, mit der Arbeit, mit den Aufgaben?

Büchel: Sehr positiv. Ich bin von allen freundlich aufgenommen worden. Ich hadere im Moment nur leider mit dem Wetter, weil ich jetzt immer mit dem Fahrrad fahre und oft nass werde. Was die Arbeit betrifft, werde ich von meinen beiden Stellvertretern gut eingearbeitet. Wir verbringen in der ­Woche viel Zeit zu­sammen, damit ich schrittweise in alles eingeführt werde.

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